Chamissos "Peter Schlemihl" : Mit Siebenmeilenstiefeln um die Welt

Im „Peter Schlemihl“ setzte Adelbert von Chamisso seinem Idol Alexander von Humboldt ein Denkmal.

Matthias Glaubrecht
Mann ohne Schatten. Peter Schlehmil tritt ihn in Chamissos Erzählung an einen „grauen Herrn“ ab, der sich als Teufel entpuppt. Stahlstich-Illustration um 1900.
Mann ohne Schatten. Peter Schlehmil tritt ihn in Chamissos Erzählung an einen „grauen Herrn“ ab, der sich als Teufel entpuppt....Foto: picture-alliance / Judaica-Samml

Seine Fantasiefigur des Peter Schlemihl und dessen wundersame Geschichte gehört zum Kanon der deutschen Literatur. Sie machte den zum Berliner gewordenen Franzosen Adelbert von Chamisso berühmt und bis heute bekannt. Schlemihl, ein gelehriger Schüler des Botanikers Linné, verkauft dem Teufel leichtfertig seinen Schatten und muss dafür als Außenseiter geächtet büßen. Trost findet er schließlich darin, mit Siebenmeilenstiefeln auf der Suche nach Pflanzen die Welt zu umrunden. „Ich habe, so weit meine Stiefel gereicht, die Erde, ihre Gestaltung, ihre Höhen, ihre Temperatur, ihre Atmosphäre in ihrem Wechsel, die Erscheinungen ihrer magnetischen Kraft, das Leben auf ihr, besonders im Pflanzenreiche, gründlicher kennen gelernt, als vor mir irgend ein Mensch. Ich habe die Tatsachen mit möglichster Genauigkeit in klarer Ordnung aufgestellt in mehrern Werken, meine Folgerungen und Ansichten flüchtig in einigen Abhandlungen niedergelegt.“ Was Chamisso hier seinem Schlemihl in die Feder diktiert, trifft zum damaligen Zeitpunkt, vor 200 Jahren, als Beschreibung idealtypisch und einzig nur auf einen weltreisenden Naturforscher zu: auf Alexander von Humboldt.

Wie Chamissos Schlemihl hatte dieser während seiner Südamerika-Expedition 1799 bis 1804 geografische, geologische, geophysikalische, vor allem auch botanische Forschungen betrieben und darüber in seinen 1808 erschienenen „Ansichten der Natur“ berichtet. Nachweislich hat Chamisso den Nestor der deutschen Naturforschung nicht nur gelesen; vielmehr kannte er Humboldt, der ihm zum Vorbild wurde, auch persönlich. Anfang 1810 war Chamisso ihm während eines Aufenthalts in Paris im dortigen Kreis deutscher Literaten und Gelehrter vorgestellt worden. Humboldt habe in Paris mit seinen Berichten von „der Tropennatur, den Llanos, den Anden, der fremden Physiognomie einer uns unbekannten Schöpfung“ auf ihn nachhaltigen Eindruck gemacht, schreibt Chamisso in einem Brief vom Juni 1810.

Dank Alexander von Humboldt wurde Chamissos Blick erstmals auf entfernte Kontinente gelenkt und sein starkes Interesse an fremden Ländern, ihren Kulturen und ihren Naturerscheinungen geweckt. In einem weiteren Brief berichtet Chamisso, dass Humboldt an der Herausgabe seiner Werke und an neuen Reiseplänen arbeite, die diesen „nach dem Cap“ führen sollen, „wo er astronomische Beobachtungen und Gradmessungen vor hat, und von da nach Indien und Bengalen, wo er wohl lange bleiben möchte, bevor er nach dem Tibet und dem inneren Asien zu dringen versucht“. Bis ins Detail gleicht später die Reiseroute seines Peter Schlemihl diesen Reiseplänen Humboldts (die umzusetzen diesem nicht gelingt) und drängt sich dessen Leitbildrolle geradezu auf. Im Sommer 1812 schreibt Chamisso in einem Brief, wie er mit der Lektüre von Reiseberichten Lust daran empfinde, „Zeit und Raum in Gedanken zu durchschwärmen“. Während des Sommers 1813 bringt er diese gedankliche Reiselust im zehnten Kapitel von Schlemihls Geschichte zu Papier.

Wie sehr sich der Schriftsteller an seinem Vorbild Humboldt ausrichtet, machen jetzt gleich mehrere Aufsätze zu Chamisso als dichtendem Naturforscher oder naturforschendem Dichter deutlich. Diese und weitere neue Perspektiven auf Adelbert von Chamisso beleuchtet der kürzlich erschienene Sammelband „Korrespondenzen und Transformationen“, der von der Literaturwissenschaftlerin Marie-Theres Federhofer gemeinsam mit Jutta Weber herausgegeben wurde (V & R unipress, Göttingen). Weber ist Leiterin der Handschriftenabteilung an der Staatsbibliothek zu Berlin und damit zugleich Nachlass-Verwalterin von Chamissos Autografen. Dessen in 35 Archivkästen schlummernder literarischer Schatz wird derzeit in einem von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projekt erstmals inventarisiert und digitalisiert, um über die Online-Datenbank Kalliope zugänglich gemacht zu werden.

Unter den Briefen, Notizbüchern und anderen Schriften findet sich dort auch die Ur-Schrift der fantastischen Novelle „Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte“. Die Erzählung um den faustischen Handel des Mannes ohne Schatten war einst in Kunersdorf bei Wriezen im Oderbruch östlich von Berlin entstanden. Um während der Befreiungskriege gegen Napoleon nicht zwischen die Fronten zu geraten, verbrachte der geborene Franzose und Wahlpreuße Chamisso den Sommer 1813 auf Anraten wohlmeinender Freunde auf dem Gut des Grafen Peter Alexander von Itzenplitz.

Dessen rührige, an Botanik und Landwirtschaft interessierte Gattin Henriette Charlotte, die sich Frau von Friedland nannte, hatte Schloss Kunersdorf zu einem märkischen Musenhof gemacht, der von Fortschrittsträgern aus Kunst, Wissenschaft und Politik besucht wurde. Unter den Gästen waren neben Geistesgrößen wie den Brüdern Humboldt, den Berliner Bildhauern Schadow, Rauch und Tieck oder dem Verleger Friedrich Nicolai etwa auch der Begründer der Landwirtschaftslehre Albrecht Daniel Thaer und der Geologe Leopold von Buch.

Offenkundig gefiel es Chamisso in Kunersdorf. „Es ward mir so wohl, als mir immer nur sein konnte“, schrieb er einem Freund. Er katalogisierte die Pflanzen des Schlossgartens und die Wildpflanzen der Friedländischen Güter im Oderbruch.

Zugleich aber entwickelte Chamisso auch jene Geschichte vom Peter Schlemihl, in der sich seine eigene Lebenskrise widerspiegelt. Denn isoliert von der Gesellschaft müssen beide das tatenlose Leben eines Eremiten führen. Mit der Figur des Schlemihl als gleichsam märchenhafter Humboldt beschreibt Chamisso zudem sein Wunschbild eines reisenden Naturforschers, der er zu diesem Zeitpunkt gern werden will. Einen Botaniker, der von seinen Wanderungen über weite Kontinente und Meere überreiche Sammelausbeute nie gesehener Pflanzenspezies einbringt, wie es im „Schlemihl“ heißt.

Ein Jahr nachdem der „Schlemihl“ erstmals erscheint, befindet sich Chamisso selbst auf Weltreise, an Bord der russischen Brigg „Rurik“, die von August 1815 bis Oktober 1818 im Pazifik die Nordostpassage suchen soll. Die „Rurik“ wird für Chamisso gleichsam zu Siebenmeilenstiefeln, die Expedition zur Wunscherfüllung eines wie sein Vorbild Humboldt vielseitig begabten Ausnahmetalents und zum „Hauptstück meiner Lebensgeschichte“, wie er später in seiner Reiseerinnerung schreibt.

Am morgigen Dienstag um 19 Uhr erinnert am Berliner Museum für Naturkunde eine Lesung aus Adelbert von Chamissos „Reise um die Welt“ an den Naturforscher und Autor des „Peter Schlehmil“. Eintritt 3,50 Euro. Anmeldung unter 2093 8550 oder bei besucherservice@mfn-berlin.de

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