Analphabeten : Wie Erwachsene wieder lesen lernen

Viele Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Neue Initiativen sollen ihnen helfen. Die mangelnde Grundbildung von Erwachsenen wird das zentrale Zukunftsthema der Bildungspolitik.

Florian Urschel-Sochaczewski
Von vorn beginnen. Die Nachfrage nach Alphabetisierungskursen ist groß. Eine Werbekampagne soll noch mehr Menschen motivieren.
Von vorn beginnen. Die Nachfrage nach Alphabetisierungskursen ist groß. Eine Werbekampagne soll noch mehr Menschen motivieren.Foto: dapd

Ein ganz normaler Morgen in Berlin, auf einem beliebigen S-Bahnsteig: Die Leute tragen Zeitungen unter dem Arm, bleiben vor Werbeplakaten stehen oder tippen SMS in ihre Handys. Schwer zu glauben, dass jeder Siebte auf dem Bahnsteig weder richtig lesen noch schreiben kann – sondern Analphabet ist.

Und doch hat die große „Level-One-Studie (Leo)“, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, genau das gezeigt: 14,5 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland können weder richtig lesen noch zusammenhängende Texte schreiben. Sie sind funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können höchstens einige Wörter lesend erkennen und allenfalls kurze, rudimentäre Sätze schreiben. Schriftliche Arbeitsanweisungen, Gebrauchsanleitungen, selbst Fahrpläne können sie nicht entziffern, von Zeitungsartikeln oder Büchern ganz zu schweigen. – 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Erwachsenen: das sind 7,5 Millionen Menschen. „Ein gesellschafts- und bildungspolitischer Skandal erster Güte“, findet Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Am heutigen Mittwoch treffen sich im Bundestag Bildungsexperten verschiedener Institutionen, um zu beraten, wie die Alphabetisierung der funktionalen Analphabeten im Erwachsenenalter vorangebracht werden kann. Mit dabei ist Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg und Mitverfasserin der Leo-Studie. Sie sagt: „In den vergangenen zehn Jahren, im Anschluss an die Pisa-Studie, galt alle Aufmerksamkeit den Lesekompetenzen der Schüler. Jetzt wird es Zeit, sich den Älteren zu widmen.“ Spätestens in zwei Jahren, wenn die Ergebnisse der internationalen PIAAC-Untersuchung (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) veröffentlicht werden, werde es zu einem „Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik“ kommen: weg von der Schülerzentrierung, hin zu Strategien, um Erwachsene zu alphabetisieren und sie in ihrer Grundbildung zu unterstützen.

Unter den Analphabeten sind viele, die noch zu Schulzeiten leidlich lesen konnten, es aber aus Mangel an Übung später verlernt haben – nicht anders als es Menschen geht, deren Lateinkenntnisse nach der Schule stark verblassen. Darum liegt der Anteil der funktionalen Analphabeten von Menschen über 29 Jahre höher als in den Altersgruppen darunter. Immerhin 58 Prozent der funktionalen Analphabeten haben Deutsch als Muttersprache, drei Viertel haben die deutsche Staatsangehörigkeit.

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