Immobilien : Gutes Wohnen, günstige Mieten, pfiffige Grundrisse

Sanierung der „Reichsforschungssiedlung“ Haselhorst weitgehend abgeschlossen.

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Wenn die Wohnungstür offen steht, wird es eng in der Zwei-Zimmer-Wohnung im Burscheider Weg. Dann ist nämlich der Eingang zum Badezimmer blockiert – denn die Wohnung ist äußerst kompakt geschnitten: Auf gerade mal 45 Quadratmetern verteilen sich ein Wohn- und ein Schlafzimmer, eine Küche, ein Bad und ein Flur. Damit ist die Wohnung kein Einzelfall: Gut die Hälfte der ursprünglich 3500 Einheiten, die vor achtzig Jahren im Spandauer Ortsteil Haselhorst entstanden, verfügte über eine Wohnfläche von lediglich 42 bis 49 Quadratmeter.

Diese Effizienz war Programm. Denn die „Reichsforschungssiedlung“, zu der die Kleinwohnung im Burscheider Weg gehört, ist im Zusammenhang mit der drängenden Wohnungsnot in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zu sehen: Auf beispielhafte Weise sollte die Siedlung zeigen, wie sich günstige Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen bauen und gleichzeitig eine hohe Wohnqualität schaffen lassen.

Initiiert wurde das Projekt von der 1926 gegründeten Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen. Für die zwischen 1930 und 1935 erfolgte Realisierung war dann die heutige landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag zuständig. Die Planung stammte von dem berühmten Bauhausarchitekten Walter Gropius und von Stephan Fischer; an der Ausführung waren verschiedene weitere Architekten beteiligt. Seit 1995 steht die Siedlung unter Denkmalschutz.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Gewobag die ihr noch gehörenden 2750 Wohnungen für rund 120 Millionen Euro saniert. Bis Ende dieses Jahres wird der letzte Bauabschnitt abgeschlossen sein. Im nächsten Jahr will das Unternehmen das Ende des Großprojekts mit einem Mieterfest und einer Fachtagung feiern; bereits im Herbst erscheint zudem ein Buch des Stadtführers und Kulturjournalisten Michael Bienert, der im Auftrag der Gewobag die Geschichte der Reichsforschungssiedlung aufgearbeitet hat (siehe Artikel rechts).

Obwohl die Siedlung der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist, hätte sie es nach Überzeugung Bienerts verdient, auf die Unesco-Welterbeliste gesetzt zu werden – so, wie es 2008 bei sechs anderen Berliner Siedlungen der Moderne, darunter der Hufeisensiedlung in Britz und der Weißen Stadt in Reinickendorf, der Fall war. Denn das Projekt in Haselhorst markiere den Schlusspunkt des Siedlungsbaus in der Weimarer Republik, sagte Bienert dieser Tage im Rahmen einer öffentlichen Führung durch die Wohnanlage nördlich des U-Bahnhofs Haselhorst.

Aufmerksamkeit verdient die „Reichsforschungssiedlung“ aber auch deshalb, weil die Themen, die bei ihrem Bau vor achtzig Jahren auf der Agenda standen, heute wieder diskutiert werden: Wie lassen sich im Neubau günstige Wohnungen errichten? Und wie können Grundrisse aussehen, die auf geringem Raum ein angenehmes Wohnen ermöglichen? Die damaligen Architekten, erläutert Bienert, schafften es zum Beispiel, Ein-Zimmer-Wohnungen mit 36 Quadratmeter Wohnfläche so anzulegen, dass in ihnen trotzdem eine Querlüftung möglich ist. Außerdem hatte schon damals ein Großteil der Wohnungen einen Balkon.

Wo dies noch nicht der Fall war, wurden im Rahmen der Modernisierung Balkone angebaut. Das war eine der Lösungen, auf die sich die Gewobag und die Denkmalbehörden vor Beginn der Sanierungsarbeiten in einem Denkmalpflegeplan einigten.

Bemerkenswert ist vor allem ein dabei gefundener Kompromiss: Während bei denkmalgeschützten Häusern normalerweise eine Außendämmung aus ästhetischen Gründen ausgeschlossen ist, durfte die Gewobag die Fassaden mit einem acht Zentimeter dicken Wärmedämmverbundsystem verkleiden. Um das Erscheinungsbild nicht zu verändern, musste sie allerdings die Fenster um diese acht Zentimeter nach außen verschieben. Erneuert werden mussten die Fenster ohnehin; sie wurden nach dem Vorbild der originalen Fenster aus Holz nachgebaut.

In den ersten Bauabschnitten wurden zudem Wohnungen zusammengelegt, um Einheiten mit drei Zimmern und rund 70 Quadratmeter Wohnfläche zu schaffen. Teilweise wurden sogar ganze Etagen zu Vier- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen umgebaut. Doch im letzten Bauabschnitt, dem nach dem Architekten Fred Forbát benannten „Quartier Forbát“, wurde auf die Zusammenlegung verzichtet, wie Alexander Friedrich sagt, der als Architekt beim Büro Garsztecki Hartmann die Sanierung dieses letzten Abschnitts begleitet hat. Solche Zusammenlegungen seien nicht mehr nötig, da die Nachfrage nach kleinen Wohnungen sehr groß sei.

Geändert hat sich allerdings die Haushaltsstruktur: Während heute rund um Burscheider und Lüdenscheider Weg nur selten Kinderwagen zu sehen sind, wohnten nach Fertigstellung der Siedlung in den 3500 Wohnungen rund 12 000 Menschen. Offensichtlich beherbergten die Kleinwohnungen also nicht nur Einzelpersonen und Paare, sondern auch viele Familien.

Ausgewirkt haben sich die aufwendigen Modernisierungsarbeiten auf die Miete: Die Kaltmiete beträgt nach Angaben von Gewobag-Pressesprecherin Gabriele Mittag jetzt im Durchschnitt 6,46 Euro pro Quadratmeter, während es vor der Modernisierung 4,81 Euro pro Quadratmeter waren. Immerhin wird die Erhöhung durch günstigere Nebenkosten gemildert – versprochen wird eine Energieeinsparung von rund 30 Prozent.

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