Immobilien : Wundersame Schlafäpfel

Schon die Heilkundigen der Antike kannten die seltsamen Moosbällchen an Wildrosen Gedörrte Rosengallen wurden gegen Zahnweh eingesetzt

Gert D. Wolff

Aufmerksame Spaziergänger, denen die seltsamen zottigen Gebilde an manchen Zweigen wild wachsender Heckenrosensträuchern auffallen, fragen sich meist, was es damit auf sich hat. Irgendwie scheinen sie gar nicht dorthin zu gehören. Und Gartenbesitzern sind die unansehnlichen, moosartigen Auswüchse, die vom Frühjahr bis zum Herbst mitunter an Wildrosen entstehen, ohnehin ein Dorn im Auge. Dabei spielte diese so genannte Rosengalle – je nach Region auch Rosenapfel, Schlafapfel, Schlafkunz, Schlafputz, Rosenschwamm oder Rosenkönig genannt – im Volksglauben und Brauchtum unserer Vorfahren stets eine interessante Rolle. Und auch aus der Sicht der heutigen Naturwissenschaften sind die Gewebewucherungen – verursacht durch den Stich der Rosengallwespe, deren Larven in mehren Kammern der Gallen überwintern – es wert, ihnen nähere Beachtung zu schenken.

Solchen Rosengallen sprach man in früheren Zeiten eine Schlaf fördernde Wirkung und viele andere wunderbare Eigenschaften zu. Man legte sie sich als Einschlafhilfe unter das Kopfkissen oder Säuglingen als Beruhigungsmittel in die Wiege. Apotheken führten sie in ihrem Sortiment, und bis ins 17. Jahrhundert sollen Bader solche Schlafäpfel auch als „Zauberkugeln“ angeboten haben, weil sie Kinder gegen Behexung und Krämpfe schützen sollten.

In manchen Regionen hieß es, die zottigen Bällchen würden nur dann ihre Wunderwirkung entfalten, wenn man sie vor Sonnenaufgang oder während des Glockenläutens schweigend und mit bedeckten Händen abgepflückt hatte. Nach altem Volksglauben halfen sie auch in Liebesangelegenheiten: Verliebte legten einander heimlich solche Rosenäpfel ins Bett und konnten dann davon ausgehen, dass die geliebte Person angenehm träumte und treu blieb. In Schwaben galt der Schlafapfel unter anderem als eine Art „Wecker“: Wer ihn sich unter das Kissen legte, konnte hoffen, am nächsten Morgen zur rechten Zeit aufzuwachen. Dort hieß es auch, der Rosenapfel bringe Reichtum und Glück.

Auch vor dem lebenden „Inventar“ in den zahlreichen Kammern im Inneren der Rosengallen – Larven und andere Insekten – hatten die Menschen damals keine Berührungsängste. So verabreichte man Epileptikern nach einem alten Rezept sieben bis neun „Würmchen“ aus dem Schlafapfel in Rotwein. Auf dem Ofen gedörrte Schlafputze – ins Ohr gesteckt, gekaut oder in der Pfeife geraucht – dienten als Mittel gegen Zahnweh. Gegen dieses Übel sollte auch in England und Frankreich ein als Amulett in der Tasche getragener Schlafapfel schützen.

Nach alter Überlieferung eigneten sich Rosengallen aber auch für Orakelzwecke. So hielt man einen im Frühjahr gefundenen Gallapfel für ein gutes Vorzeichen, den vom Herbst dagegen für ein eher ungünstiges. Abgepflückt und über das Dach geworfen, konnte der Schlafapfel wiederum drohendes Unheil in Segen verwandeln. Die Bauern von Kent glaubten, aus dem Inhalt der aufgeschnittenen Rosengallen den Verlauf des Jahres herauslesen zu können: Eine darin gefundene Ameise bedeutete eine gute Getreideernte, eine Spinne: die Pest. Eine weiße Made oder eine Larve wies auf eine bevorstehende Maul- und Klauenseuche hin. Flog der kleine „Wurm“ gar davon, bedeutete es Krieg.

Schon die Heilkundigen der Antike kannten den Schlafapfel. Ob eine gewisse medizinische Wirkung tatsächlich durch die in den Gallen enthaltene Gerbsäure hervorgerufen wird, ist allerdings ungewiss. Volkskundler sehen eher einen Zusammenhang zwischen den Bräuchen um die Rosengalle und der besonderen Rolle der Heckenrose im Mythos der alten Germanen. So galt die schützende, undurchdringliche Dornenhecke um Haus und Hof schon seit alters her als Garant für Sicherheit und einen ruhigen Schlaf. Zudem hielt man Stacheliges früher für geeignet, bösen Zauber abzuwehren. So galten etwa im Taubergrund die stacheligen Schlafäpfel aus dem in der Kirche geweihten Kräuterbüschel als Schutzmittel gegen Blitzschlag. Man nannte sie „Barbarakisselchen“, weil die heilige Barbara auch als Schutzpatronin gegen Blitzgefahr angerufen wurde.

Auch die modernen Naturwissenschaften haben sich längst mit den seltsamen Moosbällchen an Wildrosen, vor allem an der Hundsrose (Rosa canina), befasst. So weiß man heute, dass die bis zu fünf Zentimeter dicken tanninhaltigen Rosengallen durch Larvenfraß der Gemeinen Rosengallwespe (Diplolepis rosae) verursacht werden. Im Frühjahr legt der fast nur als Weibchen vorkommende Hautflügler mit „Wespentaille“ seine unbefruchteten Eier per Legestich in die Knospen wilder Rosen. Durch die Fressaktivitäten der Larven und vermutlich gewisse Ausscheidungen kommt es an der befallenen Stelle zu einer abnormen Zellteilung des Pflanzengewebes, den moosartigen Auswüchsen. Die Gallen enthalten mehrere Larvenkammern, in denen die Brut heranwächst. Die Larven bauen sich so ihr eigenes Nest. Dort überwintern sie, verpuppen sich im zeitigen Frühjahr und schlüpfen dann als wiederum nur weibliche Wespen aus. Kleinere Schäden an der Wirtspflanze entstehen mitunter, wenn die Triebe über den Gallen absterben. Vorsichtige Gärtner empfehlen daher, die Schlafäpfel zu entfernen und zu vernichten.

Im Inneren der nach altem Volksglauben Schlaf fördernden und beruhigend wirkenden Rosenäpfel geht es nach den Erkenntnissen der Forscher keineswegs so friedlich zu, wie man meinen könnte. Denn zum so genannten „System Rosengalle“ gehören neben den rein vegetarisch lebenden Larven, durch die solche Gallen hervorgerufen werden, zahlreiche Widersacher, die als „Einmieter“ ebenfalls das zottige Gebilde bewohnen. Manche dieser parasitären Larven ernähren sich ebenfalls von pflanzlicher, manche von gemischter, andere ausschließlich von fleischlicher Kost. Zu ihnen gehören die Räuberische Rosenerzwespe und die Schwarze Rosengallwespe. Ihre fresswütigen Larven arbeiten sich von Kammer zu Kammer und vertilgen oder schädigen dabei die Brut der Galle erzeugenden Wespe ebenso wie die übrigen mitunter recht verschiedenartigen Insassen des Systems.

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