Bockbrauerei-Areal : Kein Bock auf Luxuswohnungen

Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt stellt ehemalige Bockbrauerei als Gewerbegebiet zur Diskussion.

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Das Gelände vor der ehemaligen Bockbrauerei könnte auf die Höhe der Schwiebusser Straße abgesenkt werden.
Das Gelände vor der ehemaligen Bockbrauerei könnte auf die Höhe der Schwiebusser Straße abgesenkt werden.Grafik: Bauwert AG

In Kreuzberg braut sich etwas zusammen. Wieder einmal. Es geht – aus Sicht der Gentrifizierungsgegner – um die Interessen des Großkapitals, die Interessen der Stadt Berlin mehr Wohnungen auf den Markt zu bringen und die Interessen des Bezirks die „Kreuzberger Mischung“ lebendig zu halten. Wenn über die Zukunft des Geländes der ehemaligen Bockbrauerei diskutiert wird, sind Hopfen und Malz zwar noch nicht verloren, doch hinter den Fassaden gärt es. Und das könnte durchaus noch zwei Jahre so weitergehen.

Dr. Jürgen Leibfried, Vorstand und Gründer der Bauwert Aktiengesellschaft, versteht die Welt nicht mehr. Von seinem Eckbüro im 13. Stockwerk des Kranzler Ecks Berlin kann er den Horizont sehen. In Sichtweiter: Kreuzberg. Hier liegt das etwa 13 000 Quadratmeter große Areal zwischen Fidicinstraße und Schwiebusser Straße, das sein Unternehmen laut Handelsregistereintrag vom 3. Juli 2015 erworben hat. Damals waren hier etwa 30 Kultur- und Gewerbebetriebe beheimatet. Die meisten Verträge hat Bauwert auslaufen lassen, denn Leibfried hat große Pläne an diesem Standort. In seinem Büro fallen sie dem Betrachter in Gestalt von Architekturzeichnungen und Aufrissen an mehreren Stellen ins Auge.

Historie

Der Grundstein für die erste Brauerei in Berlin, die Bier im untergärigen Brauverfahren herstellte, wurde laut Berlin-Lexikon Luise am 8. Mai 1838 gelegt. Georg Leonhard Hopf (1799–1844), hieß sinnigerweise der Mann, der Mitte der zwanziger Jahre schneller als andere erkannte, dass sich mit dem „Baierischen Bier“ in Berlin Geld machen ließe. In der Fidicinstraße wurde der gelernte Küfer nun aktiv. Sein bayerisches Bier war ein klarerer, alkoholreicherer und kohlensäureärmerer Gerstensaft als die im obergärigen Verfahren hergestellten Biere. Die Beliebtheit stieg, nachdem das untergärige Brauverfahren in Böhmen verfeinert und das Bier als Pilsner in Berlin gehandelt wurde. Unter dem Namen „Baierisch-Bierbrauerei G. Hopf“, eröffnete Hopf Ostern 1839 die erste Bockbiersaison. Die alljährliche Bock-Walpurgis wurde zu einem traditionellen Höhepunkt. Nach dem frühen Tod des Firmengründers wurde das Geschäft durch die Witwe und deren Söhne weitergeführt, die 1861 es an J. F. Ehrenreich verkauften. Ab 1871 wurde durch Verkauf und Umwandlung die Berliner Bock-Brauerei AG gebildet. Um 1920 übernahm die Schultheiss-Patzenhofer AG, Abteilung Südwest, die Brauerei, und um 1922 wurde sie stillgelegt. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Anlagen schwer beschädigt. Auf dem ehemaligen Saal- und Gartengelände befindet sich heute ein Seniorenheim. Erhalten ist das 1905 erbaute prachtvolle Schankgebäude, das nicht unter Denkmalschutz steht – im Gegensatz zu den Kellern, in denen Zwangsarbeiter arbeiten mussten. Das Schankgebäude wurde zusammen mit den vorhandenen Kelleranlagen von verschiedenen Firmen, u. a. einer Weingroßhandlung, genutzt. Bekannt wurde die Bockbrauerei in Kreuzberg auch, weil hier der 25 Jahre alte Sinto Johann Wilhelm Trollmann 1933 die deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht gewann. Trollmann zählte zu den besten Faustkämpfern der Weimarer Republik. Die Nazis fanden seinen tänzelnden Kampfstil „undeutsch“ – Trollmann wurde der in der Bockbrauerei errungene Titel entzogen.

Das ehemalige Brauereigelände liegt in einem Mischgebiet – Wohnen und Gewerbe sind hier zulässig und darauf bauen die Pläne der Bauwert AG auf. Leibfried hat eine Mischung aus Kultur, neuer Bürowelt (Stichwort: Coworking etc.) und standortadäquatem Einzelhandel vor Augen – und Wohnungen natürlich. Denn damit lässt sich Geld verdienen, vor allem in Kreuzberg, vor allem in oder vor historischen Kulissen.

Vor allem Kreuzberger Kleinbetriebe sollen hier unterkommen

Die Bauwert AG hat dem Bezirk einen Entwurf vorgelegt, der zum einen geplanten Neubau des benachbarten Union Hilfswerkes berücksichtigt, unmittelbar an der Grundstücksgrenze. Vor allem aber verpflichtet sich das Unternehmen – gemäß Notarvertrag – 82 Wohnungen für die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge zu errichten. Fünfzig Prozent der insgesamt etwa 28 760 Quadratmeter Wohn- und Gewerbeflächen sind für das Gewerbe vorgesehen. Bei einer Neuvermietung sollen insbesondere Kreuzberger Kleinbetriebe berücksichtigt werden.

Leibfried lässt im Gespräch mit dem Tagesspiegel keinen Zweifel daran, dass die „Kreuzberger Mischung“ auch ein Verkaufsargument zum Absatz der geplanten Wohnungen ist: „Die Leute, die sich da einkaufen, wollen auch die Kreuzberger Mischung haben.“ In einer möglichst romantischen Variante. Also ist ein Weinkeller geplant und unter dem Stichwort Landlust an den Verkauf von Obst, Gemüse, Käse und dergleichen gedacht.

Die ehemaligen Brauereikeller unterhalb des historischen Hauptgebäudes sollen in Absprache mit dem Landesdenkmalamt saniert werden. Zumindest ein Gebäudekeller soll als Erinnerungsstätte hergerichtet werden, um an die Situation der Zwangsarbeiter von Telefunken in der Endphase des Zweiten Weltkrieges (November 1944 bis März 1945) in angemessener Forum zu erinnern.

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