Zeit zur Orientierung : Bevor der Ernst des Lebens beginnt

In angelsächsischen Ländern hat das „Gap-Year“ Tradition. Inzwischen entscheiden sich aber auch in Deutschland immer mehr junge Leute für eine Auszeit nach dem Abi oder Bachelor. Was sie davon haben.

Frank Burger
Mehr als Uni. Personaler schätzen Bewerber, die praktische Erfahrung vorweisen und gesellschaftlich engagiert sind.
Mehr als Uni. Personaler schätzen Bewerber, die praktische Erfahrung vorweisen und gesellschaftlich engagiert sind.Thilo Rückeis

Sönke Giebeler hat seine akademische Karriere bisher so straff durchgezogen, wie es sich Europas Bildungsminister nur wünschen können: Der Rheinländer hat sich nach dem Abitur im zukunftsträchtigen Fach Wirtschaftschemie an der Universität Düsseldorf eingeschrieben, die Regelstudienzeit von sieben Semestern eingehalten und seit März den Bachelor in der Tasche – mit gerade mal 23 Jahren.

Der eng getaktete Zeitplan, den Bachelorstudiengänge seit der Bologna-Reform vorgeben, ließ Giebeler nicht eben viel Raum für außeruniversitäre Aktivitäten. Seine Semesterferien verbrachte er meist mit wissenschaftlichen Experimenten im Labor, ein Praktikum war immerhin drin.

Genauso unbeirrt könnte Giebeler nun die nächste akademische Stufe angehen. „Ich kann mir gut vorstellen, Wirtschaftschemie in einem Masterstudium zu vertiefen, in Frage kämen aber auch Energiewirtschaft oder Nachhaltigkeitsmanagement“, sagt er. Alles Fächer mit Zukunft. Und wenn er sich entschiede, lieber gleich ins Berufsleben einzusteigen? Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der Düsseldorfer schon mit seiner jetzigen Qualifikation leicht einen Job in der chemischen oder pharmazeutischen Industrie bekäme. Hervorragende Perspektiven also. Doch der Mann macht erst mal Pause.

Wie bitte? Gilt im Zeitalter perfekt durchgetakteter Lebensläufe eine Lücke nicht als Todsünde? Die unweigerlich dazu führt, dass jeder Personalleiter eine solche Bewerbung sofort in den Papierkorb wirft? Immer mit der Ruhe. Giebeler gibt sich nicht dem süßen Nichtstun hin, sondern hat sich bewusst für ein so genanntes Gap-Year entschieden. Ein Pausenjahr, in dem sich junge Leute, immer öfter auch schon direkt nach dem Abi, im In- oder Ausland freiwillig sozial, kulturell oder ökologisch engagieren.

Das Masterstudium möchte Giebeler auf jeden Fall machen. Bloß nicht sofort. Stattdessen arbeitet er bis Februar 2013 an einem Projekt in Tansania mit, für das er sich bei Weltwärts beworben hat. Das ist der Freiwilligendienst des Bundesentwicklungsministeriums. Giebeler unterstützt in Afrika die Konzeption und Umsetzung einer Anlage, mit der aus Biomasse Energie für die Bevölkerung in abgeschiedenen Regionen des Landes gewonnen werden kann. Dabei kann er sein im Studium erworbenes Wissen anwenden, ob es nun um das Aufstellen eines Liquiditätsplans geht oder um eine chemische Analyse für den Betrieb der Anlage.

Auszeit ist Reifezeit
So wie der Wirtschaftschemiker denken mittlerweile viele Bachelor-Absolventen und schieben nach dem ersten Hochschulabschluss ein Gap-Year ein, bevor sie ihr Masterstudium aufnehmen. Sie erproben nach dem verschulten Uni-Alltag die Praxis, gehen auf Reisen, verbessern ihre Sprachkenntnisse, engagieren sich in sozialen Projekten, suchen nach Orientierung für den weiteren Karriere- und Lebensweg und lassen es auch einmal zu, dass nicht jeder Tag durchgeplant ist. Die akademische Pause kann die Persönlichkeit der Absolventen reifen lassen, die in der Regel nach dem Bachelor gerade einmal Anfang zwanzig sind.

An angelsächsischen Hochschulen hat das Gap-Year eine lange Tradition. So gehört etwa der Trip ins Ausland für amerikanische College-Absolventen fast zum kulturellen Bildungsprogramm. Ein untrügliches Zeichen, dass diese Tradition in Deutschland fehlt, ist der Umstand, dass es in unserer Sprache keinen Begriff für das Gap-Year gibt. Pausenjahr? Zwischenzeit? Orientierungsphase?

Welches deutsche Wort sich auch etablieren wird: Das Phänomen Gap-Year breitet sich auch hier aus. Ursache ist der Bologna-Prozess und seine Folgen – die Zweiteilung der akademischen Ausbildung in einen grundlegenden Teil, den Bachelor, und den vertiefenden Abschnitt, den Master.

Erstens liegt es nahe, die Zäsur zwischen den beiden Phasen als Freiraum für die persönliche Entwicklung zu nutzen. Zweitens ist die Zeit nach dem Bachelor für viele Absolventen nicht nur die beste Gelegenheit, sich auszuprobieren und etwas auf die Beine zu stellen – sondern auch die einzige. Und drittens spricht für das Gap-Year: Wer den Master direkt an den Bachelor anhängt, ohne sich über seine berufliche Zukunft im Klaren zu sein, der verschiebt die kritische Phase der Orientierung zu weit nach hinten.

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