Archäologie in Israel : Streit um ein Herodes-Mausoleum aus Plastik

Israelische Archäologen empören sich über die Rekonstruktion des Herodes-Grabmals. An der historischen Stätte dürfe kein "Disneyland" entstehen.

Hakan Baykal
„Disneyland“. Das nachgebildete Mausoleum auf dem Herodion soll ein Besucherzentrum bekommen. Foto: Hebrew University/Roi Porat
„Disneyland“. Das nachgebildete Mausoleum auf dem Herodion soll ein Besucherzentrum bekommen. Foto: Hebrew University/Roi Porat

Es gibt kaum ein Land, in dem über Archäologie derart häufig und heftig debattiert wird wie in Israel. Aktuell spalten sich die Geister an einem Plan der Israel Nature and Parks Authority (INPA), das Grabmal König Herodes’ des Großen (73 – 4 v. Chr.) auf dem Herodion wieder aufzubauen, einem Hügel rund 12 Kilometer südöstlich von Jerusalem. Dass die Regierungsbehörde das zweistöckige, rund 25 Meter hohe Mausoleum zudem aus Kunststoff errichten und als Besucherzentrum öffnen will, erregt besonderen Unmut unter den Archäologen des Landes.

Zwar sind in Israel und vielen anderen Ländern an Ausgrabungsstätten Modelle von antiken Gebäuden oder auch Rekonstruktionen mit Originalmaterialien nicht ungewöhnlich. Eins-zu-eins-Nachbauten aus modernem Material sind jedoch äußerst selten. Ein Forscher entrüstete sich gegenüber der Zeitung „Haaretz“: „Das ist verrückt! Archäologie ist doch kein Disneyland.“ Gideon Foerster, Archäologe an der Hebrew University of Jerusalem, der bis zu seiner Emeritierung gemeinsam mit seinem Kollegen Ehud Netzer die Grabungen am Herodion leitete, stößt sich weniger am geplanten Baumaterial, sei Kunststoff doch günstig und könne zudem auch leicht wieder abgebaut werden. Aber: „Ein Mausoleum als Besucherzentrum wieder zu errichten finde ich absolut geschmacklos und falsch.“

Shaul Goldstein, seit Januar Leiter der zuständigen INPA, reagiert betont gelassen: „Disneyland lockt jeden Tag 50 000 Besucher an.“ Selbstverständlich sei er dagegen, die Vergangenheit in Zerrbildern darzustellen, befürworte aber zugleich jede Herangehensweise, die es ermögliche, „eine Stätte wieder herzustellen“. Das Gebäude wieder aufzubauen, sei eine solche Möglichkeit. „Wenn man aber nur einen Haufen Steine sieht, versteht kein Besucher, was das sein soll.“

Imposant ist das Herodion allemal. Rund 90 Meter hoch erhebt sich der von Menschenhand aufgeschüttete kegelförmige Hügel am Rande der Wüste im Westjordanland. Hier ließ Herodes ab circa 24 v. Chr. die zu ihrer Zeit wahrscheinlich größte Palast- und Festungsanlage der römischen Welt erbauen. Am Plateau des Hügels thront die mächtige, seinerzeit von Jerusalem mit dem bloßen Auge sichtbare Palastfestung. Am Fuße der Aufschüttung befand sich der zweite Teil der riesigen Anlage: eine Gartenstadt mit einem weiteren Palast, einer über 350 Meter langen und 30 Meter breiten Terrasse sowie einer antiken „Wellness-Oase“ mit Badehaus und einem mit Säulengängen gesäumten Wasserbecken. Dieses will Shaul Goldstein übrigens auch wieder füllen lassen, „damit Herodes’ Reichtum und Macht erkennbar werden“.

Der größte Bauherr des jüdischen Altertums schuf eine Reihe an außergewöhnlichen architektonischen Werken. Das bedeutendste war sicherlich der sogenannte Zweite Tempel in Jerusalem (streng genommen ist es nach dem salomonischen und dem serubbabelischen der dritte), der im jüdisch-römischen Krieg 66 bis 70 n. Chr. die letzte Zufluchtsstätte der Juden war und zerstört wurde. Was davon übrig blieb, ist heute als Klagemauer einer der heiligsten Orte des Judentums. Darüber hinaus gründete er die prächtige Hafenstadt Caesarea Maritima und ließ ein Dutzend Festungen entweder ausbauen oder neu errichten.

Beliebt war der machtbewusste König bei seinen Untertanen dennoch nicht. Den Juden, besonders den gläubigen, war der Sohn eines Idumäers und einer Araberin schon durch seine Abstammung verdächtig. Dass Herodes sein Königreich in absoluter Loyalität an das Imperium Romanum band und sogar den heidnischen Göttern der Römer huldigte, förderte sein Ansehen nicht. Wie weit die Verachtung mancher ging, zeigte sich auch an den Funden seiner Grabstätte. Im Inneren des Mausoleums von Herodion wurden drei Sarkophage gefunden. Allesamt wurden sie mit Hämmern zertrümmert – wahrscheinlich von jüdischen Kämpfern, die sich im Krieg gegen die Römer rund 70 Jahre nach dem Tod des Königs hier verschanzt hatten. Den Christen wiederum gilt er als „Kindermörder von Bethlehem“, der aus Angst vor dem Messias Jesus die Tötung unschuldiger Knaben befahl. So berichtet es das Matthäus-Evangelium. Experten sind sich jedoch einig, dass es dafür keine historische Grundlage gibt. Ein Tyrann war Herodes dennoch: Vermeintliche wie echte Konkurrenten ließ er der Überlieferung zufolge ohne Zaudern ermorden. Selbst seine Ehefrau Marianne und ihre Söhne ließ er wohl in einem Anfall von Paranoia hinrichten. Kurz vor seinem Lebensende soll der König von Judäa sogar angeordnet haben, dass man bei seinem Tod angesehene Bürger seines Reichs töte, damit das Volk einen Grund zur Trauer habe. Dieser letzte Befehl wurde nicht ausgeführt.

Dem modernen Israel gilt Herodes trotz seiner Schattenseiten als eine historische Identifikationsfigur. Zum einen war er einer der letzten und unbestritten der fähigste Herrscher eines eigenständigen jüdischen Staats im Altertum. Zum anderen schuf er als Bauherr zwei der bedeutendsten nationalen wie religiösen Weihestätten Israels – Klagemauer und Masada. So löste denn bereits die Verkündung des Fundes im Mai 2007 Begehrlichkeiten aus. Shaul Goldstein forderte damals noch als Sprecher eines Verbunds von Siedlungen südlich von Jerusalem, „den Fundort in den Status einer nationalen und religiösen Stätte zu erheben“. Als zudem die palästinensische Autonomiebehörde beklagte, die Archäologen würden Fundstücke aus den besetzten Gebieten im Westjordanland nach Israel verschaffen, und sich gleichzeitig orthodoxe Juden über die Ausgrabungen an einer Grabstätte empörten, war der erste Streit um das Grab des Herodes in vollem Gange.

Im aktuellen Disput zeigt sich die INPA versöhnlich. Zwar hält Goldstein an seinem Plan des Wiederaufbaus fest, er hat sich aber bereit erklärt, die Empfehlungen eines Expertenrats abzuwarten und zu berücksichtigen, ehe der Bau des Kunststoffmausoleums beginnt. Ehud Netzer, der sein halbes Leben mit den Ausgrabungen am Herodion verbrachte, bleibt von dem Zwist verschont: Er verstarb im Oktober 2010 an den Folgen eines Sturzes – an der Grabstätte von Herodes dem Großen.

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