Wirtschaft : Samuel Mitja Rapoport

Geb. 1912

Lothar Heinke

An erster Stelle der Sozialismus, an zweiter die Wissenschaft, an dritter die Frau. Irgendwann erreicht auch ihn und sein Institut der Begriff „Störfreimachung“. Was kann, was soll, was will er dazu beitragen? Die DDR der siebziger Jahre möchte vom Westen unabhängig sein, Eigenes schaffen. Professor Rapoport, Direktor des Instituts für Biologische und Physiologische Chemie an der Humboldt-Universität, erlebt jeden Tag die gleiche Misere: Es mangelt an Lehrmaterial, die meisten Studenten lernen nach Vorlesungsnotizen oder haben sich Bücher aus dem Westen besorgt. Die sind teuer und rar. Warum also kein eigenes Lehrbuch machen? Dabei schreibt er überhaupt nicht gern, kann manchmal seine eigene Schrift kaum lesen.

Was sein muss, soll aber sein: Für die „Störfreimachung“ engagiert der Biochemiker einen Pressestenographen und zwei Sekretärinnen und beschäftigt sie in jeder freien Minute. Während er dem Stenografen diktiert, schreiben die Sekretärinnen die Texte ab. Nach drei Monaten ist das Lehrbuch fertig. „Medizinische Biochemie“ erscheint in neun Auflagen, von den über 60000 Exemplaren werden mehr als zwei Drittel im Westen verkauft.

„Jahrzehntelang wurde ich in der DDR und im Ausland gefragt, ob ich mit dem Verfasser verwandt sei. Viele Ärzte aus Ost und West bekannten sich als Mitjas Biochemie-Schüler“, sagt Prof. Dr. Ingeborg Rapoport, Mitjas Frau. Die Berliner Kinderärztin und langjährige Leiterin der Neugeborenen-Abteilung in der Charité schrieb über ihre „ersten drei Leben“ ein Buch, vielleicht auch stellvertretend für ihren Mann, der seine Memoiren nie aufschreiben mochte.

Der Sohn jüdischer Eltern wird 1912 in Galizien an der russisch-ös- terreichischen Grenze geboren, vier Jahre später zieht die Familie nach Odessa, 1919 nach Wien. Dort studiert er Medizin und Chemie, promoviert mit 24 Jahren und geht erst einmal in die Vereinigten Staaten. Am Cincinnati Hospital hat er ein Forschungsstipendium bekommen. Als 1938 Österreich annektiert wird, bleibt er in den USA. Dem Juden Rapoport rettet der Entschluss gewiss das Leben – und er beschert ihm auch die Frau, mit der er seine 60 verbleibenden Jahre teilen wird. Im Krankenhaus läuft dem jungen Forscher die so zarte wie hübsche Kinderärztin Ingeborg Syllm aus Hamburg über den Weg . Die Tochter einer jüdischen Pianistin ist nach Amerika emigriert.

„Mitja war für mich eine unbedingte Respektsperson, er kam mir viel älter vor als ich, dabei ist er drei Monate jünger“, erinnert sie sich. „Als er mich am zweiten Tag, nachdem ich ihm im Säuglingszimmer erstmals begegnet war, auf den Zahn fühlte, wen ich höher schätzte: Dostojewski oder Tolstoi, und ich mich errötend zu Dostojewski bekannte, hatte ich das schreckliche Gefühl, durch die wesentlichste Prüfung meines Lebens gefallen zu sein.“ Ist sie nicht: Die beiden heiraten 1946, bekommen vier Kinder. „Mitjas Prioritäten waren klar: An erster Stelle stand der Sozialismus, an zweiter die Wissenschaft und erst an dritter Stelle ich und alles andere. Ich habe diese Reihenfolge gebilligt, obgleich mir oft weh ums Herz gewesen ist.“ Ingeborg Rapoport war sich nicht sicher, ob diese Abfolge wirklich gut für ihren rastlosen Mann war.

Rapoport erforscht den Wasser- und Elektrolysehaushalt des Menschen, die roten Blutzellen und deren Geheimnisse beim Stoffwechsel. Er entwickelt in den USA eine neue Methode zur Konservierung von Blut, jetzt kann man Blutkonserven drei Wochen lang lagern. Tausenden im Zweiten Weltkrieg verwundeten GIs rettet seine Erfindung das Leben. Präsident Truman verleiht dem Biochemiker nach dem Krieg das „Certificate of Merit“. Da ist der Wissenschaftler schon in Japan und erforscht mit amerikanischen Kollegen die Ursachen einer grassierenden Kinderkrankheit .

In Zürich, bei einem Kongress, erfährt er, dass sich McCarthys „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ für seine Gesinnung interessiert – und bleibt in der Schweiz. Inge, hochschwanger, kommt mit den drei Kindern nach. Die Familie ist heimatlos. Die Bewerbung um eine Professur in Wien scheitert, weil die Amerikaner sich einmischen. Da wird an der Medizinischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität eine Professorenstelle für Physiologische Chemie frei.

So beginnt 1952 das dritte Leben der Rapoports in der DDR. „Mitja scharte rasch einen Kreis junger Leute um sich und imponierte seinen Studenten als geistvoll sprühender Hochschullehrer mit amerikanisch-wienerischem Akzent“, sagt einer seiner Schüler. Er erinnert sich auch gut, wie die beiden Rapoports überall und immer für ihre Wahlheimat fochten, die für sie die einzig sinnvolle Konsequenz aus der deutschen Geschichte war. Den Untergang der DDR, die die beiden mit Ehrungen überhäuft hatte, empfinden sie schmerzhaft als das Ende ihres dritten, schönen Lebens.

In der Traueranzeige steht, wem sein Leben galt: „Dem Sozialismus, der Wissenschaft, seiner Familie, seinen Freunden und Schülern“. In einem Fernsehporträt über die Rapoports bekannte er am Ende seiner langen Reise: „Lieber ein solches Leben als ein mittelmäßiges.“

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