Hochhauspreis : Sie glauben, sie wohnen im Wald

Bäume auf Balkonen – internationaler Hochhauspreis geht nach Mailand. Die grüne Fassade des "Bosco Verticale" sei nicht nur Deko, sondern verbessere das Mikroklima im Haus und in der Stadt, befand die Jury.

Rahel Willhardt
"Bosco Verticale" in Mailand – ein ausgezeichneter Bau.
"Bosco Verticale" in Mailand – ein ausgezeichneter Bau.Foto: Kirsten Bucher/dpa

Üppig bepflanzte Balkone sind normal. Doch sieht man ein Hochhaus vor lauter Bäumen nicht, ist das eine Sensation. Auf insgesamt ein Hektar Wald summiert sich die Vegetation der beiden Mailänder Appartementtürme „Il Bosco Verticale“, zu deutsch „Der vertikale Wald“.

Betonwüsten gehören bewaldet, visioniert sein Erschaffer, der italienische Architekt Stefano Boeri und hat dabei Städte wie die italienische Modemetropole im Sinn. So dicht besiedelt wie Singapur, hat sie – nach Moskau – die dreckigste Luft Europas.

Ein idealer Ort also, um ein wegweisendes Exampel grüner Architektur zu statuieren. Und das gelang weit über die Landesgrenzen hinaus. Am Mittwoch wurde Il Bosco Verticale mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet. Alle zwei Jahre vergeben die Deka Bank, die Stadt Frankfurt und das Deutsche Architekturmuseum die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung. Prämiert werden herausragende Projekte – und damit sind nicht nur Höhen von mindestens 100 Metern gemeint, sondern auch Aspekte wie Nachhaltigkeit, Innovationskraft und Funktionalität.

Überall spürt man florales Grün

Aber was macht das Mailänder Grün so preiswürdig? Allein zwei weitere der fünf Preisfinalisten zeichneten sich durch reichhaltige Vegetation aus. So verkehrte Jean Novelle im Fira Hotel Barcelona den Wald nach innen. Zwischen zwei Hochhausscheiben siedelte er ein vertikales Palmengewächshaus an, über das alle Zimmer erreicht werden können. Und in Sydneys One Central Park trat der gleich zweimal nominierte französische Architektur den Beweis an, dass hängende Gärten ein reproduzierbares Naturwunder sind. Egal wo man sich in den zwei mischgenutzten Türmen befindet – überall spürt man florales Grün.

Warum sich letztlich doch Boeri gegen die Mitstreiter durchsetzte, erklärte Juryvorsitzender und Architekt Christoph Ingenhoven in seiner Laudatio. Zwar sei die Architektur unprätentiös, doch ihre Bepflanzung sei es nicht. Das grüne Fassadenkleid sei nicht nur Deko, sondern verbessere das Mikroklima im Haus und in der Stadt. Hinter der spektakulären Waldoberfläche stecke ein Inhalt, der Großstädter vielleicht wieder näher zu seinen Wurzeln zurückbringen könne!

Ingenhoven spielt auf Boeris Nachhaltigkeitskonzept an, das den Menschen und nicht die Technik in den Mittelpunkt rückt. Dabei beruft sich der italienische Visionär auf ein Nachhaltigkeitsverständnis, das frei nach Reyner Banhams „Architektur der wohltemperierten Umwelt“ (1965) auf natürlichen und nicht nur mechanischen Komfort setzt. Übliche Lösungen arbeiten mit Baukonstruktionen, die Umwelteinflüsse passiv neutralisieren – der Balkonwald modelliert Umwelt und Energiefluss aktiv. Er reduziert Kohlendioxid, vermehrt Sauerstoff und schützt Bewohner vor Umwelteinflüssen. Die Klimatisierung des Gebäudes wird über die Vegetation realisiert: Schatten im Sommer, Lichteinfall im Winter. Und der gewollte Nebeneffekt: Tiere, zum Beispiel Vögel, kehren zurück in die Stadt.

2009 wetterten Skeptiker gegen die „Utopie“

Mit 122 und 78 Metern wollen die Mailänder Wohntürme hoch hinaus. Um rund 900 Bäume, 5000 Sträucher und 11 000 Pflanzen auf den massiven Stahlbetonbalkonen anzusiedeln mussten Lösungen her, die weit über die übliche Baukompetenz hinausgehen. Damit sichergestellt ist, dass kein Sturm die Waldpracht entwurzelt oder Stadtluft sie erstickt, gingen Ingenieure und Botaniker gemeinsam zu Werke. Sie erforschten Trocken- und Wärmestress der Pflanzen, testeten ihre Standfestigkeit im Windkanal und entwickelten spezielle Vulkanerde, die fest ist, aber nicht zu schwer. Außerdem entwickelten sie ein mit Schläuchen verbundenes Bewässerungssystem, das mit Grauwasser arbeitet und die Pflanzen ernährt. Kurzum: Hier wurde Grundlagenarbeit geleistet, von der künftige vertikale Bewaldung profitieren. In China entsteht gerade genau so ein Hochhaus – in London, Frankfurt und Berlin laufen Planungen an.

Vielleicht noch schwerer als die technischen Projekthürden, wogen die menschlichen. Das zumindest klang bei Ingenhoven wie den Projektbeteiligten an. Denn risikoscheue Developer von einem 2-Milliarden-Euro-Wagnis zu überzeugen, ist ebenso große Leistung wie Wohnungskäufern zu verklickern, dass sie „ihren“ Balkonwald nicht selbst bewirtschaften dürfen. Der nämlich zählt zur Fassade und wird ausschließlich von Profis gepflegt.

Von Anbeginn des Projektes in 2009 wetterten Skeptiker gegen die „Utopie“ des vertikalen Waldes – faktisch wird er heute bewohnt. Boeri selbst versteht seinen Entwurf als radikale Fortsetzung der Mailänder Tradition efeubewucherter Villen. Damals verstanden es die Italiener, lebenswerte Städte zu gestalten – im Zeitalter der Megametropolen können sie es auch noch, meint der Architekt. Ohne Zweifel ist sein Projekt ein Etappensieg auf dem Weg zu seiner Vision eines „BioMilano“. Sollten die von ihm gehegten Renaturierungspläne greifen, werden in unbestimmter Zukunft 60 verwaiste Bauernhöfe zwecks Lokalversorgung revitalisiert und um die 1,3-Mio.-Metropole wächst ein abwechslungsreicher Grüngürtel, die Versiegelungs- und Bausünden lindern soll. Der vertikale Wald ist also nur der Anfang, damit man die Großstadt vor lauter Grün nicht mehr sieht.

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