Wirtschaft : Joachim Hoffmann, geb. 1922

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In London stand er am Grab von Karl Marx. Auf Pere Lachaise, Paris, wo sie die Kommunarden erschossen und begraben haben, war er sowieso. In Narvik fand er einen Friedhof, auf dem deutsche Soldaten und norwegische Antifaschisten nebeneinander lagen. Und auch wenn er mit seiner Frau in Rheinsberg spazieren ging, musste er einen Abstecher auf den Friedhof machen. Kein Urlaub, kein Ausflug ohne eine Friedhofsrunde.

Wenn er andere Leute über den „Zentralfriedhof Friedrichsfelde“ führte, ging er nicht zuerst zu Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht. Die kennt jeder, die konnten die Zuhörer auch alleine finden, da braucht es keinen Stadthistoriker. Wenn er mit der Gruppe dann die sieben Stufen zur „Gedenkstätte der Sozialisten“ hochstieg, ging er zuerst nach links: Zu den Sozialdemokraten, die bis 1947 starben.

Da liegt zum Beispiel Karl Legien. Keiner kennt Karl Legien. Joachim Hoffmann kannte die Geschichte: Als Organisator des Generalstreiks von 1920 ließ der Gewerkschafter Legien den Kapp-Putsch scheitern. Und rettete damit die Weimarer Demokratie. Das erzählte Hoffmann, und ging erst dann zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Rudolf Breitscheid und Franz Mehring. Und dann zu Herbert Warnke. Der war vor dem Krieg Betriebsrat auf den Werften von Blohm und Voss, erst in Hamburg, dann in Rostock. In der DDR wurde er Vorsitzender des Gewerkschaftsverbands FDGB – und Hoffmanns Chef.

Joachim Hoffmann war mal Gewerkschafter im „Freien Deutschen Gewerkschaftsbund“, der ja eigentlich gar keine richtige Gewerkschaft war, denn es gab niemanden, mit dem er höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen hätte aushandeln können. Der Lohn stand im Plan, und der Plan kam von der SED. Joachim Hoffmann war auch in der SED. Man könnte das gewerkschaftlichen Pragmatismus nennen, aber vielleicht war es auch nur sozialistischer Realismus.

„Die DDR hat den Friedhof instrumentalisiert“, sagte Hoffmann, als es mit dem Realsozialismus vorbei war. Zum Beispiel bei der Gedenkdemonstration für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg: „Bei dem Aufmarsch wurde doch alles Mögliche geehrt, nur nicht die Toten!“ Trotzdem war er 50 Jahre lang jedes Mal am zweiten Januarwochenende dabei gewesen. Zuerst hatte es sich so gehört, dann wollte er nicht mehr anders.

Weiter im Rundgang: Pergolenweg, das ist der Weg, wo auch viele der zu spät Rehabilitierten liegen. Hier erzählte Joachim Hoffmann immer von Jacob Walcher, dem Kommunisten, dem Querulanten und Freund von Bertolt Brecht, der es schaffte, 1928 aus der KPD, 1932 aus der Sozialistischen Arbeiterpartei und 1951 aus der SED hinausgeworfen zu werden.

Der Friedhof, das waren für Joachim Hoffmann etwa hundert Geschichten, die er jederzeit erzählen konnte. Von wohl zweihundert Gräbern wusste er die Standorte, ohne irgendwo nachlesen zu müssen. Er hatte 60 Bände Totenbücher durchgearbeitet, er ging ins Bundesarchiv in Lichterfelde und in die Berliner Stadtbibliothek in der Breiten Straße, suchte Dokumente und las alte Artikel in „Vorwärts“, „Freiheit“ und „Roter Fahne“. In seinem Arbeitszimmer hängt ein Relief von Rosa Luxemburg, daneben ein Foto: Der Grabstein von Käthe Kollwitz, gestaltet von der Künstlerin selbst.

Wenn Joachim Hoffmann seinen Gästen den „Friedhof der Sozialisten“ zeigte, sagte er ihnen, dass er einmal ein Armenfriedhof war. 1880 gegründet, wurden die Toten mit dem Güterzug aus der Berliner Innenstadt für ein Minimalbegräbnis auf Magistratskosten herangefahren. Im Feld „Angehörige“ auf den Totenscheinen fand Hoffmann meist ein Fragezeichen. In manchen Jahren gab es 100 Beerdigungen an einem Tag, erzählte Hoffmann, „stellen Sie sich das mal vor!“ In solchen Situationen guckte er mit weit geöffneten Augen über den Brillenrand und hob den Zeigefinger dazu.

Er erzählte von unbekannten Arbeitern, die in der Weimarer Zeit auf Berliner Straßen starben, auf Demonstrationen und bei der Revolution. Karl Hennig, Schlossergeselle, 23 Jahre: Erschossen 1919. Erwin Bendwich, Kellner, 19 Jahre: Brustschuss bei der „Reichstagsunruhe“ im Januar 1920. Erich Grond, Schüler, 12 Jahre: Lungenschuss, Kapp-Putsch. Hoffmann hat lange Listen. Er notierte , Beruf, Alter und Todesursache, Sterbedatum und Beisetzungstermin.

Joachim Hoffmann dachte praktisch. Wenn er nicht schlafen konnte, machte er irgend etwas Praktisches, eben um die Zeit zu nutzen. Seine Enkelin hat ihn einmal morgens um halb vier beim Abwaschen überrascht. Oft stand er mit Absicht so früh auf, um sein Buch über den Friedhof zu schreiben. Um halb neun frühstückte er dann mit seiner Frau und ging danach noch mal schlafen. Um halb elf zog er sich die bequemen, grünen Laufschuhe aus Leinen an, ging die paar Ecken von seiner Wohnung bis zum Friedhof und begann seine Führung.

Wenn es um die Ehre der Toten geht, müsse man über den Dingen stehen, hat er mal gesagt, als ihn jemand zum Zwist zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten befragte. Und erst recht über der Parteipolitik. Deshalb war er vor zwei Jahren bei der Gründung des „Förderkreises Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung“ dabei, der Sozialdemokraten und Sozialisten aus Ost und West vereint. Sie sollen zusammen ihrer gemeinsamen Wurzeln gedenken und die Geschichte aufarbeiten, so ist die Idee.

Hinter dem Pergolenweg und weit hinter der „Gedenkstätte der Sozialisten“ hängen neben einem Wasserhahn grüne Gießkannen wie Einkaufswagen an Ketten, die sich öffnen, wenn man eine Euromünze ins Schloss steckt. Dort ist auch ein Stück frischen Rasens. Es ist die unauffällige Grabstelle einer Urnengemeinschaft: Hier liegt Joachim Hoffmann. Christian Domnitz

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