Alles auf Anfang : Anja Feldmann erfindet das Internet neu

Anja Feldmann will das weltweite Netz schneller und sicherer machen. Für ihre Forschung kam sie aus New York nach Deutschland.

Paul Janositz
Hoch hinaus. Anja Feldmann erhielt unlängst den millionenschweren Leibnizpreis. Studierende und Mitarbeiter der TU Berlin testen bereits das Internet der Zukunft – es ist das weltweit größte Experimentierfeld für drahtlose Funknetze . Foto: Ulrich Dahl
Hoch hinaus. Anja Feldmann erhielt unlängst den millionenschweren Leibnizpreis. Studierende und Mitarbeiter der TU Berlin testen...Foto: Ulrich Dahl

Mut hat sie, und Weitblick. Mit einem Laptop unter dem Arm steigt Anja Feldmann auf das ungesicherte Dach des Telefunken-Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz, noch vier Etagen über ihrem Büro im 16. Stock. Dass sich die Informatikprofessorin der Technischen Universität hier an einem von 46 Sendemasten auf dem TU-Campus fotografieren lässt, hat mit ihrem großen Projekt zu tun. Feldmann entwickelt das „Internet der Zukunft“. Dafür hat die Mittvierzigerin kürzlich den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibnizpreis erhalten. Von ihrem Hochsitz aus überblickt sie das Terrain eines Feldversuches zum Internet-Projekt, des „Berlin Open Wireless Lab“ (Bowl).

Reparaturen am alten System sind nicht Feldmanns Sache. Ihre Leitfrage lautet: „Was sollte man anders machen, wenn man das Internet neu erfinden könnte?“ „Wir arbeiten daran, das Internet schneller und sicherer zu machen“, sagt Feldmann. Das Netz war bei seiner Entstehung für militärische, dann für wissenschaftliche Zwecke konstruiert worden. Nur wenige Computer waren beteiligt. Seit das Internet vor rund 20 Jahren für jedermann zugänglich geworden ist, steigt das übertragene Datenvolumen rasant, Anwendungen wie Telefonieren, Video-Konferenzen, Online-Computerspiele werden immer anspruchsvoller.

Doch die ursprüngliche Netz-Infrastruktur ist nicht für so riesige Datenströme konstruiert worden. Statt grundlegender Änderungen gab es bisher nur Notoperationen. „Gab es irgendwo eine Schwachstelle, wurde ein Pflaster draufgeklebt“, sagt die TU-Professorin. Beim nächsten Wehwehchen noch ein Pflaster, dann „ein Pflaster auf das Pflaster“. Das weltweite Netz ist ein verbeulter, verklebter Globus, um den kreuz und quer eine Unmenge von Datenpaketen kreisen. Immer wieder kommt es zum Crash, Pakete knallen aufeinander, stürzen ab, verschwinden in schwarzen Löchern.

Stau im Internet, solche Probleme fordern die gebürtige Bielefelderin heraus. Sie interessierte sich in der Schule schon früh für Mathematik und Chemie und entdeckte im Informatik-Unterricht der Oberstufe ihre Leidenschaft für Rechenautomaten und ihre Programmierung. „Ich bin auch von meinen Eltern ermutigt worden, mich für die Naturwissenschaften zu interessieren“, erzählt sie. Ähnliche Unterstützung in Schule und Elternhaus fordert sie für alle Mädchen und Jungen in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Feldmann sieht „keine prinzipiellen Hindernisse für Frauen, die eine Karriere in der technisch-naturwissenschaftlichen Forschung anstreben. Sie habe immer großen Spaß gehabt und „sehr viel Unterstützung durch gute Mentoren und Mentorinnen gefunden“. Und jetzt startet sie ein eigenes Programm zur Nachwuchsförderung: Mit dem Preisgeld der Deutschen Forschungsgemeinschaft will sie in ihrer 30-köpfigen Arbeitsgruppe „die individuelle Betreuung und ein optimales Mentoring der Studierenden, Doktoranden und PostDocs“ sicherstellen.

Feldmanns Weg in die Wissenschaft begann mit einem Informatik-Studium in Paderborn. 1991 ging sie an die Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh, „eine der vier Top-Unis in der Informatik“. Ein Jahr wollte sie in den USA bleiben, es wurden zehn daraus. In Pittsburgh machte sie den Master und promovierte, dann ging sie ins Forschungslabor des Telekommunikationskonzerns AT&T in New Jersey nahe New York. „Wir hatten dort ideale Bedingungen.“

Dennoch wechselte die damals 33-Jährige „nach langem Überlegen“ zur Jahrtausendwende auf eine Professorenstelle in Saarbrücken. „Wegen der kleinen Dinge des Lebens“, wie sie sagt. „Es macht Spaß, in deutschen Innenstädten zu bummeln. Die Bäckereien haben ein tolles Angebot. Das Bier schmeckt.“ Abwerbungsversuche ließen nicht lange auf sich warten. Zum Zuge kam nicht die ETH Zürich, sondern 2002 die TU München. An der heutigen Eliteuniversität blieb Feldmann vier Jahre, dann reizte sie die Stiftungsprofessur der Deutschen Telekom in Berlin. „Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fand ich spannend“, sagt sie. Das Unternehmen finanziert Grundausstattung und Forschung in den „T-Labs“, eines An-Instituts der TU Berlin, mit rund 50 Millionen Euro jährlich.

Der Umzugsstress und die neuen Aufgaben hielten Feldmann ein gutes Jahr von ihrem Hobby ab, dem Reiten. Damals schenkten ihr die Mitarbeiter ein Schaukelpferd zum Geburtstag, das noch heute in ihrem Büro steht. Inzwischen hat sie ein eigenes Pferd und genießt es, nach langen Tagen am Computer beim Reiten „den Kopf frei zu bekommen“. Auch beim Wandern, Skifahren, Essengehen oder bei Spiele-Abenden mit Freunden nimmt sie Schwung für die nächsten harten Nüsse in ihrer Forschung.

Zupackend ist denn auch ihr Motto für das Internet-Projekt: „Schluss mit der Flickschusterei.“ Das Netz soll an die aktuellen Anforderungen angepasst, es soll schneller, verlässlicher und sicherer werden. Ist das schon gelungen? TU-Präsident Jörg Steinbach lobt Feldmanns „wegweisende Forschungsergebnisse, die die Neugestaltung des Internets voranbringen“. Dazu gehört das weltweit größte Experimentierfeld für offene selbst organisierende drahtlose Funknetze, das von Feldmann und Kollegen initiiert wurde. Dank des „drahtlosen Labors“ Bowl können nun alle Mitarbeiter und Studierende kostenlos surfen – und werden so zu Testpersonen für das Internet der Zukunft.

Das Experiment ist wichtig, da im Funkbereich die klassischen Analysemethoden für drahtgebundene Systeme oft versagen. Es geht um optimale Datenweiterleitung, also darum, Engpässe im Netz rechtzeitig zu erkennen und zu umgehen. „Bisher werden alle Daten mit gleicher Priorität behandelt, genau hier liegt das Problem“, erklärt Feldmann. Wer beim Telefonieren über Skype gleichzeitig ein Video herunterlade, erlebe es häufig, dass das Gespräch unterbrochen werde, weil die Leitungen überlastet seien. Dass dem Nutzer das Telefonat besonders wichtig war und er lieber auf das Herunterladen des Videos verzichtet hätte, könne das Netz in seiner heutigen Struktur nicht wissen.

Feldmanns Idee ist es, das Internet virtuell in verschiedene Bereiche einzuteilen, die unterschiedliche Anforderungen erfüllen. In der Regel wollen Nutzer ihre Daten beim Surfen nicht preisgeben, beim Online-Banking ist dagegen exakte Identifizierung notwendig. Ein Teil des Netzes könnte höchste Priorität beim Datentransport bekommen. Der Nutzer würde das wichtige Telefongespräch im Bereich hoher Datenpriorität laufen lassen und das weniger bedeutsame Video in einem Sektor herunterladen, in dem die Qualität der Verbindung schwanken darf.

Die Gefahr, dass Qualitätsunterschiede im Internet zu Nutzern erster und zweiter Klasse führen könnten, sieht die Informatikerin nicht. Datentransfer lasse sich weder durch Tricks noch durch Abschaltung unterbinden. Und notfalls gebe es ja immer noch Brieftauben. Brieftauben? „Ja, auch damit wurden schon Speicherchips verschickt“, sagt sie und lacht.

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