Interview mit dem Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter : "Die Aktionäre werden profitieren"

Der Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter; spricht mit dem Tagesspiegel über die Fusionspläne mit der London Stock Exchange und mögliche Folgen eines Brexits.

von und
Carsten Kengeter ist seit Juni 2015 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse.
Carsten Kengeter ist seit Juni 2015 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Kengeter, Sie haben lange in England gelebt und gearbeitet, Sie fliegen regelmäßig nach London, Ihre Kinder gehen dort zur Schule. Wie träumen Sie eigentlich – in Englisch oder in Deutsch?

Ich träume in verschiedenen Sprachen. Ich habe lange im englischsprachigen Ausland gelebt. Bei der UBS in London haben wir überwiegend Deutsch gesprochen. Ich würde sagen, es mischt sich.

Im Moment träumen Sie von der Fusion von Londoner und Frankfurter Börse zu einer neuen Großbörse. Solche Pläne sind in der Vergangenheit mehrfach gescheitert. Warum soll es dieses Mal klappen?

Weil wir dieses Mal ein partnerschaftliches Verhältnis haben. Es geht um ein Geschäft unter Gleichen. Die beiden Firmen sind ungefähr gleich groß. Sie ergänzen sich sehr gut, sowohl was die Regionen und die Produkte als auch die Kunden betrifft. Und: Der eine Partner sitzt in Frankfurt, also fest verankert in der Euro-Zone, der andere sitzt nicht nur nicht in der Euro-Zone, sondern vielleicht irgendwann noch nicht mal mehr in der Europäischen Union. Eine gemeinsame Börse könnte zwischen den verschiedenen Räumen vermitteln. Die Kunden der London Stock Exchange sind überwiegend in Großbritannien und im nordatlantischen Raum unterwegs, mit der Fusion könnten wir sie stärker an den Euro-Raum heranführen.

Aber was passiert, wenn sich die Briten im Juni für den Austritt aus der EU, also für den Brexit, aussprechen. Sind Ihre Fusionspläne dann hinfällig?

Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt. Aber ein Brexit würde die Fusion nicht zu Fall bringen. Ein Standort, nämlich Frankfurt, bleibt ja immer im Euro-Raum. Und für Deutschland, die größte Industrienation Europas, würde es im Fall eines Brexits umso wichtiger, den größten Finanzplatz der Welt, nämlich London, an Frankfurt zu binden.

Bisher soll der rechtliche Sitz der neuen Börsen-Dachgesellschaft in London sein. Auch bei einem Brexit?

Wir planen mit zwei Unternehmenszentralen. Eine ist in Frankfurt; an den Geschäften und an der Aufsicht ändert sich nichts. Dasselbe gilt für die London Stock Exchange. Zudem soll London auch Sitz der Holding werden. Sollte es zum Brexit kommen, wird ein Referendumskomitee mit jeweils drei Vertretern der britischen und der deutschen Seite in Aktion treten. Den Vorsitz und die Stichstimme hat unser Aufsichtsratschef Joachim Faber. Dieses Komitee überlegt, was zu tun ist.

Kostet die Fusion Stellen in Frankfurt?

Die Deutsche Börse war vor zehn Jahren die Nummer eins auf der Welt, heute sind wir die Nummer vier, in zwölf Monaten wären wir die Nummer sechs.

Warum?

Weil die London Stock Exchange stärker und schneller wächst und uns abhängt. Und weil die Börse Shanghai mit einer Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Dollar in den Markt eintritt, sobald der chinesische Renminbi im Oktober in den Stabilitätskorb aufgenommen wird. London hat die Kunden, wir haben die Clearingstellen und die Ingenieure – diese Verbindung sichert Arbeitsplätze und Steuern.

Sie wollen 450 Millionen Euro im Jahr sparen. Das geht doch nur mit Stellenabbau!

Wir haben nicht vor, irgendwo das Licht auszumachen. Wir schaffen Synergien durch Harmonisierungen. Die größten Kosten liegen im IT-Bereich. Nehmen Sie das elektronische Handelssystem Xetra. Xetra hatte vor fünf Jahren einen Marktanteil von 85 Prozent, heute sind es 59 Prozent. Spezialisten aus den USA, die agiler, schneller und kosteneffektiver arbeiten, haben uns Geschäft abgenommen. Wir müssen uns daran ein Beispiel nehmen. In Europa gibt es 120 Aktienhandelsplätze, in den USA sind es gerade einmal zwei große bestimmende Anbieter.

Das klingt ja fast so, als wäre die Fusion mit London nur eine Zwischenetappe. Träumen Sie von der einen, europäischen Börse, in der alle anderen, auch die Euronext mit ihren Handelsplätzen in Holland, Portugal und Frankreich, aufgeht?

Nein. Die EU ist eine Staaten- und Wertegemeinschaft, aber keine Finanzeinheit.

Haben Sie Angst, geschluckt zu werden, wenn Sie nicht aktiv werden?

Angst? Nein. Aber wir wissen, dass es Interesse an unserem Partner gibt und wir wissen, dass es auch Interesse an uns gibt, wenn unser Londoner Partner von jemand anderem übernommen wird. Deshalb ist es ja so wichtig, dass unsere Fusion klappt. Die drei Börsen, die vor uns liegen, sind alle doppelt so groß wie wir. Die geplante Fusion ist im Kern ein Bekenntnis zur europäischen Einheit. Wenn sie nicht kommt, besteht die Gefahr, dass die europäische Kapitalmarktinfrastruktur nicht mehr konkurrenzfähig sein wird. Wir sind durch eine lange Finanzkrise gegangen. So etwas kann man nur schaffen mit einer neutralen, integren, verlässlichen, europäischen Finanzstruktur.

Das klingt wie das Wort zum Sonntag für Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Unterstützen die Ihre Pläne? Frühere Fusionsvorhaben sind ja auch an den Aufsichtsbehörden und der Politik gescheitert.

Wir sprechen gerade mit der Politik und den Aufsehern. Ich will dem nicht vorgreifen. Aber ich glaube, unser Vorhaben steht in Einklang mit der europäischen Kapitalmarktunion. Sie soll 2019 vollendet sein. Die Kapitalinfrastruktur, die wir bieten, ist eine notwendige Voraussetzung dafür. Insofern hoffe ich auf die Unterstützung der Politik und der Aufsicht.

Wann machen Sie den Aktionären ein offizielles Angebot?

Das wird in den kommenden Wochen erfolgen. Bei den Londoner Aktionären wird es eine außerordentliche Hauptversammlung geben, hier reicht die Zustimmung von 75 Prozent der anwesenden Aktionäre. In Deutschland gibt es ein Aktientauschangebot. Das müssen 75 Prozent aller Aktionäre annehmen.

Das ist eine hohe Hürde.

Ich finde das aber richtig. Es geht ja um große Veränderungen.

Die früher von Ihren eigenen Aktionären torpediert worden sind. Droht das jetzt wieder?

Nein. Der Kapitalmarkt sieht den Merger positiv.

In der neuen Gesellschaft soll die Deutsche Börse einen Anteil von 54 Prozent haben, viele sagen, das sei zu wenig. Fair seien 58 Prozent.

Warum? Die Quote basiert auf den durchschnittlichen Firmenwerten der letzten drei Monate vor Bekanntgabe. Außerdem ist der Blick nach vorne wichtig. Die neue Börse Frankfurt/London wird dem Ergebnis nach die größte der Welt sein, davon werden auch die Aktionäre profitieren.

Man rechnet damit, dass die US-Börse Intercontinental Exchange (ICE) aus Atlanta demnächst ein Angebot an die Londoner Aktionäre machen wird und denen auch Bares offeriert. Legen Sie dann nach?

Wenn London und Frankfurt zusammengehen, wird das neue Unternehmen hochprofitabel und könnte dann auch den Aktionären entgegenkommen.

Über höhere Dividenden?

Ja, genau.

Börsenfusionen sind in der Vergangenheit oft zu Fall gebracht worden, auch mit gezielten Indiskretionen und Skandalgeschichten. Könnte das jetzt wieder passieren? Sie haben früher bei der UBS gearbeitet – zu einer Zeit, als es dort Manipulationen des Libor-Zinses gab. Haben Sie davon gewusst?

Dieses Thema ist eine reine Erfindung so wie viele andere Dinge, die über mich gesagt werden.

Aber Sie waren doch der Chef von Tom Hayes, der verurteilt worden ist.

Ich war Partner bei Goldman Sachs und hatte mit Libor nichts zu tun. Ich bin zur Rettung der UBS im Dezember 2008 zu der Bank gekommen. Im Juni 2009 hat Hayes die Firma verlassen, weil ich Forderungen seiner Chefs nach garantierten erhöhten Boni – er stand in der Hierarchie viele Stufen unter mir – abgelehnt hatte. Das ist die einzige Überschneidung mit dieser Person. Ich bin wegen Libor niemals angeschuldigt worden. Das sind die Fakten.

Sie haben als Investmentbanker neun Millionen Euro verdient, als Chef der Deutschen Börse bekommen Sie fünf Millionen im Jahr. Gehen Sie zurück ins Investmentbanking, wenn die Fusion scheitert?

Nein. Geld ist nicht alles. Ich bin vor rund einem Jahr Vorstandschef der Deutschen Börse geworden, weil das eine wirklich interessante Aufgabe ist. Ich kann in dieser Funktion dazu beitragen, eine verantwortungsvolle europäische Kapitalmarktinfrastruktur zu entwickeln. Die Fusion ist für die Europäische Union und für die Deutsche Börse die beste Lösung. Aber wenn sie scheitern sollte, dann machen wir etwas anderes.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar