Der Fall Schavan : Theorien aus dem Zettelkasten

21.01.2013 16:47 Uhrvon
Das Muster erkennen. Die wilden Designs ihrer Blazer zeugen von Schavans Humor. Doch die Plagiatsaffäre setzt ihr sichtlich zu. Foto: dpa
Das Muster erkennen. Die wilden Designs ihrer Blazer zeugen von Schavans Humor. Doch die Plagiatsaffäre setzt ihr sichtlich zu. - Foto: dpa

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gilt gerne als Gelehrte. Der Verlust ihres Doktortitels und damit auch ihrer Professur ehrenhalber würde sie tief treffen.

Hat Annette Schavan in ihrer Doktorarbeit so umfassend plagiiert, dass ihr der Titel aberkannt werden muss? Mit dieser Frage soll sich am morgigen Dienstag der Fakultätsrat der Universität Düsseldorf befassen. Käme das Gremium zu dem Schluss: „Ja, sie hat“ – das Publikum könnte es kaum glauben. Ausgerechnet Schavan soll im großen Stil Zitate geklaut haben? Das wäre peinlicher, als man es sich vorstellen kann. Ausgerechnet die Bundesbildungs- und Wissenschaftsministerin. Ausgerechnet sie, die ihre Dissertation zum Thema „Person und Gewissen“ schrieb. Und ausgerechnet sie, die sich für den Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg öffentlich schämte.

Doch die Blamage scheint nicht mehr unmöglich. Dass Schavan absichtlich getäuscht hat, sagt die Promotionskommission nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ zwar nicht, anders als zuerst ihr Vorsitzender, der Judaistik-Professor Stefan Rohrbacher, bevor Schavans Stellungnahme vorlag. Doch zumindest habe Schavan es billigend in Kauf genommen, gegen die Regeln zu verstoßen, also mit „bedingtem Vorsatz“ gehandelt. Das Gremium hat der Fakultät trotzdem einstimmig empfohlen, den Titel zu entziehen.

Alles begann vor mehr als 30 Jahren. Annette Schavan, Anfang 20, Studentin der Philosophie, der Theologie und der Erziehungswissenschaft, schreibt als Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung an ihrer Dissertation. Ihr Doktorvater lässt sie ein bedeutsames und anspruchsvolles Thema bearbeiten. Mit dem Gewissen haben sich Geistesgrößen verschiedenster Disziplinen beschäftigt, Freud, Heidegger oder Niklas Luhmann. An ihnen muss Schavan sich nun abarbeiten. Die Aufgabe ist umso größer, als dass sie ihr Studium noch nicht mit einer Magisterarbeit beendet hat, mit der sie hätte Erfahrung sammeln können. Schavan will ihr Studium direkt mit der Promotion abschließen, sie muss also aus dem Stand hoch springen. Ein Foto aus dieser Phase zeigt sie mit großer runder Brille. Sie lächelt zuversichtlich in die Kamera.

Die meisten Geisteswissenschaftler schreiben ihre Dissertation nicht nur um des Titels willen, sondern auch aus Lust an der Erkenntnis. So muss es auch bei Schavan gewesen sein. Selbst wenn sich ihre Dissertation in einer Darstellung von Gewissenstheorien und einigen daraus abgeleiteten Thesen für die praktische Pädagogik erschöpft: Bis heute schwärmt Schavan von dem geistigen Gewinn.

Schavans Laufbahn kreist sicher nicht zufällig um Bildung und Wissenschaft. Frisch promoviert startet sie als wissenschaftliche Referentin im Cusanuswerk, der bischöflichen Studienförderung, dessen Geschäftsführerin und Leiterin sie schließlich wird. Zehn Jahre ist sie dann Bildungsministerin in Baden-Württemberg, danach wird sie Bundesministerin für Bildung und Forschung. Ihr politisches Lieblingsthema: die Förderung begabter Studierender und Doktoranden. „Ich wünsche mir mehr Bildungsbürger“, hat sie erklärt.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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