Archäologie : Kulturstätten zum Ausdrucken

Archäologen setzen verstärkt auf die 3-D-Digitalisierung von Artefakten - auch nachdem Kulturstätten von Terroristen zerstört werden. Aber kann eine digitale Kopie das Original ersetzen?

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Detailliert. Altorientalist Markus Hilgert (re.) und Vermessungsingenieur Jan Krumnow erfassen archäologische Funde in digitaler Form – hier eine Keilschrifttafel.
Detailliert. Altorientalist Markus Hilgert (re.) und Vermessungsingenieur Jan Krumnow erfassen archäologische Funde in digitaler...Foto: Angie Pohlers

Diese Bilder schmerzten nicht nur die Fachwelt: Auf ihren Mord- und Raubzügen zerstörte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ im vergangenen Jahr einzigartige Kulturstätten in der arabischen Welt. Vorislamische Bauwerke und Skulpturen wurden in Brand gesetzt und mit Vorschlaghämmern zerstört. Der IS führt einen Kulturkampf, dem die Wissenschaft nun etwas entgegensetzen will: Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Kürzlich verkündete das Institut für digitale Archäologie in Oxford, dass der Torbogen des fast völlig zerstörten Baal-Tempels von Palmyra mit dem weltgrößten 3-D-Drucker nachgebildet werde. Die Repliken sollen im April auf dem Londoner Trafalger Square und auf dem Times Square in New York gezeigt werden. Was ihr kaputtmacht, drucken wir wieder aus – so kann man die Botschaft verstehen. Ist es wirklich so einfach?

Markus Hilgert, Chef des Vorderasiatischen Museums in Berlin, lobt die Aktion. „Die Zurschaustellung ist legitim, weil es ein Zeichen der Solidarität ist.“ Auch Hilgert beschäftigt sich mit der Digitalisierung von Kulturobjekten mittels Scan-Technik. Dazu hat er das Zentrum für digitale Kulturgüter (Zedikum) gegründet. Die Anschubförderung kommt von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, die fünf archäologischen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beteiligen sich. „Wir sind aber keine Serviceeinrichtung zur Digitalisierung aller hiesigen Museumsobjekte, vielmehr ein Thinktank, in dem technische Anforderungen formuliert und Technologien entwickelt werden“, sagt Hilgert. Er tauscht sich auch etwa mit irakischen Experten aus, für die 3-D-Digitalisierung interessant, aber wegen fehlender Infrastrukturen nicht problemlos durchführbar ist. „Das fängt bei der Stromversorgung an und geht weiter mit Serverkapazitäten, Ausbildungsmöglichkeiten und der Einrichtung von Kompetenzzentren vor Ort.“

Im Pergamonmuseum das antike Babylon besichtigen

Auch mit der Darstellung der Datensätze beschäftigt sich das Zedikum. Wenn es nach Hilgert geht, können die Besucher des Pergamonmuseums ab 2025 mithilfe von Apps das antike Babylon besichtigen. Dazu kooperiert das Zedikum auch mit der privaten Organisation Cyark, die hunderte bedeutende Kulturstätten weltweit in 3-D dokumentieren will. Ein Gamedesigner des Zedikums soll aus den Punktwolken virtuell erlebbare Räume und Objekte machen.

Eine Aufbereitung für Forscher muss anders gelagert sein, betont Hilgert und führt in das Büro von Jan Krumnow. Der Vermessungsingenieur hat einen Scanner nach dem Wunsch der Archäologen gebaut. Auf den Schienen einer Fräse fährt eine Kamera über eine tellergroße Keilschrifttafel und schießt 800 Fotos, bis das Objekt komplett erfasst ist. Die Bildausschnitte sind gestochen scharf und detailliert. Auf dem Computerbildschirm erscheinen die zusammengerechneten Daten als Abbildung, die beliebig gedreht und beleuchtet werden kann. „Es ließe sich nun genau ermitteln, wie tief ein Keileindruck ist und in welchem Winkel er aufgebracht wurde“, sagt Krumnow.

Artefakte werden geschont

Der Altorientalist Markus Hilgert könnte den Datensatz nutzen, um Handschriften in der Keilschrift zu erforschen – ohne direkt an der Tafel zu arbeiten. Das schont das Objekt und ermöglicht theoretisch auch die Mitarbeit von Forschern am anderen Ende der Welt. Zudem ist die Technik von Krumnows Scanner mit Kosten von rund 1000 Euro vergleichweise günstig und einfach, womit sie auch für den Einsatz in Krisengebieten infrage käme.

Und doch darf man die Bedeutung des Originals nicht vergessen, mahnt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Es hätte einen ganz anderen Reiz als die Kopie. „Rekonstruktionen sind vor allem Notmaßnahmen.“ Auch der Archäologe Kay Kohlmeyer von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) beschäftigt sich mit der 3-D-Dokumentation von Artefakten. Am 1. Februar wird er bei einer HTW-Tagung zum Umgang der Museen mit Kriegsfolgen über das syrische Weltkulturerbe sprechen.

"Die Archäologie wird revolutioniert"

„Die rapiden technischen Entwicklungen der letzten paar Jahre revolutionieren die ganze Archäologie“, sagt Kohlmeyer und stellt doch klar: Eine digitale Kopie kann ein Original niemals ersetzen. Selbst mit der exaktesten Punktwolke könne man die Sinnlichkeit eines Objekts nicht reproduzieren. „Vielleicht aber, so eine These, könnte terroristische Zerstörungswut auch aufgehalten werden, wenn der IS sieht, dass wir Objekte immer einfacher nachbilden können.“

Markus Hilgert wünscht sich indes, dass die Diskussion um das Original neu geführt wird. „Wir lernen gerade, dass wir nicht alles schützen können, und müssen überlegen, in welchen Fällen wir die physische Aufbewahrung durch die digitale ersetzen.“ Ist das Festhalten am Ursprünglichen noch zeitgemäß? Hilgert glaubt, dass die neuen Technologien auch die Bedeutung des Originals verändern könnten.



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