Archäologie und Politik : Was uns Nofretete lehrt

Was sind die größten Herausforderungen für große Museen heute? Nicht Streitfälle wie die Nofretete oder der Schatz von Troja, schreibt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sorgen bereiten ihm vielmehr Raubgrabungen weltweit. Ein Plädoyer für eine neue Philosophie des Universalmuseums in der globalisierten Welt.

Hermann Parzinger
Die Büste der Nofretete kam einst durch reguläre Fundteilung nach Berlin. „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“, betont Parzinger. Foto: Uwe steinert
Die Büste der Nofretete kam einst durch reguläre Fundteilung nach Berlin. „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“,...Foto: Uwe steinert

Archäologie besitzt immer auch eine politische Dimension. Gerade deshalb ist die Gefahr des Missbrauchs und der Indienstnahme besonders groß. In der Zeit des „großen Spiels“ im späten 19. Jahrhundert stand noch der Wettstreit um die weltweit prestigeträchtigsten Grabungsplätze im Vordergrund. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg prägten dann vielerorts totalitäre Staatssysteme und Ideologien, was für die Archäologie zum Teil verheerende Folgen hatte. Man kann auch sagen: Je totalitärer ein System, desto massiver der Missbrauch der Archäologie durch die Politik. Respekt vor der Kultur und Geschichte anderer Nationen schließt Respekt vor ihrem kulturellen Erbe ein. So waren die Kunstraubzüge verschiedener NS-Organisationen in den eroberten Gebieten ein weiterer Tabubruch des NS-Regimes. Sie betrafen neben Kunstwerken, Büchern und Archivalien auch archäologische Sammlungen.

Doch auch dieses Pendel schlug mit voller Macht zurück. Als Gegenreaktion beschlagnahmten die Trophäenkommissionen der Roten Armee nach Kriegsende über 2,6 Millionen Kunstwerke, sechs Millionen Bücher und unzählige Kilometer von Archivalien. Bemerkenswerterweise betrachtete die Sowjetunion bis weit in die 50er Jahre hinein Deutschland sehr wohl weiterhin als den rechtmäßigen Besitzer dieser Kunst- und Kulturgüter. 1955 und 1958 kam es schließlich zu umfangreichen Rückführungen. So kehrte der Pergamonaltar, der etliche Jahre in Leningrad zu sehen war, wieder nach Berlin an seinen angestammten Ort auf der Museumsinsel zurück.

Trotz dieser Rückführungen befinden sich heute noch über eine Million Kunstwerke in russischen Sammlungen. Für die Archäologie besonders wichtig: die Schatzfunde von Troja oder der Goldfund von Eberswalde. Ausgangspunkt für die deutsche Haltung ist weiterhin, dass die aus Deutschland entwendeten Kunst- und Kulturgüter deutsches Eigentum sind. Deutschland bezieht sich dabei ausdrücklich auf internationales Recht, nämlich die Haager Landkriegsordnung von 1907, die damals übrigens – gleichsam als Ironie des Schicksals – auf Betreiben Russlands verabschiedet worden war.

Entscheidend ist die Rechtmäßigkeit zum Zeitpunkt des Erwerbs. Insofern werden Kulturgüter, die im Zuge von politischen Geschenken oder durch reguläre Fundteilungen in die Berliner Museen gelangten, für immer dort verbleiben. Das gilt selbstverständlich auch für die Nofretete. Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein, auch wenn sich die Gepflogenheiten im Umgang mit Kulturgut grundlegend verändert haben und Fundteilungen schon lange nicht mehr möglich sind. Allerdings setzt eine solche Haltung auch voraus, dass jeder Einzelfall genau geprüft wird.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat im vergangenen Jahr die sogenannte hethitische Sphinx aus Bogazköy an die Türkei zurückgegeben. Sie stammt aus einer Untersuchung von 1906/07, als Bogazköy noch keine deutsche, sondern eine türkische Grabung mit lediglich deutscher Beteiligung war. Es spricht daher vieles dafür, dass die Fragmente von zwei Sphingen und Tausenden von Tontafeln 1917 lediglich zu Restaurierungszwecken nach Berlin kamen. Später wurde aber nur eine der beiden an die Türkei zurückgegeben, die andere blieb in Berlin. Aufgrund der Faktenlage wäre die deutsche Seite aber keinesfalls zu einer Rückgabe gezwungen gewesen. Dass sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dazu entschloss, ist einzig den historisch besonders engen und freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei geschuldet. Überdies war die freiwillige Rückkehr der Sphinx mit einem Bekenntnis zur Intensivierung der archäologischen und musealen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern verbunden.

Trotz ihrer Popularität und Dramatik stellen Rückforderungen aber heute nicht die eigentlichen Probleme dar. Vielmehr nehmen Raubgrabungen immer größere Ausmaße an und werden in einigen Jahren wohl einen Großteil des kulturellen Erbes der Menschheit vernichtet haben. Unkontrollierte Baumaßnahmen, verstärkt durch ein enormes Bevölkerungswachstum, so etwa in Ägypten, zerstören riesige Areale unwiederbringlich. In Ägypten sind das gesamte Fruchtland und der nächstgelegene Wüstenstreifen fast vollständig bebaut. Es waren aber auch genau jene Zonen, in denen sich die archäologischen Denkmäler befinden. In anderen Ländern kommen Kriegs- und Bürgerkriegshandlungen hinzu und greifen heute in viel stärkerem Maße als jemals zuvor in archäologische Fundplätze ein.

Machen wir uns diese Bedrohungsszenarien für unser kulturelles Erbe bewusst, wird deutlich, dass ein international koordiniertes Handeln erforderlich ist. In diesem Fall könnte die Archäologie die Politik durchaus ein wenig vor sich „hertreiben“, weil es dabei um gesetzliche Lösungsansätze geht, die derzeit noch keine befriedigende Form gefunden haben. Wer sich heute vorrangig auf Restitutionsforderungen verlegt, verschließt die Augen vor den tatsächlichen Gefahren.

Umgekehrt müssen aber auch solche Kulturgüter, die sich außerhalb ihrer Ursprungsländer befinden, stärker als bisher in internationale Kooperationen und Forschungsprojekte eingebunden werden. Das Berliner Ägyptische Museum bereitet für 2012 anlässlich des 100. Jahrestages der Auffindung von Nofretete eine internationale Tagung vor, die am Beginn einer umfassenden Bearbeitung der Funde aus Tell el-Amarna stehen wird. Dabei soll sich ein internationales Forscherteam mit der Auswertung dieser Grabungen befassen, und auch die ägyptische Seite ist zur Mitwirkung eingeladen.

Ein weiteres Beispiel für eine gelungene internationale Kooperation ist die Turfan-Sammlung von der Seidenstraße: Expeditionen des Berliner Völkerkundemuseums nach Zentralasien brachten Anfang des 20. Jahrhunderts Reste von Wandmalereien und andere Kunstobjekte mit. Sie befinden sich heute im Museum für Asiatische Kunst. Schon seit einigen Jahren ist dazu ein großes zukunftsweisendes Projekt im Gange, an dem verschiedene europäische Länder sowie Institutionen in Peking und Ürümqi (Xinjiang) beteiligt sind, deren Museen heute Malereien aus den Höhlen der Seidenstraße besitzen.

Die in den diversen Sammlungen weltweit vorhandenen Bestände und Expeditionsunterlagen werden digitalisiert, zusammengeführt und über eine Internetplattform der internationalen Forschung zugänglich gemacht. Bei solchen Vorhaben geht es um Teilhabe und gemeinsame Verantwortung, unabhängig vom Aufbewahrungsort der Kulturgüter.

Was sollte heute die zentrale Aufgabe der großen archäologischen Universalmuseen sein? Wie können sie der Gesellschaft größtmöglichen Nutzen bringen? Die Objekte aus aller Welt bieten die einmalige Chance, Geschichte auf eine ganz besondere Art und Weise zu verstehen, denn sie sprechen über globale Entwicklungen zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit, sie sind Zeitzeugen. Ganz alltägliche Dinge sind dabei oft wichtiger als Kunstwerke, weil sie von Menschen wie uns geschaffen wurden. Wenn der Besucher dies versteht, eröffnen ihm die Objekte neue Zugänge zu einem tieferen Verständnis globaler Verflechtungen der Kulturen.

Insofern muss ein Universalmuseum ein Museum für alle sein, für Ausländer, für Besucher aus den Herkunftsländern und für Menschen mit Migrationshintergrund. Die großen Museen sind auf dem Wege zu supranationalen Einrichtungen, die von der ganzen Welt genutzt werden. Sie können damit einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Völker in einer längst globalisierten Welt leisten.

In der Mitte Berlins besteht mit Museumsinsel und Humboldt-Forum die einzigartige Chance, einen herausragenden Ort dafür zu schaffen: die Museumsinsel mit der Kunst und Kultur Europas und des Nahen Ostens und das Humboldt-Forum mit der Kunst und Kultur Afrikas, Asiens, Amerikas, Australiens und Ozeaniens. Die ganze Welt wird dort vereint sein, und das ist so ungemein wichtig, denn es braucht Orte, an denen die Welt sich selbst betrachten kann.

Der Autor ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Artikel beruht auf einem Text, den die Gerda Henkel-Stiftung soeben veröffentlicht hat: Hermann Parzinger, Archäologie und Politik. Rhema-Verlag, Münster 2012. 38 Seiten, 9,20 Euro.

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