Immobilien : Gut gemischt

Neue Farben lassen Wände magnetisch werden oder haben einen Luftreinigungseffekt

Insa Lüdtke

Wir kennen es schon aus der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie: Heute reicht es als Hersteller nicht mehr aus, einfach ein solides Produkt anzubieten. Um sich auf dem Markt zu positionieren, bedarf es eines Zusatznutzens: Joghurts helfen mit Bakterienkulturen als „Funktional Food“ bei der Verdauung, Feuchtigkeitscremes verheißen zusätzlich Straffheit und Bräunung der Haut. Auch die Entwickler der Rezepturen von Wandfarben mischen immer häufiger „aktive“ Ingredienzen in die Farbtöpfe.

So könnten verbogene Heftzwecken und vergilbte Klebestreifen an den Innenwänden der Republik künftig der Vergangenheit angehören: Zeichnungen, Einkaufszettel oder Telefonlisten werden stattdessen von fast unsichtbarer Hand gehalten. In der Küche, im Flur oder im Kinderzimmer kann die Wand – oder ein Teilbereich – mit „Magnetfarbe“ vorgestrichen und anschließend im gewünschten Farbton mit normaler Wandfarbe gestrichen oder mit Tapete überklebt werden. Wichtig ist eine glatte Oberfläche. Mehrere Magnetfarbschichten verstärken die Wirkung.

Zusätzlich kann der Heimwerker magnetische DIN-A-4-Bögen in einem normalen Drucker mit Motiven bedrucken, die er anschließend mit der Schere ausschneidet und an der Wand aufhängen kann. So kann etwa der Schachfan seine Figuren und das Spielfeld platzsparend an die Wand bringen. Leichte und große Magneten halten ideal. Zur Befestigung von dicken Papierstapeln ist das System allerdings nicht geeignet. Für PCs oder Menschen mit Herzschrittmachern sei die Farbe keine Gefahr, so die Auskunft des Herstellers, da sie selbst nicht magnetisch sei, sondern lediglich Eisenteilchen, die Magneten anziehen, enthalte.

Die Beschichtung von Materialien mit kleinsten Teilchen, so genannten Nanopartikeln, die 5000 Mal kleiner sind als der Durchmesser eines Haares, gilt als die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Von maßgeschneiderten Oberflächeneigenschaften, die mit dem Grundmaterial nichts mehr zu tun haben, profitieren bereits die Automobil- und Kosmetik- und Sportbekleidungsindustrie. Nun entdecken Hersteller von Bau- und Heimwerkerbedarf zunehmend solche unsichtbaren Beschichtungen.

An speziellen photokatalytischen Pigmenten, die in sichtbarem Licht aktiv sind, forscht seit 25 Jahren Prof. Dr. Horst Kirsch am Institut für anorganische Chemie der Universität Erlangen-Nürnberg. Vor drei Jahren gelang in Zusammenarbeit mit dem Farbenhersteller Sto AG der Durchbruch: „Spezialpigmente (VLC – Visible Light Catalysts) werden unter Einwirkung von Licht aktiv und beginnen, organische Schadstoffe und Geruchsstoffe in kleine ungefährliche Bestandteile abzubauen“, erklärt Dr. Peter Grochal, Entwicklungsleiter der Sto AG, „dieser Prozess läuft so lange, wie genügend Licht vorhanden ist.“ Es müssten dafür keine zusätzlichen Lichtquellen installiert werden. Es gelte jedoch, je größer die Lichtintensität, desto besser die luftreinigende Wirkung. Bei Dunkelheit findet keine Aktivität statt. Die „Sto Climasan Color-Farbe“ kann universell wie eine „marktübliche“ Innenfarbe eingesetzt werden. „Dieser Prozess funktioniert auf ökologisch völlig unbedenkliche Weise, benötigt werden lediglich Licht und Sauerstoff“, versichert Kirsch.

Der Luftreinigungseffekt beruht auf dem Naturprinzip der Photosynthese. Hierbei werden mit Hilfe des Katalysators Chlorophyll, Sauerstoff und Traubenzucker produziert. Unter Einwirkung von Licht wird der Katalysator aktiviert, organische Substanzen werden laufend abgebaut und die Schadstoffe wie zum Beispiel Formaldehyd in der Luft reduziert. Das Ergebnis ist eine deutlich nachweisbar verbesserte Luftqualität.

Da die Luft von Innenräumen eine Vielzahl an Substanzen enthalten kann, verwenden die Entwickler für die Messungen des Luftreinigungseffekts die so genannte „Molhave-Mischung“. Hierbei handelt es sich um 22 Substanzen aus den Bereichen Lösemittel, Weichmacher, Ketone, Ester, Alkohole. „Lüften ist jedoch immer sinnvoll“, rät Grochal, denn „grundsätzlich ist die Außenluft besser als die in Innenräumen.“ Die Luftfeuchtigkeit wird durch die Luftreinigungsfarbe weder verbessert noch verändert. Zur Regulierung müsse die Feuchtigkeit über Querlüftung nach außen transportiert werden, so Grochal. Die stumpfmatte Wandfarbe ist trotz ihrer aktiven Eigenschaften mit einem feuchten Tuch oberflächlich zu reinigen. „Die Ursachen von Gerüchen werden allerdings nicht beseitigt“, erklärt Birgit Hansen. Die Kölner Innenarchitektin und Materialexpertin warnt: „Gerüche können auch Warnfunktion haben.“ Der zusätzliche Nutzen schlage zudem mit rund zehn bis 15 Prozent Mehrkosten zu Buche.

Welche Chancen und Risiken die Nanotechnologie berge, soll der Kongress „NanoTrends“(im Internet unter www.nanotrends.de) vom 8. bis 11. Mai in Potsdam beleuchten. Auf der internationalen Tagung treffen sich zum vierten Mal rund 40 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und diskutieren über aktuelle Entwicklungen. An der Bedeutung der Nanotechnologie für Industrie und Wirtschaft zweifelt kaum mehr einer: Nach Expertenschätzung werden im Jahr 2015 fast alle Industrien von Nanoanwendungen durchdrungen sein. Bislang haben rund 450 Unternehmen in Deutschland ein Geschäftsmodell umgesetzt, das darauf aufbaut. Doch werden auch Forderungen nach einer stärkeren Auseinandersetzung mit Risiken und Gefahren laut. Erstmalig werden Toxikologen ihre neuesten Ergebnisse über Auswirkungen von Nanopartikeln auf Umwelt und Gesundheit präsentieren.

Neben den High-Tech-Materialien erweitert sich auch die Palette an Low-Tech-Produkten immer weiter: „Chief finish Paint“ heißt etwa eine Lehmfarbe aus 100 Prozent natürlichen Materialien aus dem Hause Tierrafino. Sie ist eine lösemittelfreie und waschfeste Lehmfarbe für den Innenbereich und ist in sieben Farbtönen lieferbar. Sie ist geeignet für den Anstrich auf trockenen, gleichmäßig saugfähigen, fettfreien Untergründen wie Tapeten, Holz, Putz und anderen mineralischen Untergründen. Die Farbe wirkt antistatisch und lässt sich nahezu tropf- und spritzfrei verarbeiten. Durch einen sehr hohen Festkörpergehalt hat die Lehmfarbe eine gute Deckkraft. Die Farbe besteht aus Wasser, Lehm (aus verschiedenen, geprüften europäischen Gruben), Kreide und Porzellanerde. Weitere Inhaltstoffe sind Essigsäure, Methylzellulose und 0,1 Prozent synthetisches Konservierungsmittel.

Die Lehmfarbe „atme“ durch ihre feuchtigkeitregulierenden Eigenschaften, so die Produktinformation des Herstellers. Sie soll auf diese Weise zu einem gesunden Raumklima beitragen. „Um diese Wirkung zu erzielen, reicht es jedoch nicht, die Wand einfach mit Lehmfarbe anzumalen“, erklärt Hansen skeptisch. Erst der gesamte Wandaufbau mit Lehmbauplatten, Lehmputz und Lehmfarbe könne zu einer spürbaren Verbesserung des Raumklimas beitragen.

Weiteres im Internet:

www.magnetfarbe.de

www.sto.de

www.tierrafino.nl

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