Umzug ins Umland : Mehr Pendelverkehr zwischen Berlin und Brandenburg

In den berlinnahen Gemeinden wachsen die Einwohnerzahlen auf bald eine Million an. Diese Entwicklung wirkt sich bereits jetzt auf Berlins Hauptverkehrsadern und S-Bahnen aus.

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Stau auf der B1 in Richtung Innenstadt: Immer mehr Menschen pendeln aus dem Umland in die Stadt.
Stau auf der B1 in Richtung Innenstadt: Immer mehr Menschen pendeln aus dem Umland in die Stadt.

Bei der Wahl ihres nächsten Wohnorts ist diese Noch-Innenstadtbewohnerin nicht besonders wählerisch. Wegen einer Eigenbedarfskündigung muss sie die Kreuzberger Bleibe verlassen. „Unsere Wohnfavoriten sind Buckow, Bad Freienwalde, Falkenberg.“ Aber das sei nicht „sooo wichtig, wir gehen auch woanders hin“, schreibt die junge Frau in einer Suchanzeige. Immer öfter müssen Berliner die City verlassen und ins Umland abwandern, späteres Berufspendeln inklusive.

Arbeiten in Berlin, Wohnen in Brandenburg – das wird für viele eine neue Lebenswirklichkeit in einer fremden Umgebung. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der sogenannten Einpendler wieder deutlich an. Wie Doris Wiethölter vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit dem Tagesspiegel auf Anfrage sagte, wurden 2014 in Berlin 266 909 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte aus anderen Bundesländern oder dem Ausland gezählt, 3,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Drei Viertel von ihnen haben ihren Wohnsitz in Brandenburg.

Innerhalb von 15 Jahren stieg die Zahl der Pendler um 50 Prozent

Seit Jahren schon steigt die Zahl der Berufspendler im Großraum Berlin kontinuierlich an. Gab es im Jahr 2000 rund 180 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, die von außerhalb zum Job nach Berlin fuhren, so sind es mittlerweile fast 50 Prozent mehr. „Die Bundeshauptstadt“, so schreibt die IAB, „entwickelte sich in den vergangenen Jahren aufgrund ihres überproportionalen Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums zu einem Anziehungspunkt für Arbeitskräfte aus anderen Regionen.“ In Zahlen ausgedrückt: Ende 2014 waren nach Angaben der Senatswirtschaftsverwaltung 1,29 Millionen Menschen in Berlin sozialversicherungspflichtig beschäftigt, ein Plus gegenüber 2013 von 40 500. Mit diesem Anstieg ist die Hauptstadt prozentual führend unter allen Bundesländern.

Blickt man auf das nähere Umland, so wird schnell erkennbar, wie sich dieser Boom im Speckgürtel auswirkt. Gemeinden wie Falkensee, Teltow, Groß-Glienicke oder Bernau dehnen sich flächenmäßig aus, die Bewohnerzahlen steigen. Steffen Streu, Sprecher der brandenburgischen Infrastrukturministerin Kathrin Schneider, berichtet, dass sich die Einwohnerzahlen in den berlinnahen Gemeinden in den vergangenen 25 Jahren von 630 000 auf rund 940 000 erhöht hat. Das hat Folgen. Streu: „Entlang der aus Berlin herausführenden Verkehrsachsen ist ein Siedlungsstern entstanden. In diesen Gebieten werden aktuell Investitionsprogramme zum Beispiel für den Sportplatzausbau aber auch für Schulen aufgelegt.“

Die Pendlerströme wachsen und belasten den Verkehr

Und wie sieht man in Brandenburg die Zuwanderung aus Berlin? Steffen Streu: „Beim Vergleich der Mieten haben wir festgestellt, dass es in der Tendenz eine Idee günstiger ist, im Umland zu wohnen.“ Und somit wachsen die Pendlerströme. Im morgendlichen Berufsverkehr sind die Zugangsadern in die Hauptstadt verstopft, am späten Nachmittag wiederholt sich dieses Schauspiel in umgekehrter Richtung. Die Einpendler fahren nach Hause, viele mit dem Auto, aber auch die S-Bahnen sind voll.

Berlin bietet mit seinen Hauptstadtfunktionen Arbeit in Hülle und Fülle. Interessanterweise wird aber auch das Umland attraktiver für Beschäftigte. Die Auspendler-Statistik weist ein anhaltendes Wachstum von 112.000 um die Jahrhundertwende bis auf jetzt rund 157 500 auf. Diese aktuelle Zahl entspricht einem leichten Zuwachs gegenüber 2013. Etwa die Hälfte dieser Beschäftigten geht in Brandenburg einer Arbeit nach. Viele Berliner haben Jobs in großen Städten wie Hamburg, Düsseldorf oder auch noch in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn.

Die stark wachsenden Einpendlerströme bestätigen einen anhaltenden Trend: Die günstigen Rahmenbedingungen für Bauen und Wohnen locken weiterhin Berufstätige mit ihren Familien vor die Tore der Stadt. Umgekehrt verlieren aber die City-Bereiche auch wegen steigender Kosten und starkem Aufwertungsdruck, von Kritikern Gentrifizierung genannt, Teile der angestammten Bewohnerschaft. Bevölkerungsaustausch lautet das Stichwort. In vielen Kiezen wehren sich Initiativen mittlerweile lautstark gegen eine „Vertreibung“, wie sie sagen.

Berlin steht noch am Anfang einer neuen Entwicklung

Vergleicht man die Hauptstadt mit anderen Metropolen wie Hamburg, Frankfurt am Main oder München, so steht Berlin aber wohl noch am Anfang einer Entwicklung. In den westdeutschen Ballungsregionen ist der Anteil an berufstätigen Einpendlern deutlich höher, wie eine Untersuchung der Bundesagentur für Arbeit ergab. Wird in Berlin etwa jede fünfte Arbeitsstelle von Auswärtigen besetzt, so liegt der Pendleranteil in Hamburg bei 37,2 Prozent, in Frankfurt am Main bei 64,8 Prozent und in München gar bei 77,5 Prozent.

Maren Kern, Vorstandschefin beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. (BBU) hatte diese Zahlen jüngst noch mit den Worten kommentiert: „Wer in Berlin arbeitet, wohnt in der Regel auch in der Stadt. Angesichts bezahlbarer Mieten scheint es wenig Anreize zum Pendeln zu geben.“ Gleichzeitig weist der Verband aber gern darauf hin, dass Wohnungssuchende auch im Umland nach Quartieren Ausschau halten sollten.

Doris Wiethölter vom IAB geht davon aus, dass die Pendlerströme auch weiterhin ansteigen. Sie schränkt aber ein: „Die Auswirkungen auf die Pendlerquoten hängen vor allem von der Beschäftigungsentwicklung in Berlin ab.“ Für die Immobilienwirtschaft scheint dagegen schon festzustehen, in welche Richtung sich der Wohnungsmarkt auch unter diesem Aspekt entwickelt, wie jüngste Entwicklungen zeigen.

Gerade hat das Unternehmen ADO Properties in Berlin-Staaken ein größeres Immobilienpaket mit Häusern aus den sechziger und siebziger Jahren von der Deutsche Wohnen AG erworben. Geschäftsführer Rabin Savion: „In innerstädtischen Lagen ist das Mietniveau in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, während gleichzeitig das Wohnungsangebot gesunken ist. Wir sind davon überzeugt, dass die Nachfrage nach Stadtrandlagen mit bezahlbaren Mieten steigen wird.“

Zunehmende Landflucht und wachsende Pendlerströme sind wie zwei Seiten einer Medaille.

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