Weiterbildung : Nur für Frauen

Männer sind in technischen Berufen noch immer in der Überzahl. Weiterbildungen für weibliche Fachkräfte sollen das ändern In den Kursen wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Selbstvertrauen für den Arbeitsalltag unter Männern.

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Damenwahl. In den Weiterbildungen für Frauen lernen die Teilnehmerinnen auch, mit Diskriminierung umzugehen, Beruf und Familie zu vereinbaren – und wie sie dafür sorgen können, möglichst den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen zu bekommen. Foto: Imago
Damenwahl. In den Weiterbildungen für Frauen lernen die Teilnehmerinnen auch, mit Diskriminierung umzugehen, Beruf und Familie zu...Foto: IMAGO

Du kannst das nicht!“ Diesen Satz haben Frauen, die zu Duscha Rosen ins Frauencomputerzentrum Berlin kommen, schon oft gehört. Das Smartphone einstellen, Webseiten programmieren oder mit Grafik-Software umgehen: Das alte Vorurteil „Frauen und Technik, das geht nicht zusammen“ hält sich hartnäckig. „Selbst die eigenen Männer, die eigenen Söhne, geben den Frauen häufig zu verstehen, dass ihnen das technische Verständnis fehlt“, sagt Marketing-Leiterin Rosen.

Am Frauencomputerzentrum lernen die Frauen, wie man gängige PC-Anwendungen nutzt oder wie sich bloggen und twittern oder Facebook und Xing im Job auszahlen. Doch das Zentrum vermittelt längst nicht nur Computer-Kenntnisse. „Wir sorgen dafür, dass die Frauen Selbstvertrauen gewinnen, das erlernte Know-how auch einsetzen zu können“, sagt Rosen. Die Vorbilder liefern die Weiterbilder gleich mit. Ausschließlich Trainerinnen geben die Kurse.

Die Teilnehmerinnen sind zwischen Mitte 20 und Ende 50 und kommen aus nahezu allen Berufen. Einige haben an ihrem Arbeitsplatz neue Aufgaben bekommen, für die sie ihre Computer-Kenntnisse auffrischen oder erweitern müssen. Andere orientieren sich beruflich komplett um. Wieder andere suchen nach einer Familienphase den Anschluss an die technischen Neuheiten in ihrem Beruf. „Wir gehen individuell auf die unterschiedlichen Hintergründe der Frauen ein“, sagt Rosen.

Frauen bauen Autos, entwickeln Maschinen, programmieren Software. Männer sind in diesen Arbeitsgebieten zwar noch immer in der Überzahl, aber es gibt sie: die Frauen in technischen Berufen. Damit ihre Zahl steigt, wollen viele Weiterbilder vor allem jungen Frauen die Angst vor den männerdominierten Branchen nehmen. Auch einige Hochschulen haben die Frauen als Spezialisten von morgen für Informatik, Naturwissenschaften, Mathematik und Technik im Blick. 1997 startete die Hochschule Wilhelmshaven bundesweit den ersten Studiengang Wirtschaftsingenieurswesen nur für Frauen. Stralsund folgte wenige Jahre später mit einem ähnlichen Bachelor-Studiengang nur für Studentinnen. In Berlin können Frauen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Informatik in einer männerfreien Zone studieren. Im Mittelpunkt steht, wie man Datenbanken und Rechnernetze entwickelt, Webseiten bearbeitet und sich in Führungspositionen durchschlägt. Damit das Studium auch mit Familie und Nebenjob klappt, finden alle Veranstaltungen zwischen 9 Uhr und 16 Uhr statt. Es gibt Blockseminare und Lerneinheiten, die im Selbststudium von zuhause aus erlernt werden können.

Die Idee für die Frauenkurse kommt aus den USA. Dort haben die „Women's Colleges“ längst Tradition. Doch belächelt werden sie nicht. Ganz im Gegenteil. Frauen, die an diesen Eliteuniversitäten studieren, machen oft steile Karriere. Zu den berühmtesten Absolventinnen einer solchen reinen Frauen-Universität gehört etwa die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton. In Deutschland haben die Studiengänge nur für Studentinnen noch Exoten-Status. Auch zertifizierte Lehrgänge nur für weibliche Fachkräfte führen ein Nischendasein. Dabei können die Kurse die Frauen für die Tücken im männerdominierten Joballtag wappnen.

„Man muss die Frauen auf ihren zukünftigen Arbeitsplatz vorbereiten“, sagt Rotraud Flindt, Projektentwicklerin bei Life. Seit 1992 arbeitet die gelernte Maschinenbau-Technikerin für den Verein. Der Weiterbildungsanbieter hat sich vor allem auf Angebote für Frauen, die in der Branche der Erneuerbaren Energien, im Handwerk oder in technischen Gesundheitsberufen arbeiten wollen, spezialisiert. Aus ihrer Erfahrung weiß Flindt: „Viele junge Frauen hören hinterher auf zu arbeiten, weil ihnen das Arbeitsumfeld nicht gefällt.“

Die Frauen müssten im Job mit Anmache rechnen, mit derben Sprüchen von Kollegen. Manchmal stießen sie sogar auf Ablehnung oder berufliche Degradierung. „Es kann passieren, dass Frauen trotz besserer Qualifizierung die schlechteren Jobs bekommen – und die schlechtere Bezahlung“, sagt Flindt. Wie man damit umgeht, das lernen die Frauen in der Ausbildung gemeinsam mit Männer oder im gemischtgeschlechtlichen Technikstudium meist nicht. Das Thema Diskriminierung findet sonst in der Vorbereitung auf den Job keinen Platz. Außen vor bleibt häufig auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei Life gibt es daher auch Kurse für junge Mütter. Die Lerneinheiten finden statt, wenn die Kinder in der Kita oder in der Schule sind. Zudem werden die Frauen ermutigt, ihre Bedürfnisse, die sie als berufstätige Mütter haben, später im Job anzusprechen.

„Man muss auch die Arbeitgeber sensibilisieren“, sagt Flindt. Ein mühseliges Geschäft, gibt die Ausbildungsleiterin zu. Umso wichtiger sei es, direkt an der Schnittstelle von Schule und Beruf oder Studium und Beruf ansetzen. Sie fordert mehr Mentoring-Programme und Vorbilder in den Firmen, damit die alten Klischees von Frauen, die keine Ahnung von Technik haben und Männern, die die geborenen Spezialisten sind, aussterben.

Doch wie kommen die Frauen-Kurse bei den Arbeitgebern an? „Vorbehalte gibt es überall“, sagt Flindt. „Die Arbeitgeber müssen aber auch sehen, wie sie ihre Fachkräfte halten.“ Die technischen Kenntnisse, die die Teilnehmerinnen über die Lehrgänge erwerben, sind dieselben, wie bei Angeboten für Männer und Frauen. Zum Beispiel die Ausbildung zur Solarteurin, zur Fachfrau für Wärmepumpen. Die zertifizierte Ausbildung gibt es bei anderen Anbietern auch für Männer. Bei Life bekommen allerdings auch Frauen mit Migrationshintergrund oder einer schwierigen Berufsbiografie eine Chance, sich über die Ausbildung zu spezialisieren und den Einstieg auf den Arbeitsmarkt zu schaffen.

Dass der Bedarf an Frauen-Angeboten hoch ist, bestätigt auch Duscha Rosen vom Frauencomputerzentrum Berlin. „Viele Frauen trauen sich auch heute noch den Umgang mit Technik nicht zu, sogar wenn die Kenntnisse vorhanden sind“, sagt Rosen. Doch in den meisten Fällen ist die Antwort, warum Frauen lieber unter Frauen lernen, viel einfacher. „Wir schaffen einen Raum in dem es vollkommen in Ordnung ist, Fragen zu stellen.“ Das richtige „Lernklima“ fehlt vielen Frauen, wenn Männer in der Überzahl sind.

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