Archäologie : Das älteste Schlachtfeld Mitteleuropas

Im Tollensetal kam es vor mehr als 3000 Jahren zu blutigen Kämpfen zwischen zwei Gruppen. Der Konflikt dauerte lange und war vielleicht schon das, was wir heute Krieg nennen.

Mathias Orgeldinger
In einem Grabungscontainer am Flüsschen Tollense werden die archäologischen Funde untersucht.
Zeitreise in die Bronzezeit. In einem Grabungscontainer am Flüsschen Tollense werden die archäologischen Funde untersucht.Foto: M. Orgeldinger

Wenn Joachim Krüger über die Strömung in der Tollense spricht, kennt er nur drei Kategorien: „Angenehm, unangenehm, nicht betauchbar.“ Über die Sichtverhältnisse im Fluss macht er sich keine Gedanken. Was man nicht sieht, lässt sich im Notfall ertasten. Und ob er nun die Überreste einer Elle oder einer Speiche gefunden hat, kann nur der Fachmann klären.

Als Archäologe hat Krüger öfter mit menschlichen Knochen zu tun. Aber dieser Ort ist einzigartig. Denn die Tollense, ein Flüsschen im Bereich der Mecklenburgischen Seenplatte, fließt hier über zwei Kilometer durch das vermutlich älteste Schlachtfeld Mitteleuropas.

Meist waren es Männer zwischen 20 und 40, die zu Tode kamen

Über 120 Menschen liegen hier. Keineswegs begraben, sondern in Einzelteilen, die am Ufer zusammengespült oder im Fluss verteilt sind. Meist Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren. Dazu jede Menge Spuren, die auf einen bewaffneten Konflikt hindeuten, der sich in der Bronzezeit um 1250 v. Chr. ereignet hat. Einige Verletzungen waren schon verheilt. Der Kampf, an dem Fußtruppen und Reiter beteiligt waren, könnte sich also über Wochen und Monate hingezogen haben.

Die Geschichte der ersten Entdeckung beschreibt bereits alle Elemente, die den Fundort „Tollensetal“ auszeichnen: ehrenamtliches Engagement, idyllische Natur, rätselhafte Knochenfunde mit Spuren von Gewalteinwirkung.

1996 paddelt ein Vater mit seiner Tochter durch die Weidelandschaft zwischen Weltzin und Wodarg. Aus der Uferböschung ragt ein Oberarmknochen heraus, in dem eine Pfeilspitze aus Feuerstein steckt. Der Vater informiert seinen Sohn, den ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Ronald Borquardt. Die Tollense gehört zu seinem „Revier“. 1996 und 1999 findet er Holzkeulen, die die „Kampfplatz-Theorie“ stützen. Eine besteht aus Eschenholz, ist 73 Zentimeter lang und erinnert an das Symbol jugendlicher Straßengewalt, den Baseballschläger.

Borquardt hat eine Sondergenehmigung der Landesarchäologie. Seine Wachsamkeit hält illegale Sondengänger auf Distanz. Auch die Forschungstaucher arbeiten ehrenamtlich. Joachim Krüger, Sonja und Frank Nagel gehören zum „Landesverband für Unterwasserarchäologie Mecklenburg-Vorpommern e. V.“.

Das Bundesland verfügt zwar über ein reiches Unterwassererbe, aber für eine archäologische Tauchabteilung fehlt das Geld. Archäologie ist so faszinierend, dass es genügend Ehrenamtliche, Studenten, Praktikanten, Doktoranden und „befristete“ Archäologen gibt, die dem Staat auf Kosten einer verlässlichen Lebensplanung helfen, seinen Auftrag zu erfüllen.

Im August 2011 entdecken Sonja Nagel und Joachim Krüger den ältesten Zinnfund Deutschlands. Die zwei Spiralfingerringe aus vier Millimeter dickem Draht sind rund 3300 Jahre alt. Jeder Ring bringt 22 Gramm auf die Waage. Bei der Bronzeherstellung in prähistorischer Zeit wurde dem Kupfer meist etwa zehn Prozent Zinn beigefügt. 50 Gramm genügten, um ein Kilogramm Altbronze aufzuhübschen. Das Metall musste damals über große Entfernungen importiert werden. Joachim Krüger vermutet daher, dass die Ringe als Barren gedient haben.

Beim Tauchen nach den Überbleibseln der Schlacht finden die Forscher meist nur neuzeitlichen Schrott

Jeder Tauchgang führt in eine andere Vergangenheit. Denn unter dem „Heuhaufen“ aus Wasserpflanzen liegen unzählige „Stecknadeln“. Meist Nägel, Bierdosen und Kronkorken. Frank Nagel verwendet einen speziellen Metalldetektor mit Kopfhörer. Langsam arbeitet er sich in knapp einem Meter Tiefe gegen die leichte Strömung vor.

Bei jedem Piepton fängt er an zu graben. Zentimeter für Zentimeter sucht er das Ufer ab. Die Sicht ist schlecht. Schwimmblätter verfangen sich in seinem Tauchgerät. Eine Sedimentwolke hüllt ihn ein. Flussbarsch und Steinbeißer freuen sich über die aufgewirbelte Kleinfauna. Erst nach knapp 100 Minuten taucht Nagel wieder auf. „Nichts außer einem Haufen Schrott“, klagt er.

Doch die Enttäuschung hält nicht lange an. Schließlich haben die Taucher im Laufe der letzten Jahre schon Gold- und Bronzeringe gefunden, Pfeilspitzen, mehrere Einbäume. Und Knochen, jede Menge Knochen: Schädel, Kniescheiben, Rippen, Fußknochen, Unterkiefer. Alle ohne Bissspuren von Tieren, was darauf hindeutet, dass sie in kurzer Zeit, etwa durch ein Hochwasser, von Flusssedimenten zugedeckt wurde.

Tödliche Pfeilspitzen aus Feuerstein und Bronze

Auch der Uferbereich ist für Überraschungen gut. „Wir haben hier mehr als 50 Bronzepfeilspitzen gefunden, doppelt so viele wie in ganz Mecklenburg-Vorpommern“, sagt die Grabungsleiterin Jana Dräger vom Historischen Institut der Universität Greifswald. Das Forscherteam um Thomas Terberger und Landesarchäologe Detlef Jantzen gräbt seit 2009 im torfigen Flussufer.

In der Bronzezeit lag hier ein Sumpf. Daher schließen die Wissenschaftler aus, dass sie auf ein Gräberfeld gestoßen sind. Auch die große Zahl von Skeletten im Vergleich zur geringen Bevölkerungsdichte und das weitgehende Fehlen von Grabbeigaben sprechen gegen einen Friedhof. Diskutiert wurde auch die Existenz eines Opferplatzes. Aber warum sollten die Knochen Kampfspuren aufweisen? Wie der Schädel mit eingeschossener Bronzepfeilspitze, den Krüger bei einem Tauchgang 2013 aus dem Fluss holte.

Um die Wirkung von Pfeil und Bogen als Kriegswaffe zu simulieren, führte der Experimentalarchäologe Harm Paulsen im August 2013 Versuche mit Flint- und Bronzepfeilspitzen durch, die nach Funden im Tollensetal rekonstruiert wurden. Bei Schüssen aus zwölf Meter Entfernung durchschlugen beide Projektile mühelos die anvisierten Schweinehälften. Die Ergebnisse waren zwar nicht einheitlich, doch einige Schnittspuren am Schweineskelett ähnelten denen an den bronzezeitlichen Menschenknochen.

Einheimische Kämpfer begegneten einer Gruppe aus dem heutigen Süddeutschland

Isotopenuntersuchungen der Skelettreste legen nahe, dass damals zwei Menschengruppen aufeinandertrafen. Die einen ernährten sich hauptsächlich von Hirse und könnten aus Süddeutschland stammen, die anderen lebten von einheimischen Meeresfrüchten.

Metallverarbeitung wird mit einer Zunahme des überregionalen Handels und einer Zuspitzung sozialer Hierarchien in Verbindung gebracht. Seit dieser Zeit führen die Menschen ihre bewaffneten Konflikte in einer Intensität, die wir mit dem Begriff „Krieg“ beschreiben. Der Fundplatz Tollense könnte dazu beitragen, dieses Phänomen besser zu verstehen.

In der Dauerausstellung des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum auf der Museumsinsel ist ein Ausschnitt des Schlachtfelds in einer dreidimensionalen Kopie zu sehen.

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