Integration von Flüchtlingen : Im zweiten Lehrjahr

Immer mehr Berliner Betriebe stellen Flüchtlinge ein. Der Azubi bei Siemens wird vorerst trotzdem die Ausnahme bleiben.

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Erste Berufserfahrungen. Morteza Modaber (vorne) ist aus Afghanistan geflohen und macht zurzeit ein Praktikum bei der S-Bahn. Foto: Jens Jeske/ Imago
Erste Berufserfahrungen. Morteza Modaber (vorne) ist aus Afghanistan geflohen und macht zurzeit ein Praktikum bei der S-Bahn....Foto: imago/Jens Jeske

In einer blauen Latzhose steht die junge Frau an dem runden Werktisch, feilt die Kanten eines Metallstücks glatt. Reyhane Alinaghi, 24, lange, dunkle Haare, hat im Iran ihr Abitur gemacht und danach als Fotografin gearbeitet. Dass sie einmal in einer Firma wie Siemens arbeiten, dort fräsen und bohren würde, gemeinsam mit Männern, hätte sie damals nicht gedacht. Sie hätte es auch nicht gedurft.

Reyhane Alinaghi gehört zur zweiten Förderklasse von Siemens, die Anfang März begann. Sie ist vor vier Jahren nach Deutschland geflohen. Im vergangenen Jahr hat ihr ein befreundeter Siemens-Mitarbeiter von dem Programm erzählt. Mitschüler lasen auf Facebook davon.

Insgesamt bewarben sich 500 Geflüchtete für einen Platz, 32 wurden genommen. Bis Ende August lernen sie nun weiter Deutsch, haben praktischen Unterricht in der Ausbildungshalle und Theoriestunden in der Berufsschule. Ziel ist es, dass sie dadurch die Chance haben, sich auf eine Lehrstelle zu bewerben. Bevorzugt werden sie dabei nicht. Sie müssen das gleiche Verfahren wie alle anderen bestehen.

Die erste Förderklasse startete vor einem Jahr und endete im vergangenen August. Von den 18 Teilnehmern begannen 13 eine Ausbildung bei Siemens oder einem Kooperationspartner. Die vier, die noch nicht so weit waren, machten einen weiteren Sprachkurs oder holten einen Schulabschluss nach. Einer brach das Programm aus familiären Gründen ab.

2016 war für alle ein Lernjahr

Es gibt keine Statistik, wie viele Berliner Betriebe Geflüchtete als Praktikanten, Azubis, Zeitarbeiter oder Fachkräfte mittlerweile beschäftigen. Laut den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg würden sich aber vor allem die Branchen engagieren, die es schwer haben, ihre Stellen zu besetzen. Wie das Handwerk und der Bau. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin hat Ende des vergangenen Jahres 110 Ausbildungsverträge mit jungen Frauen und Männern aus Syrien oder Afghanistan abgeschlossen. 100 Geflüchtete würden eine Einstiegsqualifizierung machen. Eine Vorbereitung auf die duale Ausbildung wie bei Siemens. Dort bekommen die Geflüchteten fast 500 Euro im Monat: 231 Euro vom Jobcenter, 259 Euro vom Unternehmen.

Das vergangene Jahr war für die Berliner Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen wollten, ein Lernjahr. Sie besuchten Info-Veranstaltungen und Seminare, waren auf Jobbörsen für Geflüchtete vertreten, vergaben erste Praktika und Jobs. „Viele waren motiviert, aber überforderten sich auch“, sagt Marlies Peine, Sprecherin der Initiative „Wir zusammen“. Aus ihren Erfahrungen hätten die Betriebe mit den Monaten gelernt. Sie würden heute mehr über die Rechtslage und Qualifikationen der Geflüchteten wissen. Würden sich mehr zutrauen. Die Integration in den Unternehmen habe von daher Fortschritte gemacht. Zwar langsam, aber das sei auch verständlich: Die Geflüchteten müssten nach wie vor in einem fremden Land, weit weg von ihren Familien, zurechtkommen. Die Unternehmen müssten sich in asylrechtlichen und kulturellen Fragen fortbilden und die Geflüchteten intensiver betreuen als andere.

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