Aids : Tödliche Zweifel

Südafrikas Präsident Thabo Mbeki leugnete Aids. Die Folgen waren furchtbar. Wissenschaftler fordern nun, Leugner wie Mbeki zur Verantwortung zu ziehen.

 Kai Kupferschmidt

Dummheit kann tödlich sein. Das hat das Land Südafrika leidvoll erfahren müssen. Sein Präsident Thabo Mbeki zweifelte Ende der neunziger Jahre den wissenschaftlichen Konsens an, der das Immunschwächevirus HIV als Erreger der Aids-Erkrankung ansah und erklärte im Jahr 2000 schließlich, dass Aids nicht durch HIV verursacht werde. Die Ursachen seien vielmehr Armut und Unterernährung und die Bekämpfung von Aids benötige demnach eine Bekämpfung der Armut in Afrika, nicht teure Medizin aus dem Westen.

Eine eklatante Fehleinschätzung mit katastrophalen Folgen. Sie führte dazu, dass in Südafrika über Jahre hinweg weder Aids-Medikamente angeboten wurden, noch Programme zur Verhinderung der HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Kinder. Kliniken, die begonnen hatten, das Medikament AZT auszugeben, wurden nicht länger unterstützt. Menschen, deren Leben hätte gerettet werden können, starben. Wie viele, das haben die Forscher Pride Chigwedere und Max Essex von der Universität Harvard in den USA berechnet. Ihren Schätzungen zufolge starben mehr als 330 000 Menschen, denen hätte geholfen werden können. 35 000 Kinder infizierten sich unnötigerweise mit Aids.

In einer neuen Studie fordern die beiden Forscher nun, Menschen wie Mbeki müssten für ihre Entscheidungen zur Verantwortung gezogen werden können. „Eine Reform der Gesundheitspolitik muss nicht nur getragen sein von handfesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, es muss auch möglich werden, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen“, schreiben sie in ihrem Beitrag im Fachblatt „Aids and Behaviour“. Dem stimmt auch Jürgen Rockstroh zu, Präsident der deutschen Aids-Gesellschaft: „Wenn Politiker zum Beispiel verhindern, dass sich HIV-positive Mütter gegen eine Übertragung auf ihr Kind schützen können, dann müssen sie dafür auch geradestehen.“

Der Aufruf kommt zu einer Zeit, in der die Leugnung eines Zusammenhanges zwischen Aids und HIV offenbar eine kleine Renaissance erlebt. Im Internet wird die These auf zahlreichen Seiten propagiert. Und der Mikrobiologe und bekannte Aids-Leugner Peter Duesberg veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Artikel mit dem Titel „HIV-Aids Hypothese nicht im Einklang mit Aids in Südafrika“. Er wählte dafür das Journal „Medical Hypotheses“.

Im Gegensatz zu fast allen anderen Wissenschaftszeitschriften werden die Texte dieser Zeitschrift nicht von Wissenschaftlern der entsprechenden Fachrichtung begutachtet. Wegen des Protestes zahlreicher Forscher sah sich das Fachmagazin allerdings gezwungen, den Text zurückzuziehen. Er enthalte Meinungen, die „der Weltgesundheit schaden könnten“. Eine Untersuchung läuft.

Gerade tourt auch der Film „House of Numbers“ in den USA von einem Filmfestival zum nächsten. Die Dokumentation hat bereits fünf Preise eingeheimst, unter anderem beim Las Vegas International Film Festival. Unter der Vorgabe „nur ein paar Fragen zu stellen“, kritisiert der Film HIV-Tests und Aids-Medikamente und bezweifelt, dass HIV Aids auslöst. Vielmehr seien es die Aids-Medikamente, die die Menschen krank machten.

Amerikanische Zeitungen kritisierten den Film. Die „New York Times“ bezeichnete ihn als „Pamphlet der Aids-Leugner“ und „absichtlich dumm“. Das Medizinjournal „Lancet Infectious Diseases“ nannte die Argumente eine „giftige Mischung aus falschen Darstellungen und Weismacherei“. Aber der Film taucht weiter auf Festivals auf und wird etwa auf der Internetseite des Computerunternehmens Apple mit einem Trailer beworben.

Als eine Kronzeugin lässt der Film Christine Maggiore auftreten, eine HIV-positive Frau, die den Zusammenhang zwischen HIV und Aids bestritt und sich deswegen – auch während ihrer Schwangerschaft – nicht behandeln ließ. Was der Film verschweigt, ist, dass Maggiores Kind im Alter von drei Jahren an Aids starb und sie selbst im Dezember 2008 an einer Lungenentzündung als Folge ihrer Aidserkrankung.

Die Begründungen der Aidsleugner, die in den 80er Jahren noch mit Recht auf zahlreiche Wissenslücken hinweisen konnten, werden zunehmend bizarr. So führt etwa Duesberg in dem zurückgezogenen Artikel an, es könne gar nicht so viele Aidstote in Südafrika geben, wie stets behauptet, da die Einwohnerzahl des Landes ja weiter steige.

Ein anderes Argument, das häufig bemüht wird: HIV habe die Koch’ schen Postulate nicht erfüllt. Dabei handelt es sich um die Regeln, die Robert Koch im Jahr 1884 aufstellte. Demnach muss ein Krankheitserreger bei Patienten regelmäßig nachweisbar sein, was bei HIV und Aids der Fall ist. Außerdem muss ein Erreger, beim Kranken isoliert, auf ein Nährmedium übertragen und dort gezüchtet, in der Lage sein, in einem Versuchstier die Krankheit auslösen. Das Problem: HIV löst nur beim Menschen Aids aus. Gesunde Menschen zum Nachweis mit HIV zu infizieren, wäre unethisch. Dennoch ist der Nachweis indirekt längst erbracht, da sich einige Laborangestellte versehentlich mit dem Virus ansteckten.

Auf der offiziellen Internetseite des Films „House of Numbers“ heißt es, er könne, „die Eröffnungssalve in einem Kampf um Vernunft und Klarheit“ sein. In der Tat ist dieser Kampf offenbar auch 25 Jahre nach der Entdeckung von HIV noch nicht gewonnen. Für Chigwedere und Essex ein wichtiger Grund, mehr Verantwortung im öffentlichen Gesundheitssystem zu fordern: „Wo es um das Gesundheitswesen geht, sind Ehrlichkeit und Fachwissen vonnöten“, schreiben sie. „Wenn das Leugnen von Aids Teil der staatlichen Gesundheitspolitik wird, sind die Folgen tragisch.“

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