Bayern reformiert Turbo-Abi : Freiwillig sitzenbleiben

Auch Bayern will das Turbo-Abitur vereinfachen: Gymnasiasten dürfen ein zusätzliches "Flexibilisierungsjahr" einlegen, wenn sie wollen. Ministerpräsident Seehofer greift vor der Wahl in die Bildungspolitik ein - aus Furcht vor unzufriedenen Eltern.

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Überprüft. Die Lehrpläne sollen entrümpelt werden.
Überprüft. Die Lehrpläne sollen entrümpelt werden.Foto: dapd

Nach Hessen und Baden-Württemberg will nun auch Bayern das Turbo-Abitur entschleunigen – zumindest für Schülerinnen und Schüler, die das wünschen. Freiwillig sollen einzelne Gymnasiasten künftig ein „Flexibilisierungsjahr“ in der achten, neunten oder zehnten Klasse einlegen können, sollten sie im Stoff hinterherhinken. Das ist Teil einer Reform des achtjährigen Gymnasiums (G8), die das Kabinett von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) jetzt beschlossen hat. Die Landesregierung reagiert damit auf die andauernde Kritik an der um ein Jahr verkürzten Gymnasialzeit: zu viel Stress für die Schüler, zu dichte Lehrpläne und zu wenig Förderung lauten die Vorwürfe.

Zudem will die Landesregierung bereits für das kommende Schuljahr die Lehrpläne entrümpeln. In elf von 25 Fächern soll der Stoff gekürzt werden, etwa in der Oberstufe in Geschichte und den modernen Fremdsprachen. Für schwächere Schüler soll ein „Frühwarnsystem“ aufgebaut werden, wie es in einer Mitteilung des Regierung heißt. Gedacht ist dabei an Blockseminare an den Wochenenden, darüber hinaus könnten schwächere Schüler in den Ferien Stoff nachholen. Damit weniger Stunden ausfallen, soll bis zum Schuljahr 2014/15 eine „integrierte Lehrerreserve“ an allen Gymnasien eingerichtet werden. Die Schulen bekommen dann einen Lehrer oder mehrere Stunden mehr zugeteilt, als sie eigentlich bräuchten. Diese „Reserve“ springt dann ein, wenn Lehrer krank werden.

Die Opposition kritisierte die Pläne. Aus der SPD hieß es, die Gymnasien würden vor allem in der wichtigen Eingangsphase nicht entlastet. Das „Flexibilisierungsjahr“ sei ein „besseres Wiederholungsjahr“ ohne pädagogisches Konzept.

Dem Beschluss vorangegangen war ein Treffen von Regierungsmitgliedern mit Lehrer-, Eltern- und Schülervertretern in der Staatskanzlei, zu dem Ministerpräsident Seehofer geladen hatte. Die Landesregierung wollte das Thema offenbar unbedingt noch vor Beginn der bayrischen Sommerferien am gestrigen Mittwoch vom Tisch haben.

Seehofer hat die Zukunft des Gymnasiums ein Jahr vor den Landtagswahlen zur Chefsache gemacht – aus Furcht vor unzufriedenen Eltern, die ihm das Wahlergebnis verhageln könnten. Vor kurzem traf sich Seehofer alleine mit dem Chef des Bayrischen Philologenverbandes, der konservativen Standesvertretung der Gymnasiallehrer, um über die Zukunft des Gymnasiums zu beraten. Der Philologenverband hatte zuvor die Schulpolitik der Regierung kritisiert.

Hintergrund ist, dass Seehofer mit seinem Bildungsminister und Parteikollegen Ludwig Spaenle unzufrieden ist. Insgesamt werde die Distanz der Staatsregierung und der Landtagsfraktion zu Spaenle immer deutlicher, weil dieser die Probleme rund um G8 nicht in den Griff bekomme, heißt es in einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“. Seehofer habe seinen Minister erst kürzlich während einer Landtagssitzung desavouiert: Der Ministerpräsident habe gefeixt oder bewusst eine sorgenvolle Miene aufgesetzt, während sich Spaenle mit einer allgemein als langweilig empfundenen Regierungserklärung abmühte.

Es ist nicht das erste Mal, dass Seehofer mit Blick auf die Wahl in die Bildungspolitik eingreift. Vor einem Jahr stellte er überraschend die Studiengebühren in Bayern infrage – und das, obwohl Bayern einst zu den Ländern gehörte, die vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Verbot der Gebühren geklagt hatten. Seehofers Volte war ein Bericht vorausgegangen, laut dem die Hochschulen nicht alle Gebühren ausgegeben konnten. Eine Rolle dürfte bei der Frage auch gespielt haben, dass Bayern mit Niedersachsen inzwischen das letzte Land ist, das Studiengebühren nimmt. Zumindest in Seehofers Augen dürfte das nicht unbedingt wahlkampfförderlich sein. Nach massiver Kritik aus den eigenen Reihen schwenkte Seehofer damals aber wieder um. Noch immer kostet ein Semester also bis zu 500 Euro an bayrischen Hochschulen. Die Bayern sollen am 15. September 2013 einen neuen Landtag wählen.

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