Immobilien : Ob jung, ob alt: Der Trend führt in die großen Städte

Eigene Wohnungen und Häuser bieten Halt. Berliner beziehen ihr neues Eigentum gern selbst.

Ira Schaible

Fast alle wollen in die Stadt. Und sie wollen in Berlin, München, Frankfurt, Stuttgart oder Köln am liebsten in den eigenen vier Wänden wohnen. In Großstädten, Ballungszentren und Universitätsstädten fehlen zugleich bezahlbare Wohnungen. Dafür stehen in strukturschwachen Landstrichen Häuser leer und verfallen. „Es gibt einen deutlichen Trend in die Städte – bei Jungen wie bei Alten“, sagt der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Kelkheim bei Frankfurt, Andreas Steinle. Und viele träumen vom Eigenheim oder von der Eigentumswohnung. „Das ist eine Sehnsucht des Menschen.“

Berlin ist zwar eine Mieterstadt und bleibt es auch, doch wer sich eine neue Eigentumswohnung leisten kann, der zieht dort auch gerne ein. Das geht aus aus den vor zwei Tagen veröffentlichten Ergebnissen einer Zusatzbefragung zum Mikrozensus hervor, den das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg jährlich erhebt. Nur 14,9 Prozent der Berliner Wohnungen wurden laut Zusatzbefragung im Jahr 2010 von den Eigentümern bewohnt. Wohnungen, die ab 1991 errichtet wurden, waren aber zu 51,1 Prozent Eigentümerwohnungen. In Brandenburg waren 46,2 Prozent der Wohnungen Eigentümerwohnungen, bei nach 1991 errichteten Wohnungen sogar 62,1 Prozent. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. (BBU) fürchtet vor diesem Hintergrund, dass die steigende Neubautätigkeit in Berlin die Konkurrenz um Grundstücke für Mietwohnungsbau weiter verschärfen wird. Der steigende Neubau könnte daher wenig zur immer wichtiger werdenden Entlastung des Mietwohnungsmarkts beitragen. BBU-Vorstand Maren Kern erklärte: „Die Zahlen bestätigen uns in der Forderung, dass der Senat dem Neubau günstiger Mietwohnungen oberste Priorität einräumen muss. Das gilt vor allem auch für seine Liegenschaftspolitik.“ 

Torsten Weidemann von der Eigentümerschutzgemeinschaft Haus & Grund in Berlin hat auch beobachtet: „Die Generation 50 plus zieht gerne noch mal vom Eigenheim am Stadtrand zurück in eine Eigentumswohnung in der Stadt.“ Der Anstieg der Eigentümerquote in Deutschland von 43,2 (2008) auf 45,7 Prozent (2010) ist nach seiner Einschätzung „plötzlich ein großer Schritt“. Dies liege sicherlich an einem zunächst recht stabilen Wirtschaftswachstum und an günstigen Finanzierungskonditionen in der Krise, die diejenigen nutzten, die ein stabiles Einkommen hätten.

Diese Investitionen ins „Betongold“ sind nach Ansicht von Zukunftsforscher Steinle aber nicht der einzige Grund. „Die Herzen der Menschen gehen nach wie vor zur eigenen Immobilie.“ Sie biete Sicherheit und einen emotionalen Anker – „ein Wert, der in unserer mobilen und rastlosen Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert hat“. Dabei zieht es viele in die Stadt. „Die Jungen wegen der attraktiveren Jobmöglichkeiten, die Alten wegen der besseren Infrastruktur.“ Sie suchten Kultur, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten in Wohnnähe. „War früher das schöne Anwesen auf dem Land Luxus, so ist heute die Nachfrage nach Luxuswohnungen in der Stadt sehr stark.“ Die Folge: Wohnungen für Familien und Geringverdiener werden in den Städten rar. „Trotz sinkender Bevölkerung haben wir zu wenig Wohnraum“, sagt Steinle. Der Deutsche Mieterbund spricht sogar von einer „neuen Wohnungsnot“, verursacht durch den Rückzug des Bundes und der Länder aus der Wohnungsbauförderung. „In den zehn deutschen Großstädten, die den stärksten Wohnungsmangel haben, fehlen mehr als 100 000 Mietwohnungen“, heißt es in einer Mitteilung der Kampagne „Impulse für den Wohnungsbau“, die neben dem Mieterbund etwa auch der Berufsverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen unterstützt. Bis 2017 müssten 825 000 Mietwohnungen gebaut werden.

Die Mieten seien vor allem wegen der Nebenkosten deutlich gestiegen, sagt Ulrich Ropertz vom Mieterbund. „Durchschnittszahlen sind dabei fatal“, sagt er mit Blick auf die Erhebung des Statistischen Bundesamtes, nach der die deutschen Haushalte 2010 im Durchschnitt 22,5 Prozent ihres Nettoeinkommens in die Kaltmiete steckten. Nicht nur Rentner und Alleinerziehende müssten einen deutlich höheren Anteil ihres Geldes fürs Wohnen beiseitelegen. „Die unteren Einkommensgruppen bis 1700 Euro netto im Monat – und das sind 44 Prozent aller Haushalte in Deutschland – bezahlen rund 38 Prozent für die Warmmiete.“ Zukunftsforscher Steinle sieht neben den kommunalen Bauträgern auch die Kreativität der Städte gefordert. Sie müssten jede noch so kleine Lücke nutzen und darauf bauen.

Berliner Mietwohnungen sind laut Zusatzbefragung zum Mikrozensus im Mittel 66,6 Quadratmeter groß, Eigentümerwohnungen 107,2 Quadratmeter groß. Damit stehen den Bewohnern von Eigentümerwohnungen im Schnitt 51,6 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, den Bewohnern von Mietwohnungen 39,3 Quadratmeter. In Brandenburg haben die Eigentümerwohnungen eine durchschnittliche Grundfläche von 112,0 Quadratmetern, jedem Bewohner stehen 48,4 Quadratmeter zur Verfügung. Brandenburger Mietwohnungen sind im Schnitt 63,3 Quadratmeter groß. Brandenburger Mieter wohnen im Mittel auf 36,6 Quadratmeter Wohnraum.

Der Wohnungsleerstand betrug im Jahr 2010 in Berlin 7,5 Prozent, in Brandenburg 10,1 Prozent. Im Bundesdurchschnitt lag die Leerstandsquote in Wohngebäuden bei 8,4 Prozent, in den neuen Bundesländern waren 11,2 Prozent der Wohnungen unbewohnt. (dpa mit Tsp)

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