Jugendliche in Berlin : Berliner IHK fordert elftes Berufsschulpflichtjahr

Jeder zehnte Schulabgänger hat keinen Abschluss, jeder dritte Betrieb findet keinen Azubi mehr. Die IHK Berlin fordert den Senat auf zu reagieren.

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Jeder Zehnte verlässt die Schule in Berlin ohne Abschluss.
Jeder Zehnte verlässt die Schule in Berlin ohne Abschluss.Foto: Armin Weigel/ dpa

Damit weniger Jugendliche planlos durch die Stadt irren, fordert die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) vom Senat ein elftes Berufsschulpflichtjahr. Wer nicht das Abitur machen möchte, keinen Ausbildungsplatz hat, oder nicht einmal weiß, was er werden möchte, könnte mit 16 Jahren sonst schon in einer Sackgasse stehen - und nichts mehr tun. Was darauf folgt, ist oft die Langzeitarbeitslosigkeit.

Neu ist die Idee nicht. Es gab das elfte Pflichtjahr sogar schon einmal in Berlin. Vor einigen Jahren wurde es jedoch abgeschafft, weil es recht teuer war und nicht effektiv genug. Im vergangenen Jahr machte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) das Einmaldagewesene dann wieder zur Option. Zwar steht das elfte Schuljahr nicht im Koalitionsvertrag, aber vor einer Woche meinte Scheeres, das Thema sei „noch nicht vom Tisch“. Die Forderung der IHK könnte der Debatte einen neuen Schub verleihen.

Jugendarbeitslosigkeit zu hoch

Argumente für die Wiedereinführung sind: Jeder Zehnte verlässt die Schule in Berlin ohne einen Abschluss. Ebenso viele 15- bis 25-Jährige sind arbeitslos. Zwar sinkt diese Quote, aber sie liegt noch immer deutlich über dem Bundesdurchschnitt. „Es zeigt sich, dass Berlin hier ein großes Problem hat“, sagt Constantin Terton, IHK-Experte für Fachkräfteentwicklung. Wie das elfte Berufsschulpflichtjahr genau aussehen würde, skizzierte die IHK am Montag nicht.

Das elfte Berufsschulpflichtjahr ist ein Aspekt einer „bildungspolitischen Reformagenda“ der IHK. Um die Koordination zwischen Schulen und Unternehmen zu verbessern, hält die Kammer ein Landesinstitut und eine eigene Senatsverwaltung für berufliche Bildung für sinnvoll. Sollte es ein elftes Pflichtjahr geben, müsse der Senat zudem Strategien gegen den Fachlehrermangel an den Berufsschulen entwickeln. Bei den sehr wichtigen Jugendberufsagenturen fehle es überdies an finanziellen Mitteln und Systematik. „Anders als in Hamburg hat Berlin noch keinen Überblick darüber, wie viele Schulabgänger mit Unterstützungsangeboten nicht erreicht werden“, heißt es bei der IHK.

Das gleiche Problem hat die Bundesagentur für Arbeit. Der neue BA-Chef Detlef Scheele, der die Jugendberufsagenturen in Hamburg eingeführt hat, schlägt vor: Gemeinsam mit den Schulbehörden, den Kommunen und der Jugendhilfe sollte ein EDV-System aufgebaut werden, in dem jede Stelle die Kerndaten der Jugendlichen mitsamt ihren Ausbildungswünschen dokumentiert. „Dann kann man die Bildungsverläufe der Jugendlichen nach Abschluss der Schule nachvollziehen und schauen, ob sie eine Ausbildung erfolgreich abschließen, abbrechen oder wo sie gerade stehen“, sagt Scheele. Die Datenerhebung soll auf freiwilliger Basis erfolgen.

Auch Azubi-Mangel bereitet Sorgen

Neben den perspektivlosen Jugendlichen bereitet der Azubi-Nachwuchs der Berliner IHK Sorgen. Immer mehr Mädchen und Jungen machen das Abitur. Studieren. Immer weniger entscheiden sich für einen mittleren Schulabschluss und die duale Ausbildung. Im Büro, in der Industrie oder im Handwerk. Deswegen soll der Fachkräftemangel in der Gruppe der beruflich Qualifizierten drastischer zunehmen als unter Akademikern.

Nach den aktuellsten Zahlen des IHK-Fachkräftemonitors wird sich der Akademiker-Mangel im Berlin, der derzeit 13 000 Personen umfasst, bis 2030 fast verdreifachen. Die Zahl der fehlenden beruflich Qualifizierten könnte im gleichen Zeitraum sogar von 28 000 auf 152 000 steigen. Mehr als jeder dritte Betrieb kann seine Lehrstellen schon jetzt nicht mehr besetzen. Deswegen seien immer mehr Unternehmen bereit, auch Jugendliche mit einem schlechten Schulabschluss zu nehmen – und sie gegebenenfalls mit Nachhilfestunden zu unterstützen.

Generell fehlen Berlin in diesem Jahr 41 000 Fachkräfte. In 13 Jahren könnten es mehr als 180 000 sein – wenn die Unternehmen nichts dagegen tun, warnt die IHK. Besonders stark betroffen seien der Dienstleistungssektor, der Gesundheitsbereich und das Gastgewerbe.

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