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Denksport : Marathon für die Merkfähigkeit

07.03.2013 00:00 Uhrvon
Geistig rege mit Computer. Trainingsprogramme können den Intellekt stimulieren, fanden deutsche Forscher heraus. Foto: picture alliance / Frank MayBild vergrößern
Geistig rege mit Computer. Trainingsprogramme können den Intellekt stimulieren, fanden deutsche Forscher heraus. - Foto: picture alliance / Frank May

Kann man mit „Gehirnjogging“ die geistige Fitness verbessern? Einige Studien deuten darauf hin, doch es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Programmen.

Wer regelmäßig joggt, wird auch mühelos Fahrrad fahren und nicht so schnell außer Atem kommen, wenn es darum geht, einen Gipfel zu erklimmen. Training verbessert die Kondition. Lässt sich auch die Ausdauer des Gehirns durch stetes Üben so verbessern, dass geistige Höhenflüge häufiger und peinliche Aussetzer des Gedächtnisses seltener werden? Der Begriff „Gehirnjogging“ suggeriert das. Bildungseinrichtungen, Bücher und Videospiele, vor allem aber Internetanbieter versprechen, mit ihren Angeboten die geistige (kognitive) Fitness zu steigern. Und das nicht ohne Grund. Schließlich befürchten viele Menschen, mit zunehmendem Alter vergesslich oder dement zu werden.

Die Schweizer Susanne Jaeggi und Martin Buschkuehl, die heute an der Universität Michigan forschen, stellen sich die Frage nach dem Nutzen des kognitiven Trainings seit Jahren. Zuletzt hat ein Experiment mit Schülern Aufsehen erregt. Nach dem Zufallsprinzip wurde die Hälfte der 76 jungen Teilnehmer der Versuchsgruppe zugeteilt, die am Bildschirm n-back-Tests ausführen musste. Sie sollten immer dann eine Taste drücken, wenn eines der präsentierten Bilder oder Symbole am selben Platz auftauchte wie eine definierte Anzahl von Malen zuvor. Eine Kontrollgruppe wurde mit Wissens- und Wortschatzaufgaben beschäftigt.

Das Training war anspruchsvoll. Immerhin mussten die Schüler einen Monat lang fünfmal in der Woche antreten und sich jeweils eine Viertelstunde darauf konzentrieren. Die Wissenschaftler hatten allerdings dafür gesorgt, die Aufgaben in motivierende Geschichten über Ritterburgen oder Piraten einzubauen („Knacke den Geheimcode, bevor die Seeräuber das tun können“). Vor der Testreihe, direkt danach und einen Monat später wurde geschaut, was sich bei den Heranwachsenden getan hatte. In der Versuchsgruppe hatte sich, wie zu erwarten, die von den Kindern trainierte Fähigkeit gebessert. Profitiert hatte derjenige Teil ihres Arbeitsgedächtnisses, in dem die begrenzte Anzahl von Informationen gespeichert ist, die sie für die umschriebene Aufgabe brauchten.

Was die Forscher aber vor allem interessierte, war die Frage, ob den Heranwachsenden dieser Zugewinn auch anderweitig zugute kam. Ergebnis: Die Kinder, deren Gedächtnis sich in dem getesteten Bereich besonders stark verbessert hatte, schnitten auch in Tests der fluiden („flüssigen“) Intelligenz gut ab. Die „flüssige“ Form der Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit, abstrakt zu denken und Probleme weitgehend unabhängig von angesammeltem Faktenwissen zu lösen. Ihr Pendant, die „kristalline“ Intelligenz, ist eher der feste Bestand dessen, was sich an Wissen und Bildung aufgehäuft hat.

Dass sich an der kristallinen Form der Intelligenz etwas drehen lässt, dass sie sogar mit dem Alter zunimmt, wenn Menschen geistig rege bleiben, ist inzwischen erwiesen. Ob aber kognitives Fitnesstraining helfen kann, ganz allgemein beim raschen und flexiblen Problemlösen besser zu werden, wird kontrovers diskutiert, vor allem im Hinblick auf Erwachsene.

Zwar gibt es auf dem Markt längst ausgefuchstere Angebote als das Videospiel der Firma Nintendo, das auf einer Entwicklung des Japaners Ryuta Kawashima basiert. Doch zeigte eine Online-Studie, für die sich der britische Nachrichtensender BBC mit Wissenschaftlern der Universität Cambridge zusammentat: Training macht Erwachsene allenfalls in den trainierten Übungen selbst besser. 11 500 Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren hatten für die Studie auf der Website des Senders sechs Wochen lang regelmäßig Spiele gemacht, mit denen sie ihr logisches Denken, ihr Gedächtnis, ihre Fähigkeit zur Konzentration und zum räumlichen Sehen optimieren sollten. „Softwarebasierte Trainingsprogramme und Denkspiele verbessern die Fertigkeiten, die sie trainieren. Hingegen zeigen nur sehr wenige dieser Programme eine positive Wirkung im Sinne eines Transfers auf allgemeine geistige Fähigkeiten oder Leistungen in Alltagssituationen“, heißt es deshalb in einem Memorandum, das die Akademiengruppe Altern in Deutschland im Jahr 2010 verfasste.

Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen befand 2009, es gebe „wissenschaftlich gesehen keinen gesundheitlichen Grund, in Denksportaufgaben zu investieren“. Das Institut stützte sich dabei vor allem auf die Active-Studie aus den USA, für die 2800 Teilnehmer, in verschiedene Gruppen geteilt, fünf Wochen lang insgesamt zehn Trainingseinheiten von jeweils ein- bis eineinhalb Stunden absolvierten. Die Teilnehmer profitierten zwar, aber nur auf den Feldern, auf denen sie gezielt geübt hatten.

Umso größer die Überraschung, als im Juli 2010 die Ergebnisse einer Studie mit dem schönen Namen „Cogito“ veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler haben dafür 101 jüngere Erwachsene zwischen 20 und 31 Jahren und 103 Ältere zwischen 65 und 80 Jahren zwei- bis dreimal die Woche jeweils ungefähr eine Stunde ihr episodisches Gedächtnis, ihr Arbeitsgedächtnis und ihre Wahrnehmungsgeschwindigkeit trainieren lassen. Und siehe da: Die Teilnehmer leisteten danach auch bei Aufgabenstellungen mehr, die in den Tests nicht vorkamen. Die Jüngeren profitierten allerdings deutlicher vom Training als die Senioren.

„Auch für uns war das eine Überraschung, waren wir doch der Wirksamkeit kognitiver Trainings gegenüber grundsätzlich skeptisch“, sagt Florian Schmiedek vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main, einer der Autoren der Studie. Den Transfereffekt führt er auf die hohe Anzahl von 100 Trainingseinheiten zurück. Entscheidend sei aber auch, dass die Teilnehmer, ob jung oder alt, Aufgaben bekamen, deren Schwierigkeit hart an ihrem Leistungslimit lag.

„Wir vermuten, dass wirksame Programme vielseitig, abwechslungsreich und fordernd sein müssen“, sagt Schmiedek. Als Beweis dafür, dass „Gehirnjogging“ ohne Wenn und Aber zu empfehlen ist, will er die Cogito-Studie nicht verstanden sehen. „Ehe man solche Programme vollmundig bewirbt, müsste man eigentlich für jedes von ihnen Studien machen, wie das bei Medikamenten vorgeschrieben ist.“ Einstweilen würde er ein solches Training nur Leuten empfehlen, die ohnehin gern am Computer Zeit verbringen. „Unser Programm war ja eher ein Hirnmarathon als das sonst oft propagierte Hirnjogging."

Es empfiehlt sich, darüber das klassische Joggen nicht zu vergessen. Inzwischen mehren sich die Hinweise darauf, dass Sport Veränderungen im Gehirn bewirken kann und das Arbeitsgedächtnis verbessert, und das auch bei weniger ausdauernden Läufern. Der Kopf joggt mit.

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