Nordsee-Chefin : "Hai servieren wir nicht"

Seit 2011 steht Hiltrud Seggewiß an der Spitze der Imbisskette Nordsee. Mit dem Tagesspiegel spricht sie über nachhaltigen Fischfang, gesundes Essen und die Modernisierung des Unternehmens.

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Moderner und jünger will Hiltrud Seggewiß das Unternehmen machen.
Moderner und jünger will Hiltrud Seggewiß das Unternehmen machen.Foto: Thilo Rückeis

Frau Seggewiß, heute gilt ein Drittel der weltweiten Fischbestände als überfischt. Woher kommt Ihr Fisch?

Die bestverkauften Fische sind bei uns Alaska-Seelachs, Hering und Garnelen – alles Arten, die nicht gefährdet sind. Schillerlocken aus Haifisch oder bedrohte Thunfisch-Arten etwa haben wir schon lange nicht mehr im Angebot. Wir schauen genau auf die Fanggebiete. Zudem beziehen wir fast 100 Prozent unseres Lachses aus Aquakulturen.

Die ebenfalls stark in der Kritik stehen, weil die Gewässer mit Antibiotika belastet werden.

Aquakulturen sind nicht per se schlecht, es kommt darauf an, wie sie geführt werden. Wir beziehen über 90 Prozent unseres Frischfisches vom Lieferanten Deutsche See. Die Deutsche See beliefert uns mit vielen Produkten, die mit dem MSC-Label für Nachhaltigkeit ausgezeichnet sind, und hat sehr strenge Richtlinien.

Warum bieten Sie nicht ausschließlich zertifizierten Fisch an?

Der Prozess ist ja erst in den vergangenen Jahren angestoßen worden. Zudem gibt es Nordsee-interne Vorschriften, in denen die Kriterien für unsere Zulieferer festgelegt sind. Eine Nachhaltigkeits-Zertifizierung ist aber auch kein Allheilmittel, da gibt es konträre Meinungen.

Viele Verbraucher wünschen sich mehr Orientierung durch Siegel oder Herkunftsangaben.

Wir glauben, dass unsere Marke als Qualitätsindikator ausreicht. Das Unternehmen wurde 1896 von Bremer Kaufleuten gegründet, die jahrzehntelang eine eigene Fischfang-Flotte hatten.

Auf der Grünen Woche, die derzeit läuft, wird immer wieder von Fast Food abgeraten. Trifft Sie das?

Zunächst ist Fast Food nicht so ungesund wie sein Ruf. Nordsee versteht sich zudem nicht als reine Fast-Food-Kette. Wir bieten schon seit jeher gesunde Alternativen an – Salat oder Ratatouille statt Bratkartoffeln. Neuerdings gibt es bei uns auch mehr kalorienarm zubereiteten Fisch, der etwa auf der Haut gebraten und serviert wird, statt paniert.

Was können Sie den großen Konkurrenten wie McDonald’s entgegensetzen? Zuletzt musste Nordsee die Filialzahl reduzieren.

Zur Jahrtausendwende ist Nordsee stark expandiert, ein Börsengang war angedacht. Nun haben wir die Standorte geschlossen, die nicht erfolgreich waren. 2012 haben wir 350 Millionen Euro Umsatz gemacht, knapp drei Prozent weniger als im Vorjahr.

Wie wollen Sie das Geschäft ankurbeln?

Wir wollen jüngere Kunden auf uns aufmerksam machen, die uns bisher wenig wahrnehmen.

Das haben schon Ihre Vorgänger erfolglos versucht.

Wir wollen in der Werbung präsenter werden. Zudem setze ich auf die Modernisierung der Filialen, deren Aussehen und Struktur sind lange nicht überarbeitet worden. Es gab bis zu meinem Amtsantritt keinen Innenarchitekten bei Nordsee! Wir wollen weg vom Kantinencharakter, auf dem in den 80er Jahren der Fokus lag, und die Filialen stärker ans Umfeld anpassen.

Zum Beispiel?

In der Spandauer Straße in Berlin, wo schon zu DDR-Zeiten Fisch verkauft wurde, experimentieren wir gerade mit großen Bildschirmen, helleren Farben und einer offenen Küche. Hier kommen Touristen aus aller Welt vorbei. Wir investieren rund zwei Millionen Euro in den Umbau.

Wie viel investieren Sie deutschlandweit?

Im vergangenen Jahr haben wir rund 22 Millionen Euro in den Umbau der Filialen gesteckt, in diesem Jahr streben wir eine ähnliche Größenordnung an.

Wollen Sie weitere Filialen eröffnen?

Ja, wir wollen um vier bis fünf Filialen im Jahr wachsen. Auch in Berlin sollen 2013 zwei Restaurants hinzukommen. Aber zunächst konzentrieren wir uns auf die Modernisierung. Zudem wollen wir künftig mehr auf Franchise setzen.

Planen Sie, im Ausland zu expandieren?

Nein, das internationale Geschäft ist nicht im Fokus, wir haben in Deutschland genug zu tun. Nur 68 unserer 404 Filialen sind im Ausland, drei auch in Dubai und Ägypten. In dieser Region wurden wegen des Arabischen Frühlings die Wachstumspläne aber zunächst gestoppt.

Spüren Sie die Schuldenkrise, weil die Leute weniger auswärts essen?

Nein, das Wetter ist viel wichtiger für uns als die Konjunktur. Bei Kälte bleiben die Kunden zu Hause.

Franchise-Systeme geraten immer wieder in die Kritik, weil die Unternehmen die Verantwortung für Löhne und Arbeitsbedingungen an den Einzelunternehmer abgeben. Wie garantieren Sie faire Bedingungen in beiden Modellen?

Garantieren können wir das nicht, die Verantwortung liegt beim Unternehmer. Wir werden die Franchisenehmer aber streng kontrollieren, immer wieder schulen und im Gespräch mit den Mitarbeitern bleiben. Wenn es bei den Franchise-Filialen nicht ordentlich zugeht, beschädigt das auch unsere Marke, und das wollen wir in jedem Fall verhindern.

Sie setzen auf Franchise, weil Sie damit kräftig Kosten sparen.

Wir wollen durch das Franchisesystem in erster Linie unser Wachstum finanzieren. Wir sind nicht daran interessiert, bestehende Filialen umzuwidmen. Zudem wollen wir damit einen Kulturwandel einleiten. Franchisesysteme sorgen für mehr Wettbewerb zwischen Filialen.

Wie viele Franchiseläden sollen es werden?

Heute schon liegt der Anteil, nicht zuletzt durch unseren Partner Tank und Rast an den Autobahnen, bei 25 Prozent. Langfristig können wir uns 50 Prozent Franchise vorstellen.

Bei Nordsee arbeiten in erster Linie Frauen. Wie stark setzen Sie auf Minijobber und Teilzeitkräfte?

Von unseren 6000 Beschäftigten arbeiten rund 75 Prozent in Teilzeit. Unser wichtigstes Geschäft ist in der Mittagszeit, da brauchen wir für einige Stunden sehr viele Leute. Nur mit Vollzeitstellen wäre unser Geschäftsmodell nicht zu finanzieren. Unter den Teilzeitkräften sind rund 700 Minijobber, allerdings auch hier einige Männer.

Wollen Sie als Chefin die Frauen im Unternehmen besonders fördern?

Wir haben heute schon in den Führungspositionen unserer Restaurants eine Frauenquote von 30 Prozent. Auch in der Zentrale werden mehrere Abteilungen, wie etwa Rechnungswesen, Marketing und die Personalabteilung, von Frauen geleitet. Wir müssen bei uns eher die Männer fördern, daher gibt es Ende April auch einen „Boy’s Day“ bei Nordsee.

Bringen Sie als Frau einen anderen Führungsstil mit?

Ich achte stark auf Kommunikation, wir besprechen uns jede Woche mit allen Führungskräften. Zudem lege ich viel Wert auf den Kontakt mit den Mitarbeitern. Sie sind das Rückgrat unseres Geschäfts.

Sie haben schon vor Nordsee jahrelang mit Heiner Kamps zusammengearbeitet. Wie viel Einfluss nimmt er als Eigentümer auf das Geschäft?

Wir stehen in engem Kontakt und tauschen uns regelmäßig über das Geschäft aus. Wir kommen beide aus Bocholt, zehn Jahre lang war ich Finanzvorstand bei Kamps. Wenn ich eine Frage habe, muss ich kein Meeting einberufen. Ich rufe ihn einfach an und bitte um Rat.

Das Interview führte Jahel Mielke

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