Bildungspolitik : Warum Sitzenbleiben sinnvoll ist

Alle Schüler durchzuschleppen, nützt weder dem einzelnen Schüler, noch der Gruppe. Sitzenbleiber können Klassen besser machen. Ein Kommentar.

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Sitzenbleiber stören vor allem eine Gruppe: die bequemen unter den Lehrern.
Sitzenbleiber stören vor allem eine Gruppe: die bequemen unter den Lehrern.Foto: dpa

In den vergangenen Jahren haben viele Bundesländer das Sitzenbleiben abgeschafft. Für Eltern und Schüler ist das eine friedensstiftende Maßnahme. In der Zeit um Ostern werden sie nicht mehr mit einem blauen Brief aufgeschreckt. Versetzt wird in Grund-, Haupt-, Ober- und Gesamtschulen immer. Nur: Die Schüler werden nicht besser, wenn man ihnen Niederlagen erspart. Wer immerzu befördert wird, verpasst eine entscheidende Erfahrung – dass es Maßstäbe für Leistung gibt, die man nur mit Anstrengung erreichen kann.

Die leistungsschwächeren Schüler würden mit der stumpfen Wiederholung nicht gezielt gefördert, kritisieren Gegner des Sitzenbleibens. Die neuen Klassen litten unter den Störern. Und: Sitzenbleiben sei zu teuer. Die Volkswirtschaft müsse dafür eine Milliarde Euro im Jahr aufwenden, hat die Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet.

Sitzenbleiben ist also von gestern? Ist es nicht eher so, dass Sitzenbleiben vor allem eine Gruppe stört – die bequemen unter den Lehrern? Lehrer, die sich durch die Unterschiedlichkeit der Schüler herausfordern lassen, könnten das Sitzenbleiben zu einer leistungsfördernden Maßnahme für alle machen. Lehrer, die keine Lust auf Wiederholer und ihre Eltern haben, schaffen das nicht.

Klassen mit Sitzenbleibern sind erfolgreicher

Würde man nur den Begriff des Sitzenbleibens abschaffen und eine Schule der unterschiedlichen Geschwindigkeiten propagieren, würden viele Reformpädagogen zustimmen. Eine neue Studie aus den USA zeigt zudem, dass Sitzenbleiber den neuen Klassen nicht schaden müssen. Weil sie die Lehrer herausfordern, müssen die ihre Lehrmethoden anpassen. Anstatt vor allem Fachwissen zu vermitteln, bringen sie Schülern nun intensiver bei, wie man lernt.

Am Ende, so zeigt der Bildungsökonom Jan Bietenbeck, waren Klassen mit Sitzenbleibern erfolgreicher. Die Schüler machten bessere Abschlüsse und mehr beendeten die Schule. Auch in Deutschland findet man solche Hinweise: Bayern, das Bundesland mit den meisten Sitzenbleibern, schneidet bei Bildungstests besonders gut ab. Berlin, fast ohne Sitzenbleiber, am schlechtesten.

Niemanden mehr sitzen zu lassen, ist zwar der leichteste Weg. Aber es scheint nicht der richtige zu sein.

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