Wohnen im Baudenkmal : Das „Wannsee des Nordens“ lockt mit neuen Perlen

Nicht nur in Mitte und Prenzlauer Berg werden Wohnungen gebaut: In Alt-Hohenschönhausen nimmt ein Großprojekt Gestalt an.

von
Neues in Alt-Hohenschönhausen. Zwischen Konrad-Wolf-Straße, Sandinostraße und Simon-Bolivar-Straße entstehen rund 200 Wohneinheiten in Form von Lofts, Etagenwohnungen und Townhouses – auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerwarenfabrik. Foto: Eilmes & Staub
Neues in Alt-Hohenschönhausen. Zwischen Konrad-Wolf-Straße, Sandinostraße und Simon-Bolivar-Straße entstehen rund 200...

Als der Unternehmer Dirk Moritz vor einigen Jahren nach Hohenschönhausen zog, rief ihn ein Geschäftsfreund an, dem der schlechte Ruf des Bezirks – ja genau: Platte und Stasi – zu Ohren gekommen war: Ob man sich jetzt Sorgen um ihn machen müsse? Ob die Geschäfte denn wirklich so schlecht liefen?

Nein, die Geschäfte liefen ziemlich gut. Moritz hatte sich allein deswegen für die Gegend um den Orankesee entschieden, weil es ihm dort ausnehmend gut gefiel. Grün sei es und ruhig, schwärmt der Unternehmer, die Infrastruktur ausgezeichnet und das Stadtzentrum mit dem Auto schnell zu erreichen. Das alles sei doch viel besser als Prenzlauer Berg, wo es an Grün und an Parkplätzen mangle. Heute wohnt Moritz zwar nicht mehr in Hohenschönhausen – dafür sollen in den kommenden beiden Jahren etwa 600 Menschen zusätzlich die Vorzüge des Standorts genießen können. Denn der Unternehmer hat mit seiner Moritz Gruppe GmbH eines der größten Wohnungsbauprojekte initiiert, die derzeit in Berlin Gestalt annehmen. Auf einer rund zwei Hektar großen Industriebrache zwischen Konrad-Wolf-Straße, Sandinostraße und Simon-Bolivar-Straße entstehen rund 200 Wohneinheiten in Form von Lofts, Etagenwohnungen und Townhouses. Hier stand die Deutsch- Amerikanische Zuckerwarenfabrik von Georg Lembke, die 1908 ihre Produktion aufnahm. In der DDR war auf dem Grundstück der VEB Pralina ansässig, danach wurde bis 1992 Eisenbahn-Signaltechnik produziert.

Die „Schokostücke“ (unter diesem Namen wird das Projekt vermarktet) sind ein weiterer Beleg dafür, wie sehr der Berliner Wohnungsmarkt für Bauträger und Investoren an Attraktivität gewonnen hat. Vor einigen Jahren hätte er das Projekt noch nicht in Angriff genommen, sagt Moritz. Mittlerweile sei aber die Nachfrage deutlich gestiegen: „Das Grundstück hat mich genau im richtigen Augenblick angelacht.“

Es war im Jahr 2009, als ihm das Potenzial des Standorts bewusst wurde, an dem er zuvor achtlos vorbeigefahren war. Moritz machte die Erben der Familie Lembke ausfindig, stellte ihnen sein Konzept eines Wohnstandorts vor – und bekam zu hören, das sei zwar schön und gut, doch leider sei die ehemalige Fabrik so gut wie verkauft. Geplant war auf dem Areal unter anderem ein Supermarkt. Doch Moritz bewies Standfestigkeit und konnte sich mit seinem Konzept durchsetzen, das statt Gewerbe Wohnungen vorsieht. Im denkmalgeschützten Fabrikgebäude entstehen jetzt 70 kleinere und mittelgroße Lofts. Ein zweites Angebot sind Townhouses, also Reihenhäuser mit kleinem Garten. Und schließlich entstehen in mehreren neuen Gebäuden Geschosswohnungen. Die Preise für die Wohnungen betragen laut Moritz zwischen 2450 und 3000 Euro pro Quadratmeter.

Bewusst sprechen die Projektverantwortlichen von Alt-Hohenschönhausen – und tatsächlich ist die Konrad-Wolf- Straße von Wohnhäusern aus der Gründerzeit geprägt. Westlich davon, Richtung Oranke- und Obersee, erstreckt sich ein Villenviertel. Die Nachfrage nach diesen Häusern sei sehr groß, sagt Moritz: „Für Führungskräfte aus Kultur und Wirtschaft wird dieses Gebiet zunehmend zur Alternative zu Wannsee.“ Zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll Alt-Hohenschönhausen in der Tat als „Wannsee des Nordens“ bezeichnet worden sein.

Trotzdem: Der Standort des Projektes „steht noch nicht im Fokus“, wie der Unternehmer einräumt. „Deshalb müssen wir eine besonders hohe Qualität bieten.“ Dazu trägt beispielsweise der 1000 Quadratmeter große Park bei, der für die künftigen Bewohner der Fabriklofts angelegt wird. Die neuen Wohnhäuser erhalten Dachgärten, und für jede Wohneinheit gibt es einen Autostellplatz und einen Balkon oder eine Terrasse. „Wir haben bei der bisherigen Vermarktung gesehen, dass die Leute gern eine Garage haben“, sagt Moritz. „Außerdem haben wir gemerkt, dass Maisonette-Wohnungen gar nicht gehen und dass der KfW-Standard 70 gern gesehen wird.“

Umgesetzt wird das Konzept von einer Reihe von Projektpartnern. Moritz selbst versteht sich als Initiator und Entwickler des Gesamtvorhabens. Als Investoren fungieren die beiden Unternehmer Lutz Lakomski und Arndt Ulrich, die eigentlich auf Handelsimmobilien spezialisiert sind und jetzt zum ersten Mal ein Wohnungsbauvorhaben in Angriff nehmen. Dieses realisieren sie jedoch nicht selbst; vielmehr verkaufen sie die einzelnen Baufelder an Bauträger weiter. So errichtet die Firma Ticoncept in der Sandinostraße ein erstes Wohnhaus mit zehn zwischen 80 und 160 Quadratmetern großen Wohnungen, von denen bisher die Hälfte verkauft ist. Für die 15 Townhouses zuständig ist die Firma Concepta Haus, die mit diesem Haustypus auf dem Alten Schlachthof und auf der Halbinsel Stralau Erfahrungen gesammelt hat. Und den Vertrieb der (bereits verkauften) Fabriklofts übernahm die Profi Partner AG. Beim Verkauf arbeiten alle Beteiligten eng zusammen. Obwohl die Bauarbeiten mit Ausnahme des Fabrikgebäudes noch gar nicht begonnen haben, soll es jetzt Schlag auf Schlag gehen: Mitte 2013 wollen die Bauträger das Gesamtvorhaben abgeschlossen haben.

Nun sind aber 200 Wohnungen an einem Standort mit einem Verkaufsvolumen von 55 Millionen Euro eine ganze Menge. Ob das wirklich klappt?

Einiges deutet darauf hin, dass die Gegend tatsächlich im Aufwind ist. „Alt-Hohenschönhausen weist deutlich steigende Mieten auf“, heißt es beispielsweise im Marktreport der Wohnungsbaugesellschaft GSW und der Beratungsgesellschaft CB Richard Ellis. Moritz rechnet denn auch damit, dass die Kapitalanleger für die Lofts in der ehemaligen Zuckerwarenfabrik eine Miete von acht bis neun Euro pro Quadratmeter erzielen werden. Im Herbst dieses Jahres werden die ersten Bewohner ihre Wohnungen im Baudenkmal beziehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar