Arbeitsplatz Museum : Ein Projekt macht Schülern Lust auf Geisteswissenschaften

Alle versuchen, Abiturienten für naturwissenschaftlich-technische Studiengänge zu begeistern. Die Berliner Akademie hält dagegen: Dort probieren Schüler Berufe in den Kulturwissenschaften aus, organisieren einen Kongress zur Antike.

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Tüchtig draufhauen. Dass Geisteswissenschaftler nicht nur mit dem Kopf arbeiten, lernen die Schüler bei dem Epigraphiker der Berliner Akademie.
Tüchtig draufhauen. Dass Geisteswissenschaftler nicht nur mit dem Kopf arbeiten, lernen die Schüler bei dem Epigraphiker der...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Das Beste an einer Konferenz sind die Kaffeepausen“, verrät Tim Wagner den Schülern gleich zu Beginn. Man schlendert durchs Foyer, sagt hier und da Hallo, tauscht sich über die Workshops aus. Und erfährt in zwei, drei Minuten das Wesentliche. Genau das sollen die 15- bis 18-Jährigen gleich versuchen. Bei halblauter Jazzmusik lässt der Philosophiedozent und Rhetoriktrainer Wagner sie durch den Seminarraum gehen. Wenn die Musik stoppt, wird Smalltalk wie unter Wissenschaftlern gemacht.

Die Jugendlichen, die sich an diesem Morgen im Haus des Exzellenzclusters Topoi in Berlin-Mitte getroffen haben, üben noch. Anfang März wollen sie eine eigene Konferenz auf die Beine stellen, es wird um die Antike gehen. Das Ganze ist ein Planspiel, an dessen Ende sie wissen werden, ob Alte Geschichte, Archäologie, ein anderes geisteswissenschaftliches Fach oder auch die Wissenschaftsorganisation einmal ein Beruf für sie werden könnten.

Initiiert hat das „Zukunftsportal Antike“ die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), Gisela Lerch. Forscher und andere Mitarbeiter aus dem eigenen Haus, von den Berliner Unis, Instituten und Museen für das Projekt zu begeistern, sei nicht schwer gewesen. „Auch die Geisteswissenschaften brauchen die Besten als Nachwuchskräfte“, sagt Lerch. Bisher passiert an Schulen und Hochschulen weit mehr, um Schülerinnen und Schüler für ein Studium in den Natur- und Technikwissenschaften zu interessieren. An allen Unis gibt es Schülerlabore und Kinderunis vor allem zu „Mint“-Themen. Jetzt also ein Großversuch in den Geisteswissenschaften. Für den Kongress werden nicht nur die Redner gesucht, mit denen Tim Wagner arbeitet, sondern etwa auch ein Team, das die Tagung organisiert, und Grafiker, die Plakate und Flyer gestalten.

Rund 100 Berliner Schüler aus sieben Schulen haben im Januar an einem dreitägigen Intensivkurs zur Antike und vielen mit ihr verbundenen Feldern teilgenommen. In einem „Speeddating“ konnten sie Wissenschaftlerinnen und Forscher, Professorinnen und Doktoranden sowie Vertreter wissenschaftsnaher Berufe befragen, wie sie wurden, was sie sind. Sie gingen auf Exkursion in Institute und Museen und übten sich in den Praxisworkshops in den Rollen, die sie beim Kongress am 9. März übernehmen wollen. Nach der dreitägigen Einführung arbeiten sie in kleinen Gruppen weiter. „Lust am selbst organisierten wissenschaftlichen Arbeiten“ soll das Projekt vermitteln. Hat das geklappt?

Im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt gibt der Epigrafiker Klaus Hallof ein dickes, weißes Papier herum. Es ist der Abklatsch einer Inschrift, mit der einst ein Olympiasieger geehrt wurde. Der Stein ist so verwittert, dass sich die Schriftzeichen kaum abheben. Vollständig entziffert hat Hallof ihn noch lange nicht. Kopfschütteln, als er erklärt, dass er oft monatelang an so einem Stück sitzt, immer wieder versucht, den Text durch Intuition zu ergänzen, bis er einen Sinn ergibt. „Nach zehn Jahren im Beruf können Sie es“, ermuntert er die Jugendlichen. Als es daran geht, selber einen Abklatsch zu machen und eine lateinische „Fluchtafel“ zu entziffern, klappt es sehr viel schneller.

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