Archäologie : Die erste Venus

Üppige Formen, ein Ring als Kopf: Die älteste Menschenfigur der Welt ist 35.000 Jahre alt - und schwäbisch. Wurde hier die Kunst erfunden?

Kai Kupferschmidt
275937_0_6cd7bd76.jpg Foto: Uni Tübingen
Üppige Formen. In Europa war Eiszeit, als ein Künstler die Frauenstatuette aus Mammutelfenbein schnitzte. -Foto: Uni Tübingen

Sie ist nur sechs Zentimeter groß und 33 Gramm schwer – und eine Sensation. In der Höhle „Hohle Fels“ auf der Schwäbischen Alb hat der Tübinger Archäologe Nicholas Conard eine einzigartige Frauenstatuette gefunden. Das Kunstwerk, das aus Mammutelfenbein geschnitzt wurde, ist mindestens 35.000 Jahre alt und gilt damit als die älteste Menschenfigur der Welt und eines der ältesten figurativen Kunstwerke überhaupt.

Ein Mitarbeiter von Conard hatte bereits am 8. September 2008 das erste Bruchstück der Figur gefunden. In den nächsten Tagen fanden sich fünf weitere Teile des Puzzles. Unter strenger Geheimhaltung setzten die Archäologen die Frauenfigur zusammen, die sie nun im Fachmagazin „Nature“ präsentieren.

Für ihr Alter ist die Statuette erstaunlich gut erhalten. Lediglich der linke Arm und die Schulter fehlen. Und auch dieses Fragment hofft Conard noch aus der Höhle zu bergen: „Wenn es da ist, werden wir es finden.“

Aber auch ohne dieses letzte Stück ist die „Venus von Hohle Fels“ ein beeindruckendes Kunstwerk: An den Händen sind die einzelnen Finger erkennbar und die Figur hat sogar einen kleinen Nabel, „anatomisch korrekt positioniert“, wie Conard betont. Kleine Linien im Elfenbein könnten eine Art Kleidung andeuten. Auf den ersten Blick fällt aber vor allem die Betonung der Sexualmerkmale auf: Brüste und Vulva sind stark vergrößert dargestellt, die Beine dagegen kurz. Anstelle des Kopfes trägt die Figur einen Ring, der teilweise poliert ist. Deswegen glauben die Wissenschaftler, dass die Venus als Anhänger getragen wurde.

Was genau die Figur bedeuten könnte, darüber wollen die Forscher noch keine Aussage wagen. Eventuell könnte es sich um ein Fruchtbarkeitssymbol handeln, sagt Conard. Aber es gebe eine große Bandbreite von Deutungsansätzen. „Ich war nicht da vor 40.000 Jahren, und unter dem Strich habe ich keine Ahnung.“

Alle sechs Bruchstücke der Figur wurden an derselben Stelle gefunden, etwa 20 Meter vom Eingang der Höhle entfernt, in einer tonhaltigen Schicht, die aus dem Aurignacien stammt. Dabei handelt es sich um die älteste mit dem modernen Menschen in Verbindung gebrachte Kultur in Europa.

Bisher war umstritten, ob es zu dieser Zeit überhaupt schon figürliche Kunst in Europa gab. Die berühmte Venus von Willendorf etwa, die 1908 in Österreich gefunden wurde, ist nur ungefähr 28.000 Jahre alt. Conard sieht deshalb in der „Venus von Hohle Fels“ den Beleg, dass figürliche Kunst in Europa viel älter sei, als bisher angenommen. Außerhalb Europas trete sie erst deutlich später auf.

Einige Archäologen sehen daher in der neuen Entdeckung auch einen Beweis dafür, dass auf der Schwäbischen Alb das erste Kulturvolk der Welt lebte. Ihre Theorie: Kurz nachdem der anatomisch und genetisch moderne Mensch nach Europa gelangte, entwickelten sich hier Kunst und Kultur. Conard will daran nicht so recht glauben, nennt die Theorie „schwabozentrisch“. Möglicherweise seien Funde aus der Steinzeit im kalkhaltigen Gestein der Schwäbischen Alb einfach besser erhalten geblieben als anderswo. Außerdem seien Archäologen schon seit 150 Jahren hier unterwegs, so dass die Region zu den am besten erforschten zähle. Schon 1870 grub der Pfarrer und Forscher Oscar Fraas in der Höhle. Und auch Conard machte hier schon Entdeckungen. So stieß sein Team 2001 auf die Miniaturausgabe eines Löwenmenschen aus Elfenbein. Auch die ersten Musikinstrumente wurden gefunden.

Doch weshalb entwickelte sich die Kultur ausgerechnet in dieser Region so früh? Besonders gemütlich hatten es die Menschen in ihren Höhlen am „Hohle Fels“ jedenfalls nicht. Draußen herrschten eisige Temperaturen, die Landschaft ähnelte dem heutigen Sibirien. „Natürlich kann ich meinen Nachwuchs nicht plötzlich besser ernähren, weil ich Kunst habe“, erläutert Conard. „Aber durch die Kunst entstehen größere soziale Netzwerke. Außerdem lernt man bei der darstellenden Kunst, die Natur genauer zu beobachten, zu adaptieren und so zu nutzen.“ Das könnte der entscheidende Vorteil der modernen Menschen gegenüber dem Neandertaler gewesen sein, der etwa zu dieser Zeit ausstarb.

Die Venus wird bei der Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ zu sehen sein, die vom 18. September bis zum 10. Januar 2010 in Stuttgart stattfindet. (mit ddp/dpa)

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