Filmberufe : Kamera ab!

Wer Talent hat und hartnäckig ist, hat gute Chancen. Feste Stellen und geregeltes Gehalt sind aber selten.

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Am Set. Beim Dreh für den Kinofilm „Gespenster“ gibt der TV- und Kinoregisseur Christian Petzold der Schauspielerin Julia Hummer...

Manchmal hilft das Glück. Sibylle Grunze fuhr zwei Jahre vor dem Abitur im Zug von St. Petersburg nach Moskau. Im Abteil lernte sie einen Produzenten aus London kennen, der ausgerechnet Dokumentarfilme produzierte, ein Genre, für das sie schon damals ein Faible hatte. Nach dem Abi dann, als die Berufsperspektive konkreter werden sollte, beschloss sie, den Zufallskontakt wiederaufleben zu lassen – und bekam in London ihr erstes Praktikum. Heute lebt sie als Kamerafrau in Berlin und ist Mitbetreiberin der Produktionsfirma „Teer und Feder“.

Wenn in ein paar Tagen die Berlinale beginnt und die Stadt wieder vom Kinofieber ergriffen wird, werden viele sich fragen, wie man den Film zum Beruf machen kann. Den einzigen, richtigen Weg dorthin gibt es sicher nicht. Doch die, die es in die Branche geschafft haben, wissen, wie es funktionieren kann.

PRAKTIKUM

Martin Lischke, der an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolff (HFF) in Potsdam kurz vor seinem Diplomabschluss als Produzent steht und mit „Weltstadt“ bereits einen vielbeachteten Langfilm mitverantwortet hat, schlug schlicht die Gelben Seiten auf, als er nach der Schule nicht genau wusste, wohin mit seinem Organisationstalent. Er stieß auf die Produktionsfirma „Weideglück TV“, wurde dort Praktikant, später Produktionsassistent, dann Aufnahmeleiter bei Studentenprojekten. Zweimal bewarb er sich vergebens an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb), blieb aber hartnäckig und schaffte es dann im dritten Anlauf an die HFF.

Wer zum Film will, in welchem Beruf auch immer, für den führt jedenfalls kein Weg an einem ersten Praktikum vorbei, gleich welcher Art, „und sei es das berühmte Kaffeekochen am Set“, wie Martin Hagemann, Produzent und Geschäftsführer der international agierenden Firma „zero fiction film“, sagt. Er empfiehlt Einsteigern den Job des Produktionsfahrers, für den es als Qualifikation erst mal nur den Führerschein braucht. „Man fährt den Schauspieler nach einem Drehtag ins Hotel und ist manchmal der Beichtvater, fährt morgens den Produzenten zum Set und hört, wie der die Dinge einschätzt. Darüber lernt man viele Gewerke kennen.“

AUSBILDUNG

Was hingegen nicht funktioniert: in Babelsberg anzurufen und darauf zu bauen, beim nächsten Dreh einem Quentin Tarantino über die Schulter schauen zu dürfen. Solchen Träumern muss Kirsten Venhues, die Leiterin der Personal- und Rechtsabteilung der Studio Babelsberg AG, eine Absage erteilen. Hingegen besitzt die Firmengruppe eine Ausbildungsberechtigung für die handwerklichen Dienstleistungen, ohne die kein Film auskommt, etwa für den Dekorationsbau. Auch Tischler, Stuckateur, Bühnenmaler oder Metallbauer kann man hier lernen, „und zwar in der Unikat-Produktion, wir machen ja keine Fließbandarbeit“, betont Venhues. Auch zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik bilden die Brandenburger Studios aus, eine Qualifikation, die etwa für die Betreuung der gesamten Studio- und Ateliertechnik vonnöten ist. In der Produktion dagegen böten die Filmhochschulen und -akademien immer mehr spezialisierte Ausbildungen, so Venhues. Und gleichzeitig gebe es nach wie vor viele Quereinsteiger.

QUEREINSTIEG UND STUDIUM

Sicher, Menschen, die es ohne Ausbildung zu künstlerischem Ruhm gebracht haben, gibt es viele. HFF-Präsident Dieter Wiedemann glaubt indes, dass Hochschulen eben nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch Raum politischer Debatten, philosophischer Gespräche, kurz, der Allgemeinbildung seien. Produzent Martin Hagemann, heute Dozent an der HFF, hat einst Germanistik studiert. Er sagt, der Weg über die Praxis sei sicher „steiniger“. Bewähre man sich dort, stoße man aber schneller zu maßgeblichen Projekten vor.

Der Schauspieler Antoine Monot, Jr., Vorstands-Mitglied des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) und bekannt aus Filmen wie „Absolute Giganten“ und „Das Experiment“, war Regiestudent in Zürich, bevor er zu einem Casting eingeladen wurde. Rät er zu Ausbildung oder Quereinstieg? „Grundsätzlich würde ich jedem, der Schauspieler werden will, eine Woche lang erzählen, wie furchtbar der Beruf ist“, sagt er. „Wer es dann immer noch will, hat, glaube ich, das Zeug dazu.“ Wichtig für einen Schauspieler sei es, sich auf einem Markt mit nicht geringer Konkurrenz grundsätzlich zu überlegen: Was ist mein Alleinstellungsmerkmal?

Stefan Dähnert, einer der erfolgreichsten deutschen Drehbuchautoren und Dozent an der Filmakademie Ludwigsburg, nennt als wichtige Qualifikation für angehende Autoren vor allem: Lebenserfahrung. Das Studium sei eine hervorragende Möglichkeit, die handwerklichen Mittel und die Regeln der Genres zu lernen. „Bis das erste wirklich gute Buch entsteht, vergehen allerdings oft zehn Jahre“, weiß er.

Wer es, in welcher künstlerischen Sparte auch immer, nicht an eine der staatlichen Institutionen schafft, hat Alternativen. Ein Beispiel ist die FilmArche, die erste selbstorganisierte Filmschule Europas. Hier gestalten die Studierenden selbst ihre Lehre, laden sich Dozenten ein, auch ein Andreas Dresen hat hier schon unterrichtet. Daneben ist der Markt der – sehr unterschiedlich renommierten und teils teuren – Privatanbieter gewachsen. Oft jedoch ist ein solches Studium nur ein Schritt an die staatliche Hochschule, wo ein Abschluss, so dffb-Studienleiter Bodo Knapheide, „für Redakteure und Produzenten eine gewisse Sicherheit bedeutet. Sie können ein gewisses Know-how voraussetzen.“

CHANCEN

Eine Garantie, später in dem studierten Beruf tätig zu sein, gibt es freilich nicht, und finanzielle Höhen und Tiefen sind für Künstler selbstverständlich. Besonders schwer haben es auf dem Markt Regisseure, die nur fürs Kino arbeiten wollen. Die meisten allerdings, sagt Knapheide, blieben zumindest in der Branche. Und wenn jemand zunächst bei der Soap lande, bedeute das ja noch nicht den Schlusspunkt. Gefragt in ihrem Metier sind nach Meinung von Fachleuten Absolventen von Fächern wie Animation oder Filmmusik, aber auch Cutter, Kameraleute, Drehbuchautoren und Produzenten haben gute Chancen, wenn sie einen langen Atem besitzen, Talent haben – und das auch verkaufen können.

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