Wirtschaft : Stadt der kritischen Geister

Die Berliner haben einen Anspruch auf humanistische Bildung Von Bruno Osuch

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Berlin ist eine weltoffene und weltliche Stadt zugleich. Über sechzig Prozent der Bevölkerung sind konfessionslos. Schon immer war die Stadt ein Magnet für Freidenker und Glaubensflüchtlinge, kritische und kreative Geister. Das spiegelt sich auch in der Schule wider. Bereits in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde hier dem Wunsch vieler konfessionsloser Menschen nach weltlichhumanistischer Wertebildung entsprochen und das Schulfach Lebenskunde eingerichtet.

Von den Nazis verboten, durch Willy Brandt in den Sechzigerjahren gefördert und 1984 unter der CDU-Senatorin Hanna-Renate Laurien wieder eingeführt, nehmen derzeit über 34000 Kinder und Jugendliche an diesem freiwilligen Unterricht teil, Tendenz weiter steigend. Auch heute orientiert sich dieses in Deutschlang bislang einzigartige Angebot an den aufklärerischen Werten einer nichtreligiösen Ethik: Selbstbestimmung, kritisches Denken, soziale und ökologische Verantwortung.

Zu Recht nimmt das neue Berliner Schulgesetz fast wörtlich eine Formulierung auf, die dort schon seit dem Jahr 1947 festgeschrieben ist: In der Erziehung „sollen die Antike, das Christentum und die für die Entwicklung zum Humanismus, zur Freiheit und Demokratie wesentlichen gesellschaftlichen Bewegungen ihren Platz finden“. Der gerade in jüngster Zeit wieder aufgewärmten unhistorischen Verabsolutierung eines angeblich rein „christlichen Abendlandes“ wurde damit ein Riegel vorgeschoben.

Im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern wurde in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg die Trennung von Kirche und Staat im Bereich der Schule konsequent umgesetzt. Seitdem sind der Religions- und Lebenskundeunterricht keine staatlichen Schulfächer mehr, sondern für die Schüler völig freiwillige Angebote der Kirchen, Religionsgemeinschaften und des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD).

Eine Vergegenwärtigung dieser großen liberalen Tradition Berlins ist angesichts der Roll-Back-Versuche kirchlicher Kräfte besonders wichtig. Erinnert sei etwa an die Forderung von Bischof Huber nach einem staatlichen Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg. Die Trennung von Kirche und Staat und die völlige Gleichbehandlung säkular-humanistischer Alternativen muss jedoch weiter Bestand haben. Mehr noch: Es muss endlich ein grundständiges Studium im Fach humanistische Lebenskunde an einer Berliner Universität geben. Bislang wurden die Lehrkräfte nur berufsbegleitend an einem Institut des Humanistischen Verbandes und in Kooperation mit der TU Berlin ausgebildet.

Dabei reichen die Perspektiven des organisierten Humanismus viel weiter. Warum sollte es nicht auch bei uns ethisch-humanistische Beratungsangebote wie in den Niederlanden und Belgien geben: In Krankenhäusern, bei Katastrophen oder in der Armee? Der Bedarf dürfte angesichts der konfessionellen Zusammensetzung der Bevölkerung enorm sein. In den beiden genannten Nachbarländern hat sich über die Jahrzehnte das Berufsbild des „humanistischen Beraters“ entwickelt. Es ist eine Kombination aus Psychologie, Sozialarbeit und ethischer Lebensberatung. Freilich ist hierfür auch eine wissenschaftliche Ausbildung nötig. In den Niederlanden etwa erfolgt sie an der Humanistischen Universität in Utrecht.

An der Humboldt-Universität haben die Kirchen nach heftigen Interventionen unlängst den Erhalt ihrer theologischen Fakultät durchgesetzt. Und in Brandenburg gelang es dem Vatikan, einen Staats-Kirchenvertrag auszuhandeln, der für drei Prozent der Bevölkerung Privilegien in Millionenhöhe auf alle Ewigkeit festschreibt. Aber die Mehrheit der nicht konfessionell gebundenen Menschen soll mit ihrem Anspruch auf öffentlich geförderte weltlich-humanistische Bildung und Beratung an den Rand gedrängt werden? Die Politik ist gut beraten, sich auch weiterhin auf die liberale und säkulare Tradition dieser Stadt zu besinnen.

Der Autor ist Landesvorsitzender des Humanistischen Verbandes Deutschlands. Seine Dissertation zur Werteerziehung am Beispiel der Berliner Lebenskunde wurde mit dem Internationalen Erich-FrommPreis ausgezeichnet.

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