Debatte um Promotionen : Doktors Würde

Strenger prüfen? Die Titel einfach abschaffen? Nach dem Fall Guttenberg diskutieren die Universitäten, wie sie die Qualität von Promotionen sichern können.

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In den Geisteswissenschaften seien 85 Prozent der Arbeiten „wirklich gut“, sagt der Historiker Ulrich Herbert.
In den Geisteswissenschaften seien 85 Prozent der Arbeiten „wirklich gut“, sagt der Historiker Ulrich Herbert.Foto: picture-alliance / Unkel

„Vielleicht können wir Guttenberg sogar dankbar sein“, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität. Der Skandal habe die Wissenschaft zwar schwer beschädigt. Dennoch werde jetzt überall an den Universitäten darüber diskutiert, wie sich Betrug verhindern lasse. Dabei wird auch wieder über die Qualität von Doktorarbeiten gestritten, die ohne Betrug entstanden sind. Viele Vorschläge liegen auf dem Tisch.

Die Titel einfach abschaffen

Die Potsdamer Juristin Sibylle Tönnies hat den Doktortitel unlängst im Tagesspiegel als „Puschel auf dem Helm“ verspottet, mit dem sich seine Träger zu Unrecht über andere Menschen erheben wollten. Dabei hätten nicht einmal die Doktorväter und -mütter Lust, die langweiligen Dissertationen zu lesen.

Weg mit dem Puschel also? Gibt es keine schönen Doktortitel mehr, hätte auch niemand mehr das Bedürfnis, sich wissenschaftliche Meriten zu erschleichen. Die Titelmühlen in Osteuropa hätten für ihre käuflichen Dr.-Urkunden keine Kundschaft mehr, Plagiate wären sinnlos, Ghostwriter arbeitslos und die Fakultäten würden von uninspirierten „Türschildpromotionen“ entlastet.

Ohne Titel zu mehr Qualität? Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Psychologie-Professorin, glaubt dass die Abschaffung des Doktors aus einem anderen Grund gefordert wird: „Dieser Wunsch bedient das Bedürfnis nach Egalität.“ Dem Streben nach Gleichheit wollen die Universitäten ihre Titel aber nicht opfern: „Die Idee kompletter Gleichheit deprimiert“, sagt Olbertz. Im Übrigen sei der Titel auch gar nicht als „Ornament für soziale Geltung“ gedacht, sondern ein „Qualitätsnachweis“, der dem Eigentümer besondere „Reflexivität“ bescheinige. Georg Nolte, Völkerrechtler an der Humboldt-Universität, sieht die Promotion als „gesellschaftliche Schule“: Dabei würden Perspektiven und Methoden eingeübt, die die Gesprächskultur und die Problemlösungskompetenz in einer Gesellschaft verbesserten.

Vor allem aber sind „die wesentlichen Fortschritte in zahlreichen Wissenschaftsbereichen auf Doktorarbeiten zurückzuführen“, sagt der Historiker Ulrich Herbert, langjähriges Mitglied des Wissenschaftsrats. In der Geschichtswissenschaft wären die Kenntnisse etwa zur Nachkriegszeit oder zum NS-Regime ohne Doktorarbeiten „heute noch auf dem Stand der 70er Jahre“. Schätzungsweise 85 Prozent der geisteswissenschaftlichen Dissertationen seien „wirklich gut und den Doktorgrad wert“, sagt Herbert.

Das Inflationsproblem verhindern

Ein qualitätsgefährdendes „Inflationsproblem“ sieht Stefan Hornbostel, Leiter des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) in Bonn, jedoch in mehreren Fächern: in Medizin, in mehreren Naturwissenschaften, in Jura oder auch in BWL. Tatsächlich stellen die Mediziner mit großem Abstand die meisten der gut 25 000 Promovierten des Jahrgangs 2009 (siehe Grafik). Anhand der Zahlen des Statistischen Bundesamtes kann man davon ausgehen, dass etwa 75 Prozent der Medizin-Studierenden einen Doktor machen – eine im Vergleich zu den Geisteswissenschaften unfassbar hohe Quote. Dort schreiben nicht einmal fünf Prozent der Studierenden eine Dissertation. Zu den Top Fünf der Fächer mit den meisten Promotionen gehören auch Biologie, Chemie und Physik sowie Jura, das Fach Guttenbergs, wo die Quote der Promovenden bei 15 Prozent liegt.

Besonders in der Kritik stehen die vielen Dissertationen in der Medizin. Die Öffentlichkeit mag das überraschen, trägt in ihren Augen doch niemand den Doktortitel so zu Recht wie Ärzte. Doch die Spitzenorganisationen der Wissenschaft haben die Promotionspraxis des Fachs wiederholt angegriffen. So rügte der Wissenschaftsrat 2004 das „akademische Gewohnheitsrecht“ der Mediziner, „demzufolge die Verleihung des Doktorgrades weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen erfolgt“. „Der Titel wird in der Medizin für Arbeiten vergeben, die in anderen Fächern gerade mal als Semesterarbeiten durchgehen“, sagt Stefan Hornbostel vom IFQ.

„Nicht promoviert zu haben, wird unter den Kollegen als Defizit gesehen. Die Promotion gehört zum Berufsbild dazu“, sagt Jörg-Wilhelm Oestmann, der Vorsitzende der Promotionskommission der Charité. Wohl deshalb lehnte der Medizinische Fakultätentag wiederholt den Vorschlag ab, den Dr. med. nur an forschungsorientierte Mediziner zu vergeben, während der große Rest einen „Medical Doctor“ (MD) als akademischen Grad erhalten soll. HRK-Präsidentin Wintermantel geht jedoch davon aus, dass diese Fächer zunehmend selbst ein „hohes Interesse“ haben werden, sich den Standards der anderen Fächern anzupassen, um ihre Reputation nicht zu gefährden.

Einfach weniger promovieren – das dürfte die Unis allerdings Überwindung kosten. Denn je mehr Promotionen pro Professor eine Uni vorweisen kann, desto höher steigt sie in den Rankings auf und desto mehr Geld bekommt sie über die leistungsbezogene Mittelverteilung ihres Landes.

Strengere Promotionsordnungen

Die Charité will das Qualitätsproblem der Dissertationen mit einer neuen Promotionsordnung angehen. Künftig soll eine „Publikationspromotion“ zum Regelfall werden. Die Doktoranden müssen es schaffen, ihre Ergebnisse in einem angesehenen Fachmagazin zu veröffentlichen, was mit der Begutachtung durch von dem Magazin gestellte Experten verbunden ist. „Das ist ein wissenschaftlicher Ritterschlag“, sagt Oestmann. Großen Wert legt er darauf, dass die Charité bereits jetzt anders als die meisten Uniklinika auch immer einen externen Gutachter bestimmt. In der Promotionskomission, die die Doktorprüfung abnimmt, darf der Betreuer zudem nicht mit benoten, was ebenfalls ungewöhnlich ist. Das würde Mauscheleien vorbeugen, sagt Oestmann.

Schon lange vor der Affäre Guttenberg haben auch die Geisteswissenschaften Regeln für Promotionen aufgestellt, denen die einzelnen Fakultäten folgen sollen. Doch sie sind erstaunlich weich. So verbietet es die Resolution des Philosophischen Fakultätentages vom November 2009 keineswegs, sich Hilfe bei einer kommerziellen Promotionsberatung zu holen. Coaching bei der Doktorarbeit sei zunehmend gefragt, erklärt der Vorsitzende des Fakultätentages Gerhard Wolf, Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth. Man könne es Promovierenden nicht verbieten, sich etwa bei Schreibblockaden helfen zu lassen.

Aber die „scharfe Grenze“ müsse klar sein: Kein Satz der Dissertation dürfe von jemand anderem verfasst sein, ohne dass dies gekennzeichnet ist. Die Resolution verlange darum, dass dies die Doktoranden mit einer eidesstattlichen Erklärung versichern. Fliegen sie später mit Betrug auf, drohen Strafen. Die juristische Fakultät in Bayreuth, die Guttenberg promovierte, verlangt von ihren Doktoranden nur eine „ehrenwörtliche Erklärung“. An vielen Fakultäten ist das nicht anders.

Wolf will sich jetzt dafür einsetzen, dass aus Promotionsordnungen Bestimmungen gestrichen werden, die den Fakultäten den „Nachweis der bewussten Täuschung“ auferlegen. Werden nicht gekennzeichnete Zitate gefunden, müsse das als Grund reichen, das Promotionsverfahren zu beenden oder den Titel abzuerkennen. Ansonsten könnten sich Plagiatoren darauf berufen, fremde Passagen unwissentlich verwendet zu haben.

Promotionen nur in Graduiertenschulen

„Schummeln so gut wie ausgeschlossen“ triumphierte die Freie Universität während des Guttenberg-Skandals in einer Pressemitteilung. In ihren 19 strukturierten Promotionsprogrammen, die in der „Dahlem Research School“ zusammengefasst sind, würden Doktoranden von zwei bis drei Wissenschaftlern so intensiv betreut, dass „Feierabendpromotionen“ von Berufstätigen oder gar Täuschungen keine Chance hätten.

Die FU erwähnt nicht, dass die große Masse ihrer Doktoranden noch gar nicht in einem strukturierten Programm forscht. Das wäre allerdings auch gar nicht wünschenswert, meint der Historiker Ulrich Herbert. Eine enge Betreuung sei an den meisten geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten ohnehin der Fall. Ein Nachteil der Graduiertenkollegs sei es jedoch, dass dort oft zahlreiche Nachwuchswissenschaftler über ein enges Themenfeld arbeiteten, was der Originalität zuweilen abträglich sei und die beruflichen Chancen der Einzelnen verschlechtere. „Denn häufig sucht sich ein Studierender sein Promotionsthema aus Interesse ganz allein und identifiziert mit seinem Betreuer eine Forschungslücke, die dann bearbeitet wird.“ Außerdem stehe das verschulte „Promotionsstudium“ gerade in Widerspruch zur angestrebten wissenschaftlichen Selbstständigkeit. Insofern sei für innovative und originelle Arbeiten die klassische Einzelbetreuung oft der bessere Weg.

Wissenschaftliches Arbeiten üben

Hat Guttenberg im Jurastudium vielleicht gar nicht gelernt, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt? Ein Unrechtsbewusstsein werde er schon gehabt haben, sagt Andreas Fijal, Prodekan für Lehre am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität. Aber er gibt zu: „Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Recht ist tatsächlich im Jurastudium nicht hinreichend verankert.“ Bei einer Reform des Jurastudiums müsse jedenfalls ein Pflichtseminar zum wissenschaftlichen Arbeiten eingeführt werden.

Immer die Plagiatssoftware anwenden

Die private Bucerius Law School in Hamburg hat in ihr Promotionsverfahren eine obligatorische Hürde gegen das Abschreiben eingebaut: Jeder Doktorand muss vor der Begutachtung durch den Betreuer eine elektronische Version der Doktorarbeit einreichen. Erst wenn diese anstandslos durch eine Plagiatssoftware gelaufen ist, geht das Verfahren weiter. Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist es üblich, juristische Arbeiten per Software zu durchleuchten. Anders in Berlin. Dies sei wegen des engen Betreuungsverhältnisses zwischen Promovend und Doktormutter oder -vater der Juristen an der FU nicht nötig, sagt Prodekan Andreas Fijal. Unstimmigkeiten würden schon in eingereichten Entwürfen der Arbeit auffallen. Das hatte man an der Universität Bayreuth allerdings auch lange geglaubt.

Fazit

Die Universitäten sind zwar problembewusst. Eine konzertierte Aktion zur Sicherung der Qualität von Dissertationen ist aber zumal in Fächern mit traditionell inflationärer Promotionspraxis nicht in Sicht.

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