Wohnen im Kiez : „Schöneberg steht für das gute Leben“

Stadträtin Sibyll Klotz prüft „Milieuschutzgebiete“.

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Sibyll Klotz, Stadträtin für Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg.
Sibyll Klotz, Stadträtin für Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg.Foto: BA Tempelhof-Schöneberg

Immer mehr Menschen entdecken Schöneberg als attraktiven Wohnort. Zu den Gründen für die steigende Nachfrage nach Wohnungen und zu den damit verbundenen Problemen äußert sich Sibyll Klotz (Bündnis 90/Die Grünen), Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg.

Frau Klotz, wie attraktiv ist Schöneberg als Wohnort?
Lange konzentrierte sich die Nachfrage ja auf die Hip-Bezirke wie Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Aber mittlerweile erkennen immer mehr Menschen die Vorzüge von Schöneberg. Die Lage ist zentral, und die soziale Mischung stimmt noch.

Was genau macht für Sie den Reiz von Schöneberg aus?
Es ist vor allem die Urbanität, die Berliner Mischung mit dem Nebeneinander von Wohnungen, vielen kleinen, sympathischen Läden, Gastronomie und Gewerbe. Außerdem gibt es rund um den Winterfeldtplatz die Homo-Szene, die dort traditionell nicht nur Party macht, sondern auch wohnt und ihre Infrastruktur hat. Schöneberg steht für mich für das gute Leben, was nicht zwingend teuer heißt.

Die soziale Mischung stimmt noch, sagen Sie. Droht die Mischung verloren zu gehen?
Auch in Schöneberg hat die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte begonnen. Wir beobachten eine Umwandlung von Miet- in Ferienwohnungen sowie Luxusmodernisierungen. Und manche Investoren reißen Wohnhäuser aus den 1950er Jahren ab, um an ihrer Stelle hochpreisige Eigentumswohnungen zu errichten.

Können Sie etwas dagegen unternehmen?
Leider nein. Nach 2008 wurde die Bauordnung so vereinfacht, dass solche Abrissmaßnahmen nicht mehr genehmigungs-, sondern nur noch anzeigepflichtig sind. Bisher handelt es sich zwar nicht um ein Massenphänomen. Die Tendenz wird aber zunehmen, wenn der Druck auf die guten innerstädtischen Lagen weiter steigt. Dabei sind gerade diese Fünfziger-Jahre-Wohnungen sehr gefragt. Sie sind klein und bezahlbar – und nach solchen Wohnungen gibt es eine starke Nachfrage. Der Senat ist gefordert, nun endlich eine Zweckentfremdungsverbotsregelung vorzulegen und den Abriss dort mit zu regeln.

Was können Sie als Bezirk dafür tun, dass es auch künftig günstige Wohnungen gibt?
Wir prüfen die Einrichtung von Milieuschutzgebieten, wobei ich dazu noch nichts Konkretes sagen kann. Außerdem drängen wir bei großen Neubauvorhaben die Investoren dazu, Genossenschaften einzubinden und auch günstige Mietwohnungen zu errichten.

Also so, wie es Friedrichshain-Kreuzberg bei einem Wohnungsbauprojekt in der Boxhagener Straße vormacht.
Wobei wir sehen müssen, dass es in Berlin – anders als in Hamburg, München und Köln, wo solche Vorschriften schon länger gelten – keine öffentliche Wohnungsbauförderung gibt. Berlin braucht dringend wieder einen sozialen Wohnungsbau. Solange dieser nicht wieder eingeführt ist, müssen wir freiwillige Vereinbarungen mit den Investoren anstreben. Und das ist schwierig und nur bei größeren Projekten möglich.

Gegen solche größeren Wohnungsbauprojekte regt sich regelmäßig Widerstand.

Es ist eine Mischung aus individuellen Interessen nach dem Motto „Not in my backyard please“ und der grundsätzlichen Sorge, dass die Immobilienwirtschaft über Berlin hinwegrollt und die Mieten auf ein Niveau wie in London oder Paris treibt. Diese Sorge halte ich für sehr berechtigt. Es ist richtig, das Hauptaugenmerk auf den Wohnungsbestand zu legen. Trotzdem glaube ich, dass man dem Neubau offen gegenüberstehen muss. Ich möchte eine moderate Verdichtung in der Innenstadt, gerade auch aus ökologischen Gründen. Die Bautzener Straße zum Beispiel (vgl. Text unten, Anm. d. Red.) ist hervorragend an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Auch aus Klimaschutzgründen bin ich dagegen, ein solches Gelände als Brache liegen zu lassen und den Wohnungssuchenden zu empfehlen, doch an den Stadtrand zu ziehen.

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