Europäische Metropolen : Neues Leitbild gesucht

Auf dem "Zeitschichten der europäischen Stadt" in Berlin diskutierten Fachleute über die Folgen Urbanisierung.

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Es wird eng. Über sechzig Prozent der Menschheit leben in Metropolen. Der Zuzug ist ungebrochen.
Es wird eng. Über sechzig Prozent der Menschheit leben in Metropolen. Der Zuzug ist ungebrochen.Foto: imago

Der Zuzug zu den großen Metropolen ist ungebrochen, über sechzig Prozent der Menschheit leben in Metropolen und es werden immer mehr. Die räumlichen Strukturen der europäischen Städte sind darauf kaum noch eingerichtet. Wie die Entwicklung bewältigt werden könnte, damit beschäftigte sich gestern und vorgestern der Kongress „Zeitschichten der europäischen Stadt“ in Berlin. 650 Akteure aus Stadtplanung, Architektur, Denkmalpflege, Kultur, Wissenschaft und Verwaltung diskutierten und tauschten sich über aktuelle Entwicklungen der Stadtplanung in Europa aus.

"Berlin kann sich nicht ausdehnen"

Berlin scheint es noch ganz gut zu haben, wie Brandenburgs Ministerin für Infrastruktur und Landesplanung in einem Grußwort sagte: „Das Berliner Siedlungssystem stammt aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, es entwickelte sich an den Schienensträngen entlang – ein Geschenk der Geschichte.“

Das mag aus Brandenburger Sicht so sein, aus Sicht der Hauptstadt muss man dem nicht folgen. „Berlin ist ein Stadtstaat, der sich nicht ausdehnen kann – wir müssen überlegen, ob wir den Bevölkerungszuwachs an Brandenburg abgeben oder nicht“, sagte auf Anfrage Ralf Müller, Vorstand der Profi Partner AG, die Neubau- und Denkmalimmobilien in Berlin vertreibt und als Projektentwickler aktiv ist. „Urbanität kann auch bedeuten, dass ich in wenigen Minuten einen Regionalzug ins Umland erreiche“, ergänzte Dirk Germandi, Sprecher des Vorstands der Profi Partner AG. Genau zwischen diesen beiden Polen bewegten sich die Diskussionen des Kongresses, zu dem das Bundesbauministerium eingeladen hatte.

Die europäischen Städte stehen vor einem "gigantischen Transformationsprozess"

Karla Šlechtová, Ministerin für Regionalentwicklung in Tschechien, überlegt zum Beispiel, Metropolenräume durch Eingemeindungen neu zu schaffen. „Wir haben nur zehn Millionen Einwohner, aber 6500 kleine Städte,“ sagte sie zur Begründung. Das seien viel zu viele.

Doch was, wenn umgekehrt das alte planerische Modell „Graue Stadt – grünes Umland“ nicht mehr funktioniert, weil die Städte wachsen und die historischen Strukturen dem gar nicht gewachsen sind? Dann gehören wohl Spurenelemente des ursprünglichen Umlandes in die Stadt hinein. „Industrielle Quartiere – früher außerhalb der Stadt gelegen – haben heute häufig keine industrielle Bedeutung mehr,“ sagte Joan Busquets von der Harvard Universität in seinem Vortrag „Perspektive 2050 – Weiterentwicklung der Europäischen Stadt.“

Sie könnten die Plätze sein, wo neue Großstrukturen der Stadt der Zukunft ihre Räume finden. „Die Stadt mit dem Zentrum und der Natur drumherum: Das ist vermutlich in Zukunft nicht mehr das Leitbild,“ sagte Busquets: „Wir brauchen nicht nur Häuser, wir brauchen Plätze für Mobilität, Freiflächen und gemischte Gebiete.“ Die europäischen Städte stünden vor einem „gigantischen Transformationsprozess“. Europa habe die Möglichkeit, bei der weltweiten Suche nach neuen stadtplanerischen Modellen ganz vorne mit dabei zu sein.

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