Wärmewende : "Für harte Instrumente gibt es keine Mehrheiten"

An Technologien für die Wärmewende mangelt es nicht, doch die Politik hinkt hinterher.

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Klimafreundlich. Auf dem Euref-Campus in Schöneberg sorgt ein Bio-Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk der Gasag für CO2-neutrale Energieversorgung.
Klimafreundlich. Auf dem Euref-Campus in Schöneberg sorgt ein Bio-Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk der Gasag für CO2-neutrale...Foto: Gasag

Eigentlich ist es nur ein riesiger Tauchsieder. Aber mit der Anlage probiert die Berliner Gasag jetzt aus, wie die Wärmewende in Deutschland funktionieren könnte. Kürzlich kam die Förderzusage aus dem Wirtschaftsministerium für einen Elektroheizer mit der Leistung von 300 Wasserkochern. Wenn es für Wind- und Solarstrom zu wenig Abnehmer gibt, springt die Anlage am Gasometer in Schöneberg an und bereitet Warmwasser zum Heizen der Gebäude auf dem Euref-Forschungscampus.

Damit sich das Heizen mit Überschussstrom aus Erneuerbaren rechnet, müssten allerdings die vielen Steuern und Abgaben entfallen, die in Deutschland auf dem Strompreis liegen, fordert Frank Mattat von der Gasag-Tochter Gasag Contracting. Für das Forschungsprojekt soll es schon mal eine Ausnahmegenehmigung geben. „So können wir nicht nur die neuen Technologien testen, sondern auch ermitteln, wann sie wirtschaftlich einsetzbar sein würden“, sagt Mattat.

Bisher ist nur ein kleiner Teil der Wärme in Deutschland erneuerbar. 85 Prozent der Energie stammen aus fossilen Quellen. Es bleibt also noch viel zu tun. Grund für die schleppende Umstellung ist die Vielzahl der Betreiber, Technologien, Anlagen und Gebäudetypen, schreibt der Forschungsverbund Erneuerbare Energie in seinem Positionspapier zur Wärmewende. Wie die Wärmeversorgung komplett erneuerbar werden könnte, haben die Grünen kürzlich von der Agentur für Erneuerbare Energie im Szenario Die neue Wärmewelt durchspielen lassen. Darin ist sogar der immense Wärmebedarf der Industrie enthalten.

Schon jetzt sind Wärmepumpen preislich konkurrenzfähig

Das Handicap liegt aber immer noch auf europäischer Ebene. Der Emissionshandel mit Verschmutzungsrechten funktioniert nicht, Öl und Gas sind einfach zu billig. Das wird sich so bald nicht ändern: Die Denkfabrik Agora Energiewende schätzt, dass mit einer Lenkungswirkung des Emissionshandels frühestens ab 2022 zu rechnen ist.

So werden denn in Deutschland auch heute noch massenhaft neue Ölheizungen eingebaut, während der Energiewendeprimus Dänemark sie seit 2016 komplett verboten hat. In Deutschland werden Ölheizungen sogar noch staatlich gefördert. Damit soll laut Klimaschutzplan der Bundesregierung aber von 2020 an Schluss sein. Gleichzeitig soll die Förderung für erneuerbare Wärme verbessert werden.

Schon jetzt sind Wärmepumpen preislich konkurrenzfähig. Deshalb wird bereits jeder dritte Neubau damit ausgestattet, teilt der Bundesverband Wärmepumpe mit. Auch in einem großen Sanierungsprojekt der Siedlungen Eichkamp und Heerstraße in Charlottenburg sollen Erdwärmepumpen zum Einsatz kommen. Der Preis pro Kilowattstunde wird mit sieben bis neun Cent etwas höher sein als der aktuelle Preis von Erdgas, sagt Ulrich Bogner vom Siedlerverein Eichkamp.

„Wenn man aber Wartung und Rücklagen in die Kosten einbezieht, sind beide Wärmeerzeuger fast preisgleich. Voraussetzung ist allerdings die Eigennutzung des Stroms aus den eigenen Blockheizkraftwerken durch ein separates Stromnetz. Wenn wir Strom dazukaufen müssten, würde die Rechnung nicht aufgehen.“

In Schöneberg zapft ein Baumarkt Wärme aus einem Abwasserkanal an

Klingt kompliziert? Ist es auch. Wie so oft bei Lösungen zur Wärmewende müssen viele Komponenten ineinandergreifen. So haben Blockheizkraftwerke den Charme, dass sie gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Die beiden Siedlungen in Charlottenburg wären damit und mit der Wärme aus der Erde komplett autark. Ihr Vorhaben ist eines von fünf bundesweit, in denen das Forschungsministerium Blaupausen für die Wärmewende untersucht.

Auch das gerade in Berlin gestartete Projekt Urbane Wärmewende soll ermitteln, wie die Wärmeversorgung in der Stadt umgebaut und nachhaltig entwickelt werden kann. Ermutigend sei ein „kleiner Trend zu solarer Fernwärme“, berichtet Bernd Hirschl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, einer der beteiligten Wissenschaftler. So ging in Senftenberg jetzt die größte Solarthermieanlage der Bundesrepublik ans Netz und speist warmes Wasser ins städtische Fernwärmenetz ein.

Auf dem Parkplatz des Hellweg Baumarktes in Berlin-Schöneberg ist ein anderer Mosaikstein für die Wärmewende gesetzt: Unterirdisch verläuft hier ein Rohrsystem, das die Wärme aus einem großen Abwasserkanal unter der Yorkstraße anzapft. Damit wird jetzt schon der Baumarkt geheizt; später soll ein Wohngebiet an der gegenüberliegenden Bautzener Straße angeschlossen werden.

Die Grünen fordern ein Klimawohngeld

Mit dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) liegt ein ehrgeiziger Fahrplan für ein klimaneutrales Berlin vor. Das neu gewählte Abgeordnetenhaus wird es wahrscheinlich bald verabschieden, nachdem dies kurz vor der Wahl am Widerstand der CDU gescheitert war. Das BEK zeigt die Ziele auf, der Weg steht aber noch nicht fest. „Für harte Instrumente gibt es keine politischen Mehrheiten“, sagt Bernd Hirschl.

Das liegt auch am sozialen Sprengstoff des Themas: Mindestens doppelt so viele Bestandsbauten wie bisher müssten jedes Jahr saniert werden; das würde die Mieten nach oben treiben. Die Grünen fordern daher in einem neuen Aktionsplan Faire Wärme ein Klimawohngeld und die Sanierung ganzer Quartiere mit Städtebaufördermitteln. Finanzieren wollen sie dies durch Streichungen bei umweltschädlichen Subventionen. Laut Umweltbundesamt betragen diese immer noch mehr als 50 Milliarden Euro jährlich.

Außerdem soll eine Begrenzung der Modernisierungsumlage unsoziale Mietsteigerungen verhindern, heißt es im Aktionsplan. Das steht so ähnlich zwar auch im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU, wird aber bis zur Bundestagswahl wohl nicht mehr umgesetzt.

An Technologien für die Wärmewende mangelt es nicht. Doch „Klarheit und Kontinuität in der Politik“, wie sie der Forschungsverbund Erneuerbare Energien in seinem Positionspapier fordert, müssen dazukommen.

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