"Karnevalistisch verkleidete Aufgaben" - woran selbst Studierende scheitern

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Brandbrief gegen Bildungsstandards : Der Aufstand der Mathelehrer
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Schule ändert sich - auch der Matheunterricht.
Schule ändert sich - auch der Matheunterricht.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Eben darum geht es der Mitunterzeichnerin Angela Schwenk, Mathematik-Professorin an der Berliner Beuth-Hochschule. So werde etwa in einer Berliner Abituraufgabe eine Geradengleichung, bei der sich zwei Geraden im Raum treffen, deren Schnittpunkt sowie der Schnittwinkel berechnet werden sollen, „karnevalistisch verkleidet“. „Da gleiten dann ein Raubvogel und ein Singvogel über den Frühnebel. Das ist aber ein an den Haaren herbeigezogener Anwendungsbezug, schon weil Vögel nicht geradlinig fliegen“, kritisiert Schwenk. Die Schüler müssten eine komplizierte, unlogische Erzählung erst auf ihren mathematischen Kern zurückführen.

Sind also die Bildungsstandards für einen möglichen Niedergang der Ansprüche in Mathe verantwortlich, wie es in dem offenen Brief dargestellt wird? IQB-Direktorin Stanat sagt: „In der Abiturprüfung sind die Standards ja erst jetzt angekommen. Der erste Abiturdurchgang, der auf den Bildungsstandards basiert, und in dem auch Mathematikaufgaben aus dem Pool genommen werden können, findet erst im Jahr 2017 statt.“ Stanat betont auch, dass die Bildungsstandards für das Abitur im Fach Mathematik sehr anspruchsvoll sind.

Der erste Abi-Jahrgang wird nach den Standards geprüft

Den gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur haben die Länder seit langem vorbereitet. Anders als die Verfasser des Briefes insinuieren, kann Hamburg darüber aber seine Aufgaben nicht anderen Ländern überhelfen. Ganz im Gegenteil speisen alle Länder Aufgaben in den Pool ein, keines ist aber verpflichtet, sich daraus zu bedienen. Und die Länder können – und werden – weiterhin eigene Aufgaben einsetzen. Das IQB überwacht zudem die Pool-Aufgaben und sorgt für ein einheitliches Niveau.

Kristina Reiss, Professorin für Mathematikdidaktik an der TU München und Projektmanagerin der Pisa-Studie, nennt die in dem Brief geäußerten Vorwürfe gegen die Bildungsstandards „pauschal“ und „ganz schwer zu halten“: „Die Unterzeichner widersprechen sich auch selbst. Sie fordern mehr symbolische und technische Elemente im Mathematikunterricht. Aber damit zitieren sie die Bildungsstandards“, sagt Reiss. Und: „Bei Pisa wird Bruchrechnen durchaus überprüft.“

Die Hochschulen müssen sich wandeln, sagt Matheprofessorin Reiss

Allerdings solle es inzwischen nicht mehr darum gehen, was unterrichtet wird, sondern was gelernt wird. Kompetenzorientierung bedeute dabei nicht, „dass man triviale Anwendungsaufgaben stellt“. Reiss kritisiert, die Hochschulen würden sich nicht genug auf den Wandel einlassen: „Es ist ein fundamentales Missverständnis, dass die Schule die Schüler studierfertig abzuliefern hat. Die Schule ändert sich, weil ihre Bedingungen sich ändern. Auch der Fremdsprachenunterricht hat sich geändert. Es geht nicht mehr darum, die Grammatik zu beherrschen, sondern darum, sich ausdrücken zu können“, sagt sie.

Die Hochschule könne also auch nicht einfach Analysis und Algebra verlangen wie vor 20 Jahren: „Wir an der TU München holen die Studienanfänger da ab, wo sie stehen.“ Dass Studienanfänger inzwischen keine Bruchrechnung mehr könnten, sei nicht zu erkennen. Vor allem seien die von Unterzeichnern angeführten Aufgaben „genau solche, die man in der Regel heute nicht mehr im Studium braucht – und wenn man sie braucht, kann man sie sich aneignen.“

Die Schülerinnen und Schüler werden in Mathematik immer schwächer: Die Pisa-Studie belegt das Gegenteil, es ging kontinuierlich bergauf. Erst bei der jüngsten Studie aus dem Jahr 2015 gab es in dem Fach erstmals eine Stagnation, dennoch liegt Deutschland weiter signifikant über dem Schnitt der OECD-Staaten. Explizit würdigten die Bildungsforscher, dass hierzulande eine „kognitiv anregende und reichhaltige Aufgabenkultur“ entwickelt wurde, die dazu beigetragen habe, dass sich insbesondere schwächere Schüler verbesserten.

Wer ist an Abbrecherzahlen in Ingenieurwissenschaften schuld?

Dass sich laut Pisa die Schüler in Mathe verbessert haben, schlägt sich jedenfalls nicht in dem „Eingangstest“ nieder, mit dem an der Beuth-Hochschule Studienanfänger Mathematikaufgaben auf dem Niveau bis zur 10. Klasse lösen. Zuletzt schafften es nur 13 Prozent, 40 Prozent der Gesamtpunktzahl zu erreichen. Im Jahr 2000 waren es immerhin noch 40 Prozent. Den Studieren fehle „die mathematische Lesekompetenz“, also die Fähigkeit, komplexe Gleichungen eigenständig zu lösen und Formeln anzuwenden, sagt die Matheprofessorin Schwenk. Die Folge: Sie fallen durch die Mathematikprüfungen – manche brechen ihr Studium ab.

Für hohe Abbrecherquoten gerügt würden dann die Ingenieurwissenschaften, klagt Bernd Schinke, Professor für Verfahrens- und Chemietechnik an der Hochschule Mannheim und Vorsitzender des Dachverbandes der Fachbereichstage der FHen, der den Brief mit unterzeichnet hat. Schuld seien aber nicht die Hochschulen, sondern der Mathematikunterricht – und die Studierenden. Gerade diejenigen, die es am nötigsten haben, würden die angebotenen Vorkurse in Mathematik häufig gar nicht besuchen.

Günter Ziegler, Mathematikprofessor an der FU und Mitglied im Präsidium der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, hat den Brief nicht unterschrieben. In der „aufgeheizten Debatte“ sei es nicht leicht, die Ursachen für bestehende Missstände zu ergründen, und „unideologisch und unaufgeregt“ über den Lehrstoff und Lehr- wie Prüfungsmethoden nachzudenken, sagt er. Es müsse zu einer guten Balance zwischen Wissen und Kompetenz gefunden werden. Wenn Studierenden Grundlagen fehlten, könne dies aber auch damit zu tun haben, dass es nicht genug Zeit in der Schule gebe, diese über die Jahre hinweg aufzubauen und sie immer wieder zu wiederholen.

Das Wasser in der Gurke: Hier finden Sie Beispielaufgaben, an denen Studienanfänger häufig schon scheitern.

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