Bildungsforscher : "Klima der Intoleranz im Lehrerzimmer"

Risikoschüler bei Pisa: Bildungsforscher Jörg Ramseger fordert einen anderen Umgang mit Zuwandererkindern in den Klassenzimmern.

Blühende Fantasie. FU-Bildungsforscher Jörg Ramseger lobt Förderprogramme mit Lese- und Schülerpaten oder Theaterarbeit. Im Bild eine Klasse der musikbetonten Humboldthain-Grundschule in Berlin-Wedding. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Blühende Fantasie. FU-Bildungsforscher Jörg Ramseger lobt Förderprogramme mit Lese- und Schülerpaten oder Theaterarbeit. Im Bild...

Herr Ramseger, nach Vorabmeldungen vom Wochenende sollen sich die Leistungen der „Risikoschüler“ in den vergangenen Jahren nicht verbessert haben. Haben die Politiker etwas versäumt?

Die Politik hat mit zahlreichen naheliegenden Initiativen reagiert. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die bisherigen Reformen wirklich den Kern des Problems getroffen haben und auch die Mentalität und die Kultur in unseren Schulen hinreichend verändern. Beim Umgang mit Kindern mit Migrationshintergrund hat sich die Lage meines Erachtens eher verschärft. Die Debatte konzentriert sich inzwischen auf den vermeintlichen Unwillen der Migranten, sich zu integrieren. Da wird unglaublich pauschalisiert. Man glaubt sogar, den Migrantenkindern Sprach- und Bekleidungsvorschriften machen zu müssen. Als wenn wir nicht hunderttausende bestens integrierte Zuwanderer in Deutschland hätten. Dank Sarrazin macht sich dieses Klima der Intoleranz inzwischen auch schon in manchen Lehrerzimmern breit. Es ist unsäglich.

Viele Lehrer sind aus eigener Erfahrung zutiefst überzeugt, dass mehr Druck hilft, auch, indem auf den Schulhöfen Deutsch gesprochen werden muss. Warum sind Sie anderer Meinung?

Natürlich sollen alle Kinder so früh wie möglich sehr gut Deutsch lernen. Deswegen sind die Sprachförderprogramme in den Kindergärten so wichtig. Und freiwillige Absprachen unter Jugendlichen für die große Hofpause sind auch etwas anderes als Sprachverbote, die ja Denk- und Kommunikationsverboten gleichkommen. Aber wer sagt eigentlich, dass Kinder nicht mehrere Sprachen erfolgreich lernen können, wenn sie in mehreren Sprachen gut unterrichtet werden?

Ist das praktikabel?

Wir wissen doch, dass das geht! Es erfordert allerdings einen anderen Zugang zur zugrunde liegenden Problematik. Man erreicht Menschen nicht damit, dass man sie zwingt, ihre Herkunft, ihre Sprache und damit ihre Identität zu verleugnen. Integration setzt voraus, dass sich beide Seiten füreinander öffnen und aufeinander zugehen. Wer das heute in Deutschland noch laut sagt, bezieht allerdings Prügel. Das Kernproblem ist: Wir haben noch immer nicht gelernt, Kinder mit einer anderen Familiensprache und einer anderen Kultur zunächst einmal anzunehmen, sie dort abzuholen, wo sie nun mal stehen, und dann an unsere Sprache und Kultur heranzuführen. Die Kinder spüren zu oft, dass sie und ihre Eltern in diesem Land eigentlich unerwünscht sind, obwohl schon ihre Eltern hier geboren sind. Wie sollen sie da erfolgreich lernen können?

Gute Stimmung ist bestimmt wichtig, aber gute Förderung auch. Beim ersten Pisa-Schock waren die jetzt getesteten Neuntklässler erst sechs. Darf man nicht erwarten, dass diese Schüler seitdem besonders gut gefördert wurden?

Es ist ja sehr viel Vernünftiges versucht worden in den letzten Jahren. Dennoch bin ich skeptisch, ob Kindergarten und Grundschule überhaupt die Macht haben, ungünstige Aufwachsbedingungen im Elternhaus wirklich wirksam zu kompensieren. Ich fürchte, insbesondere die Einflüsse der neuen Medienwelten überlagern alle Anstrengungen der Pädagogik. Es fehlen in vielen Familien heute mehr denn je Eltern, die Rollenvorbilder für lesende und vor allem: für schreibende Menschen abgeben. In vielen Familien läuft den ganzen Tag der Fernseher, nebenbei surfen die Kinder – und ihre Eltern! – durchs Internet und kommunizieren schriftlich nur noch über SMS. Hirnforscher weisen überzeugend nach, dass sich dadurch die gesamte intellektuelle Ausstattung der Kinder völlig verändert. Sie sind oftmals kaum mehr in der Lage, sich längere Zeit in ein Buch zu versenken, sich hineinzudenken in andere Lebenswelten und Weltinterpretationen. Das sehe ich sogar bei manchen meiner Studierenden, die ja die nächste Lehrergeneration sein werden: Wenn sie einen eigenen Text erarbeiten sollen, flippen immer mehr von Ihnen mit der Maus rum und clustern ihre Referate schnell mit „copy and paste“ aus dem Internet zusammen, ohne sich mal intensiv mit einem Autor zu befassen.

Wenn die Schule sowieso nicht gegen die neuen Medien ankommt, kann man teure Reformen auch gleich ganz lassen.

Nein, es ist wie mit dem Hunger in der Welt: Wir können seiner leider nicht Herr werden. Trotzdem haben wir doch die Pflicht, um jeden Menschen zu kämpfen, und wenn wir nur fünf Prozent erreichen.

Wie erreicht man wenigstens fünf Prozent?

Nach allem, was wir wissen, ist weiterhin der frühe Zugang zu Büchern ganz entscheidend. In Nova Scotia (Kanada) bekommt jede Mutter schon zur Geburt des Kindes einen kleinen Koffer mit Bilderbüchern geschenkt, um frühzeitig an das Vorlesen herangeführt zu werden. Auch die diversen Programme mit Lese- und Schülerpaten oder Theaterarbeit in Kindergärten und Schulen sind von großer Bedeutung. Aber es gibt Schulen in Berlin, die noch nicht einmal eine ordentliche Schulbibliothek haben.

Die GEW kritisiert, es gebe unübersichtlich viele Sprachtests und Programme für Vorschüler in den Bundesländern. Ist Vielfalt wirklich ein Problem?

Nein, Vielfalt ist gut, denn wir brauchen gerade vielfältige Bemühungen. Aber man sollte genau hingucken. Wissenschaftler sollten die Programme evaluieren, die „Perlen“ an den Schulen suchen und publik machen. Am Ende müssen nicht zwei x-fach getestete und für gut befundene nationale Förderprogramme stehen. Wichtiger ist, dass jede Schule ihr eigenes Programm findet. Es müssen für Kollegien, die den Wunsch haben, sich selbst zu verbessern, auch variable Unterstützungssysteme und hinreichend Mittel zur Verfügung stehen, mit denen man etwas bewirken kann. Dann entsteht an den Schulen Reformleidenschaft. Das ist etwas anderes als von oben verordnete Maßnahmen. Man muss den Schulen Vertrauen entgegenbringen und sie mit Ressourcen, insbesondere mit Zeitressourcen und auch mit ein bisschen Geld, unterstützen. Dann gräbt sich eine neue Kultur des Lernens in die Kollegien ein.

Aber wie kann man sicher sein, dass die Schule das Vertrauen nicht missbraucht und träge bleibt?

Man muss die Ergebnisse der Schulen natürlich ab und an messen. Nicht damit schlechte Schulen öffentlich bloßgestellt werden, wie es jetzt in Berlin geplant ist, sondern damit die Schule selber weiß, wo sie primär ansetzen muss.

Ist es sinnvoll, wenn der Senator in Berlin jetzt auch den Druck auf Lehrer erhöhen will, Fortbildungen zu machen?

Was würde eine Zwangsberieselung schon helfen? Wir wissen seit langem, dass die traditionellen Formen der Lehrerfortbildung relativ wirkungslos sind. Die Teilnehmer erinnern sich bald kaum noch an das, was sie an einem einzelnen Wochenendseminar mal gehört haben, und landen schnell wieder im Alltagstrott. Erfolgversprechender sind Programme, die die Lehrer selbst für ihre Zwecke mitentwickeln, wie die Robert-Bosch-, die Telekom- und andere Stiftungen sie fördern. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten dort in Gruppen über einen längeren Zeitraum an ihrem Projekt zusammen und bilden Lernnetzwerke mit ihren Nachbarschulen. So werden Schulen zu lernenden Systemen. Anstatt Zwangsfortbildungen zu organisieren, sollte man den Schulen lieber einen eigenen Fortbildungsetat geben, um etwas in Bewegung zu setzen, – und die Pflicht, ihn für Veränderungen an der Schule auszugeben.

Die Fragen stellte Anja Kühne. Jörg Ramseger (60) ist Bildungsforscher an der Freien Universität Berlin.

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