Theodor Eschenburg und der Nationalsozialismus : Distanz oder Nähe

Die deutschen Politologen streiten über die NS-Vergangenheit ihres Gründervaters Theodor Eschenburg. Hätte der Theodor-Eschenburg-Preis seinen Namen behalten sollen - zumindest, bis mehr über seine NS-Vergangenheit bekannt ist?

Jonas Krumbein
Theodor Eschenburg sitzt Pfeife rauchend vor einer Bücherwand.
Theodor Eschenburg (1904 bis 1999): Kritiker sehen ihn als Opportunisten im NS-Staat, Anhänger betonen seine Distanz zum System.Foto: picture-alliance/dpa

Theodor Eschenburg, Gründervater der deutschen Politikwissenschaft nach 1945, hatte Zeit seines Lebens einflussreiche Bewunderer: den Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann in der Weimarer Republik – und seine Schüler in der Bundesrepublik. Zum „Gewissen der Nation“ erklärte ihn der frühere „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer, zum „Leitfossil der frühen Bundesrepublik“ der Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz.

Doch in jüngster Zeit ist um den 1999 verstorbenen Eschenburg eine Kontroverse über seine Rolle im Nationalsozialismus entbrannt. Die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) will am morgigen Sonnabend beraten, ob sie ihren Wissenschaftspreis weiter nach Theodor Eschenburg benennt. Der gefeierte „Lehrer der Demokratie“ wurde im Nationalsozialismus Mitglied der SS und war Leiter einer Prüfstelle der Reichsgruppe Industrie – und nach Erkenntnissen des Politologen Rainer Eisfeld an der „Arisierung“ eines jüdischen Unternehmens beteiligt. Besonders befremdlich für Eisfeld: Eschenburg ergriff in dem Fall die Initiative, schlug vor, dem jüdischen Inhaber den Reisepass zu entziehen, zögerte nicht, „pure Vermutungen“ weiterzugeben: „Unter Benutzung deutscher Devisen“ wolle der „Jude Fischbein“ im Ausland Fabriken eröffnen“, zitiert Eisfeld Eschenburg. „Was die fatale Unterstellung für Fischbein bedeuten konnte“, kommentierte Eisfeld kürzlich in einem Aufsatz, „musste Eschenburg in seiner Position klar sein“: Anklage, Prozess, Todesstrafe.

Eisfelds Einschätzungen teilen die Historiker Hans Woller und Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte in München: Im Fall Fischbein habe Eschenburg „effizient im Sinne staatlicher Interessen funktioniert“, sein Bild müsse aus „seiner wohlwollenden Petrifizierung“ gelöst werden. Die vom Vorstand der DVPW beauftragte Gutachterin Hanna Bethke empfahl, den Preis umzubenennen und fand dafür den Zuspruch seines letzten Trägers Claus Offe. Der distanzierte sich im September 2012 vom Namensgeber – ausgerechnet an Eschenburgs alter Wirkungsstätte, der Universität Tübingen.

Nach seiner Kritik am Namensgeber wird Eisfeld "Anbräuner" genannt

Spätestens seit Offes Preisrede dominieren in der Debatte die schrillen Töne. Wie ein „Apo-Rüpel“ habe sich Offe benommen, klagten Teilnehmer, besonders bei Eschenburgs Schülern ist der Ton polemisch: „Selbstkritische Korrektur“ empfahl der Berliner Eckehard Krippendorff seinem Kollegen.

„Jeder Offe ein kleiner Stauffenberg“, ätzte die Kolumnistin Sybille Krause-Burger in der „Stuttgarter Zeitung“ und beschuldigte den „sehr wenig bekannten Herrn Eisfeld“, Eschenburg „posthum die Ehre abschneiden“ zu wollen. „Mit unglaublichem Hochmut“ sitze der „Großwildjäger Eisfeld“ über Eschenburg zu Gericht“, schreibt der emeritierte Politikwissenschaftler Gerhard Lehmbruch in einem Leserbrief, sein Kollege Hans-Peter Schwarz schickte dem „Schnüffler“ ein Ernst-Jünger-Zitat hinterher: „Dem Zeitalter des Anstreichers“ Hitler sei „das der Anbräuner“ gefolgt.

Eschenburg-Schüler: Bei Umbenennung drohen Austritte

„Ratlos“, machten ihn solche Äußerungen, sagt ein Gremienmitglied der DVPW, das an der Entscheidung über den Eschenburg-Preis beteiligt ist. Von „fataler Gruppenbildung“ ist die Rede. Ein anderer Eschenburg-Schüler erwartet, dass „einige austreten werden, wenn der Preis umbenannt werden sollte“. Droht der Vereinigung eine Zerreißprobe?

Namhafte Politologen fordern jetzt in einem offenen Brief, „an der Benennung des Wissenschaftspreises festzuhalten“. Eschenburgs „Verdienste um die Begründung der deutschen Politikwissenschaft und um die Entwicklung der Demokratie in der Bundesrepublik“ seien „unumstritten“. Unterzeichnet haben das Schreiben neben dem Herausgeber des Tagesspiegels, Hermann Rudolph, unter anderem Krippendorff, Lehmbruch und Ulrich von Alemann, der Eschenburg als Namensgeber des Preises vorgeschlagen hatte. Für von Alemann und seine Mitstreiter steht fest: „Theodor Eschenburg unterstützte als liberaler Publizist und Politiker bis zuletzt die Weimarer Demokratie und stand auch nach ihrem Zusammenbruch in erkennbarer Distanz zum Nationalsozialismus.“

Sein Leben im Dritten Reich ist "eine große weiße Fläche"

Historiker Woller fragt jedoch: „Woher wissen sie es?“ Die Antwort laute: von Eschenburg selbst. „Die Quellen schweigen nämlich“, sagt Woller. Eschenburgs Leben im Dritten Reich sei „eine große weiße Fläche, auf die sich vieles projizieren lässt“.

So hatte es 2011 offenbar auch noch Gerhard Lehmbruch gesehen. In einer E-Mail an Offe, die dem Tagesspiegel vorliegt, schreibt der Eschenburg-Schüler im Juni, es habe bei Äußerungen Eschenburgs „immer eine auffallende Leerstelle, nämlich die Haltung zur Judenverfolgung“, gegeben. Der Arisierungsfall Fischbein passe in das Bild, das er sich schon lange gemacht habe, aber er sei sich nicht sicher, „ob E. da nicht auch eine eigene Leiche im Keller hatte, und ob das nicht womöglich gravierender war“. Doch das seien „ganz spekulative Mutmaßungen“, für die er keine Belege habe. Die DVPW hatte die E-Mail auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Dagegen drohte Lehmbruch mit einer Unterlassungsklage. Daraufhin entfernte die DVPW die E-Mail.

Zeit gewinnen, um den Fall Eschenburg neu aufzurollen

Der Eschenburg-Streit droht zu eskalieren. Bei der DVPW gilt nun auch eine Vertagung der Entscheidung über den Namen des Preises als möglich, um die Lage zu beruhigen. Damit würde man Zeit gewinnen, um zu erforschen, ob Eschenburg mehr war als ein gefühlter Gegner des Nationalsozialismus.