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Bundesweiter Schulvergleich : Ostdeutsche besser in Mathe - Berlin auf dem vorletzten Platz

Ein neuer bundesweiter Schulvergleichstest ergibt diesmal kein Nord-Süd-Gefälle, sondern eines von West nach Ost. Berlin gehört im Fach Mathematik mit Bremen zu den Schlusslichtern, etwas besser sind die Berliner Ergebnisse in den Naturwissenschaften.

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Gut gerechnet. In Mathematik erfüllten immerhin 44 Prozent der Schüler die Anforderungen für den Mittleren Schulabschluss.
Gut gerechnet. In Mathematik erfüllten immerhin 44 Prozent der Schüler die Anforderungen für den Mittleren Schulabschluss.Foto: dpa

In Mathematik ist Sachsen absoluter Spitzenreiter mit 536 Punkten, gefolgt von Thüringen (521) und Brandenburg (518). Schlusslicht ist Bremen mit 471 Punkten. Berlin liegt mit 479 Punkten auf dem vorletzten Platz. Das ergab ein neuer bundesweiter Schulleistungsvergleich, der am Freitagmorgen von der Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin vorgestellt wurde.

Ein Unterschied von 25 bis 30 Punkten entspricht in etwa dem Lernfortschritt eines Schuljahres. Sächsische Schüler der 9. Klasse sind damit ihren Bremer Altersgenossen rund zwei Schuljahre voraus. Ähnlich große Leistungsunterschiede gibt es auch in der Physik. Zwischen Spitzenreiter Sachsen und dem Schlusslicht Nordrhein-Westfalen beträgt der Lernabstand ebenfalls rund zwei Jahre. Die Leistungen der Berliner Neuntklässler sind in den Naturwissenschaften etwas besser als in Mathematik, in der Länderrangliste liegt Berlin in Biologie auf Platz 12, in Chemie und Physik auf Platz 13.

44500 Schüler in mehr als 1300 Schulen getestet

Im Auftrag der Kultusminister der Länder hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Berliner Humboldt-Universität bundesweit 44500 Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen an mehr als 1300 Schulen getestet – über alle Schularten hinweg. Überprüft wurde, inwieweit die Jugendlichen die Bildungsstandards in Mathematik und in den Naturwissenschaften für den mittleren Schulabschluss (MSA) erfüllen. Die Bildungsstandards gelten für Lehrer als pädagogische Zielvorgabe. Damit wurden die alten, in den Bundesländern unterschiedlichen Lehrpläne an den Schulen abgelöst.

Überraschendes Ergebnis ist, dass ostdeutsche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften weitaus leistungsstärker als die meisten ihrer westdeutschen Altersgenossen. Im Westen erzielen nur Bayern und Rheinland-Pfalz Leistungswerte, die statistisch bedeutsam über dem Bundesdurchschnitt liegen - im Einzelfall auch Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Im Osten sind es alle Bundesländer.

"Erschreckende Leistungsunterschiede" im Ländervergleich

KMK-Präsident Stephan Dorgerloh (SPD), Kultusminister von Sachsen-Anhalt, betonte die positiven Ergebnisse des Schulvergleichs: Es sei erfreulich, dass „große Anteile der Schülerinnen und Schüler“ die beim Mittleren Schulabschluss erforderlichen Standards schon in der 9. Klasse, also ein Jahr zuvor erreichten. Das trifft in Mathematik immerhin für 44 Prozent aller Neuntklässler zu, in den Naturwissenschaften für 58 bis 75 Prozent. Die Länder müssten sich jetzt anstrengen, den Anteil der leistungsschwächeren Schüler zu reduzieren und den der Leistungsstärkeren zu erhöhen, erklärte Dorgerloh.

„Erschreckend“ nannte dagegen der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger die großen Leistungsunterschiede im Ländervergleich. Deutschland dürfe sich nicht damit abfinden, „weil damit auch unterschiedliche Zukunftschancen verbunden sind“.

Schulen nach dem Zufallsprinzip ausgesucht

Die teilnehmenden Schulen wurden nach dem Zufallsprinzip gezogen, ebenso die Klassen, die getestet wurden. Nicht teilgenommen haben lediglich Schüler an Förderschulen, die nicht den MSA anstreben. Rund dreieinhalb Stunden an einem Vormittag zwischen Mai und Juni 2012 brüteten die Neuntklässler dann über ihren Testheften. Die Aufgaben seien im Vergleich zu jenen im Unterricht „oft kürzer und schneller zu beantworten“, heißt es. Abgefragt wurde nicht Faktenwissen, es ging vielmehr um die Kompetenzen, die die Schüler bis zur 9. Klasse erworben haben. Drei Typen von Aufgaben kamen vor: Teils mussten die Schüler die richtige Antwort aus verschiedenen Alternativen aussuchen (Multiple Choice), teils kurze Antworten notieren und teils Texte frei formulieren, Lösungen zeichnen oder skizzieren.

In Mathematik sollten sie unter anderem zeigen, dass sie mathematisch argumentieren, Probleme mathematisch lösen und mathematische Darstellungen verwenden können. Die Bereiche, in denen die Neuntklässler getestet wurden, waren unterteilt in Zahl, Messen, Raum und Form, Funktionaler Zusammenhang sowie Daten und Zufall. So sollten die Jugendlichen berechnen, wie viel Mineralölsteuer der Staat beim Tanken einnimmt oder ein Dreieck an einer Geraden spiegeln und dann die richtigen Koordinaten ankreuzen.

In Biologie, Physik und Chemie gab es zwei Aufgabenbereiche, in denen die naturwissenschaftliche Grundbildung der Neuntklässler geprüft wurde: Fachwissen und Erkenntnisgewinnung. In einer der Bio-Aufgaben sollten die Schüler Vorgänge beim Entstehen der „Gänsehaut“ wie die Einwirkung kalter Luft und das Aufrichten der Haare zeitlich ordnen. Eine Physikaufgabe war dem elektrischen Widerstand gewidmet, in der Chemie ging es unter anderem um einen Test zur Wirksamkeit von Wasserfiltern.

Abhängigkeit von Herkunft und Schulerfolg überdeutlich

Die Studie belegt erneut die extrem hohe Abhängigkeit von Schulerfolg und sozialer Herkunft in Deutschland. Bundesweit erreichen laut den Ergebnissen Schüler aus sozial besser gestellten Familien in Mathematik im Durchschnitt 82 Punkte mehr als Jugendliche aus sozial schwächer gestellten Familien. „Dies entspricht einem Leistungsvorsprung von fast drei Schuljahren zugunsten der Schülerinnen und Schüler mit einem hohen Sozialstatus“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Auswertung. Erhebliche Leistungsunterschiede zeigen sich auch zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund.

Bei der Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten tun sich in den Naturwissenschaften besonders Rheinland-Pfalz (Physik) und Sachsen (Biologie) hervor, während die Abhängigkeit von Herkunft und Schulerfolg in diesen Fächern besonders in Hamburg überdeutlich wird. In Mathematik werden die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus Akademikerfamilien und bildungsferneren Schichten besonders in Brandenburg deutlich.

Eingeführt wurden die bundesweit einheitlichen Standards nach dem Pisa-Schock von 2001, als Reaktion auf die mittelmäßigen bis schwachen Leistungen der 15-jährigen Deutschen im internationalen Vergleich. Bislang gelten die Standards schon für die Grundschule und für die Sekundarstufe I. Ab dem Schuljahr 2014/15 sollen in allen Bundesländern auch einheitliche Bildungsstandards für das Abitur eingeführt werden. (mit dpa)

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