Immobilien : Ein Gespräch? 50 Euro!

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Von Bernd Hettlage

Das Häuschen könnte Astrid Lindgren erfunden haben. Pippi Langstrumpf würde dann mit ihren roten Zöpfen auf dem Balkon stehen und winken. Aus Brettern und Latten, Schleiflackfurnier und Blech ist es zusammengeschustert. Das Obergeschoss ziert eine Balustrade, seitlich ragt ein windschiefes Ofenrohr aus der Wand. Um die Laube wuchert ein eingewachsener Garten. Auf sorgfältig angelegten Rabatten sprießt dichtes Grünzeug – und das mitten in Berlin. Häuschen und Garten liegen nämlich auf einer Verkehrsinsel auf dem Bethaniendamm, unweit der Sankt Thomas Kirche am Mariannenplatz, wo die Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte verläuft. Autofahrer bremsen ungläubig ab, Fahrradfahrer recken ihre Hälse, Touristen zücken die Fotoapparate. Das kann doch wohl nicht sein. Wer hat das gebaut? Und wer hat das erlaubt?

“Ach, die Ökolaube”, beantwortet Frank Schulz aufgeräumt die Frage, ob er den Garten kenne. Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg scheint sich zu freuen, dass er mal auf etwas anderes als auf knappe Kassen und die daraus folgenden Sparmaßnahmen angesprochen wird. Obwohl die fortdauernde Existenz des Gartens mit dem Haushaltsnotstand etwas zu tun hat. „Gehen Sie ruhig hin“, ermuntert Schulz, „bei Osman Kalin gibt es einen ausgezeichneten Tee, der lädt sie bestimmt ein.“

Osman Kalin ist der Erbauer des Häuschens und der Schöpfer des Gartens. Eigentümer kann man ihn nicht nennen, denn das Gelände gehört dem Bezirksamt Mitte. Mieter ist er auch nicht, denn es gibt keine Verträge, noch gab es je eine Genehmigung für Gebäude und Garten – außer vom Zentralkomitee der untergegangenen DDR. Denn den Garten und das Häuschen gibt es schon seit zwanzig Jahren. Und mitten über den Bethaniendamm verlief damals die Mauer. Osman Kalin ist ein alter Mann mit langem weißen Bart, ein gebürtiger Türke, der mit seiner Frau Hatice seit mehr als 20 Jahren in Kreuzberg lebt. Die Gastfreundlichkeit scheint ihm allerdings in letzter Zeit abhanden gekommen zu sein. Er steht auf seinem Balkon und hämmert Nägel in die Wand. Fragen will er heute nicht beantworten. Anstalten, den Besucher in sein Häuschen einzuladen, macht er schon mal gar nicht. Stattdessen zeigt er auf seinen Kiefer. Er habe eine Operation gehabt und Schmerzen beim Reden. Man solle morgen wiederkommen, wenn seine Frau da sei, das koste aber Geld. Alle Zeitungsleute würden für die Antworten bezahlen. Darauf wendet er sich ab und fängt wieder an zu hämmern.

Also zurück zu Baustadtrat Schulz, der bereitwillig die Geschichte des Gartens erzählt: “Das Ganze war ja eine friedliche Inbesitznahme.” Eine Besetzung also, Anfang der achtziger Jahre in Kreuzberg durchgeführt, zur Hochzeit der Hausbesetzerbewegung und direkt an der Mauer. Die DDR habe, um Grenzmauer zu sparen, diese ja manchmal begradigt, berichtet Baustadtrat Schulz. Der Arbeiter- und Bauernstaat wollte Baumaterial sparen. Auch an dieser Stelle des Bethaniendamms. Dadurch lag auf einmal ein Stück DDR auf der Kreuzberger Seite der Mauer. Der spitzbübische Kalin fing 1982 einfach an, sein Gemüse dort zu ziehen und seine Laube Schicht für Schicht aufzubauen.

„Aber die Mauer hatte ja Betontüren”, erzählt Schulz weiter. Die öffneten sich bald, DDR-Grenzsoldaten lugten heraus und fragten Kalin, was er denn auf DDR-Territorium treibe. Heute, sagt Schulz, wisse man aus Unterlagen, dass die Angelegenheit bis vor das Zentralkomitee ging. Mit dem Ergebnis, dass Kalin bleiben durfte – als sichtbares Beispiel für ein Opfer kapitalistischer Verhältnisse: der arme anatolische Bauer im reichen Westberlin, der sich sein eigenes Gemüse ziehen muss, um sich ernähren zu können. „Zum Dank belieferte er die Grenzer dann mit Zwiebeln”, ergänzt Schulz schmunzelnd. Nach der Wende galten dann wieder die alten Bezirksgrenzen. Da lag der Garten des inzwischen in ganz Kreuzberg bekannten Originals auf einmal im Bezirk Mitte. „De jure und de facto gehört er jetzt zu Mitte”, sagt Schulz, als bedaure er den Verlust des bekannten Einwohners.

Dreizehn Jahre ist der Mauerfall her, und Kalin ist immer noch da. Er überstand sogar die Räumung einer Wagenburg, die sich 1996 um ihn herum am Bethaniendamm gebildet hatte. Nur Kalins Garten blieb unangetastet. Im Grunde dürfe es so ein Häuschen ja gar nicht geben, sagt Schulz, denn es befinde sich zum Teil auf Straßenland, und darauf dürfe niemand bauen. Dass die Hütte noch stehe, liege wohl an der „liberalen Haltung” des Bürgermeisters von Mitte, Joachim Zeller. Und an der Haushaltslage.

Das Grundstück ist rechtlich zwar Straßenland, liegt aber auf dem ehemaligen Luisenstädter Kanal - und den will das Land Berlin eigentlich wieder in den Zustand von 1926 versetzen. Der Kanal reicht vom Oranienplatz über das Engelbecken und den Bethaniendamm bis zur Köpenicker Straße. 1848 bis 1850 wurde er als Verbindung zwischen Landwehrkanal und Spree nach Plänen von Peter Joseph Lenné gebaut. 1926 wurde er wieder zugeschüttet – Berichten zufolge als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die damals zahlreichen Berliner Erwerbslosen. Der damalige Gartenbaudirektor Erwin Barth gestaltete zwischen den Kanalmauern Gärten mit Rosen und Immergrün. Das Engelbecken und den Bethaniendamm füllte die DDR mit Kriegstrümmern und errichtete 1961 darauf die Mauer. Nach 1990 wurde der Kanal wieder freigelegt.

Der Leuschnerdamm zwischen Oranienplatz und Engelbecken ist inzwischen nach historischem Vorbild wieder hergestellt, das Becken mit Wasser gefüllt. Mehrere Millionen Euro hat das gekostet. Für den Teil zwischen Engelbecken und Köpenicker Straße ist nun kein Geld mehr da. Das Land hat die Pläne nicht aufgegeben, sagt Schulz, aber in dieser Legislaturperiode werde es wohl keine Mittel mehr dafür geben. So blieben Osman Kalins Garten und Häuschen bis heute erhalten. Wenn es nach Schulz geht, soll das auch so bleiben: „Ich fände das ganz toll für die weltoffene Großstadt Berlin, wenn dieser Garten erhalten werden kann.”

Wenn man dabei nur von einem einzigen Garten spricht, ist das nicht ganz richtig. Ins Auge fällt zwar vor allem Osman Kalins Häuschen. Aber das etwa 350 Quadratmeter große Grundstück besteht aus zwei getrennten Parzellen. An der Besetzung des DDR-Gebiets beteiligt war das ebenfalls türkisch stämmige Ehepaar Akyol. Heute versorgt deren Sohn Mustafa die Gemüsebeete. Auf ihrem Teil des Grundstücks steht allerdings kein Haus, sondern nur ein kleiner, lilafarbener Geräteschuppen.

Mustafa Akyol ist zugänglicher als sein Nachbar. Bei einem zweiten Besuch am Bethaniendamm öffnet er dem Besucher gleich die Gartenpforte und holt stolz einen großen Samowar aus seiner Hütte. „Nachmittags sitzen wir immer hier und trinken Tee oder grillen.” Jetzt ist allerdings früher Vormittag, sonst käme es doch noch zu der vom Baustadtrat avisierten Einladung. Akyol wohnt schräg gegenüber, wie auch seine Eltern. Er habe einen Vertrag mit dem Bezirksamt, bezahle aber nichts für den Garten, gibt er an. „Es ist doch schön hier”, sagt er und blickt sich zufrieden um, während sein zweijähriger Sohn Cansel kostbares Wasser zielsicher an den Tomaten vorbeisprüht. Das müssen die Akyols nämlich in Regentonnen auffangen oder von zu Hause herbeischleppen. Es gibt weder Wasser noch Strom oder Toiletten auf dem kleinen Grundstück, auch bei den Kalins nicht.

Osman und seine Frau Hatice Kalin sind mit ihren Beeten beschäftigt. Frau Kalin schaut nur kurz auf, als sie durch den Zaun angesprochen wird: „Ein Gespräch kostet 50 Euro.” Als das auf Ablehnung stößt, sagt sie, man solle mit ihrem Mann reden und widmet sich wieder der Gartenarbeit. Osman Kalin öffnet die Eingangstür seines Häuschens einen Spalt weit und steckt den Kopf heraus. Auch er bleibt dabei: 50 Euro. Wir winken erneut dankend ab. Da geht die Tür ein Stück weit zu, doch dann rasch wieder auf: Was für Fragen man denn überhaupt habe? „Wohnen Sie hier?“ Ja, sagt er, es gebe zwei Öfen in dem Häuschen. Dann der Gesinnungswandel: Fragen beantworten koste 50 Euro, wie gesagt. Die Tür fällt wieder ins Schloss und geht gleich wieder auf. „Was wollen sie denn wissen?” Ob er einen Pachtvertrag mit dem Bezirksamt hat? Ja, sagt Kalin, aber wie gesagt, 50 Euro ... Als er ein erneutes Kopfschütteln erntet, zögert er, schiebt die Tür hin und her, dann schließt er sie endgültig.

Nachtrag: Die Berliner Filmemacher Imma Harms und Thomas Winkelkotte drehten 1998 einen Dokumentarfilm über die Kalins mit dem Titel: „Was man so sein eigen nennt ...” Wem gehört der Garten?, fragten sie. Dem, der ihn seit Jahrzehnten nutzt? Oder dem Bezirksamt, das für seine Pläne kein Geld hat und den Nutzer auf Abruf gewähren lässt? Baustadtrat Schulz hat noch eine Anekdote zur „Eigentumswahrnehmung” der Kalins, wie er das nennt. Eines morgens sei der alte Herr Akyol in seinen Garten gekommen. Da schien es ihm, als sei „sein“ Grundstück plötzlich ein ganzes Stück kleiner. So war es auch: Nachbar Osman Kalin hatte in einer Nacht- und Nebelaktion einfach den Gartenzaun versetzt.

Inzwischen ist wieder Friede eingekehrt. Die Kalins und die Akyols wühlen wieder nebeneinander in der Erde. Einträchtig zusammenstehen müssen sie auch eines fernen Tages, wenn der Räumungsbefehl vor ihrem Gartenzaun liegt.

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