Archäologie in Griechenland : Rätsel um das makedonische Grab

Die Grabanlage, die Archäologen bei Amphipolis in Nordgriechenland freilegen, ist einmalig für die Antike. Wen die monumentalen Sphingen und Karyatiden bewachen, aber wird womöglich nie geklärt.

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Ein Bild von der Ausgrabungsstätte, im Hintergrund arbeiten Archäologen.
Außergewöhliches Monument. In der ersten von bislang zwei geöffneten Grabkammern legte das Archäologen-Team um Katerina Peristeri...Foto: picture alliance / dpa

Hunderte Schaulustige, die den Archäologen die Arbeit erschweren und von Polizisten in Schach gehalten werden, Fernsehteams aus aller Welt: Die Ausgrabungen an einem kolossalen Grabhügel bei der antiken Stadt Amphipolis entwickeln sich seit fast drei Monaten zu einem archäologischen Jahrmarkt sondergleichen. Spätestens als sich Ministerpräsident Antonis Samaras Mitte August zu einer, wie es hieß, „wichtigen“ Reise an die Stätte in Nordgriechenland aufmachte und pathetisch davon sprach, dass „die Erde unseres Makedoniens“ die griechischen Herzen bewege, war das Interesse griechischer und internationaler Medien geweckt.

Fest steht bislang: Der 23 Meter hohe Hügel birgt aller Wahrscheinlichkeit nach ein bedeutendes Grabmal aus dem letzten Viertel des 4. Jahrhunderts v. Chr., also aus der Epoche Alexanders des Großen (356– 323) und seiner unmittelbaren Nachfolger. Und ganz gewiss ist auch, dass es sich bei der antiken Grabanlage um die größte handelt, die jemals in Griechenland entdeckt wurde.

Spekuliert wird sogar, ob Alexander der Große hier bestattet ist

„Das ist ein aufregender, ein spannender Fund“, sagt Emmanuel Voutiras von der Aristoteles-Universität Thessaloniki. Auf Spekulationen möchte sich der Archäologe jedoch nicht einlassen: „Ich kenne kein einziges makedonisches Grab, von dem wir einwandfrei wissen, wer in ihm bestattet wurde.“ Es wäre schon ein enormer Zufall, wenn seine Kollegen ausgerechnet bei dieser Grabstätte auf eindeutige Inschriften oder andere Hinweise stoßen sollten.

Das Bild zeigt zwei steinerne Sphingen mit abgeschlagenen Köpfen.
Nicht mehr kopflos. Zur Grabanlage gehören zwei Sphingen, die im August präsentiert wurden. Auf den Kopf eines der...Foto: picture alliance / dpa

Umso bereitwilliger wird in der fiebernden Öffentlichkeit Griechenlands darüber spekuliert, wer hier liegen könnte. Befeuert wurde die Diskussion in den letzten Wochen auch durch Politiker und Archäologen, die sich – wider besseres Wissen – immer wieder dazu hinreißen ließen, die kurz bevorstehende Bekanntgabe des hier Bestatteten anzukündigen. Nach seriösen, wissenschaftlichen Standards ist dies so gut wie unmöglich. Im griechischen Fernsehen finden unterdessen fast täglich Talkshows mit Vertretern lokaler Behörden, des archäologischen Dienstes, Wissenschaftlern und Politikern statt. Mindestens im Wochentakt werden mögliche Anwärter genannt, die in dem Grab bestattet worden sein könnten: Alexanders Mutter Olympia, seine Gattin Roxane mit ihrem Sohn, der Admiral Nearchos, der vor 2300 Jahren am Rückzug von Indien die hellenische Flotte vom Indus nach Babylon führte – und schließlich natürlich auch Alexander der Große selbst.

Dass er hier begraben sein könnte, ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. Nach seinem frühen Tod 323 v. Chr. im babylonischen Susa wurde sein Leichnam nach Alexandria überführt und dort bestattet. Darin sind sich alle antiken Quellen einig. Seit der Spätantike gilt die letzte Ruhestätte des Makedonen als verschollen. Gesucht und vermeintlich entdeckt wurde sie neben Alexandria auch schon in der ägyptischen Oase Siva, in Usbekistan und sogar unter dem Markusdom in Venedig.

Jeder der Funde spricht für das Grab einer herausragenden Persönlichkeit

Die Spekulationen über das Grab, vor allem aber die großen Erwartungen von Öffentlichkeit und Politik machen den Archäologen vor Ort die Arbeit nicht leichter. Dabei sehen sie sich ohnehin mit einem Jahrhundertfund konfrontiert. Schon 1912 waren Soldaten bei Schanzarbeiten an der Mündung des Flusses Struma auf die Reste eines antiken, über fünf Meter hohen marmornen Löwen gestoßen, der in den 1930er Jahren mit finanzieller Hilfe aus den USA wieder aufgestellt wurde. Dann geschah lange nichts Aufsehenerregendes, bis vor vier Jahren das aktuelle Grabungsprojekt startete. 2011 entdeckte das Team um Ausgrabungsleiterin Katerina Peristeri eine marmorne, drei Meter hohe und fast 500 Meter lange Mauer um den Hügel und legte sie frei – damals von der Öffentlichkeit noch relativ unbeobachtet.

Anfang August dieses Jahres stießen die Wissenschaftler dann unterhalb dieser Mauer auf den Eingang zu dem rätselhaften Grab. Seither überstürzen sich die Nachrichten von der Grabungsstätte: Erst fanden die Archäologen zwei überdimensionale Sphingen aus Stein, dann zwei jeweils über zwei Meter hohe Karyatiden genannte Frauenfiguren, die als Stützen dienten. Mitte Oktober legten sie ein über 13 Quadratmeter großes, farbenfrohes Mosaik frei, auf dem ein mit Lorbeer bekränzter, bärtiger Mann in seinem Streitwagen dem als „Seelenführer“ dargestellten Gott Hermes ins Jenseits folgt. Und in der vergangenen Woche entdeckten sie den weitgehend unbeschädigten Kopf einer der Sphingen. Jeder der Funde ist einzigartig, und jeder spricht dafür, dass hier eine herausragende Persönlichkeit zu Grabe getragen wurde.

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