Deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus : Arbeit, Beute und Hochgefühl

Historiker diskutieren, warum sich die deutsche Gesellschaft so schwer aus der Komplizenschaft mit den Nazis löste. Eine Erklärung: Etliche profitierten von den Beutezügen im In- und Ausland.

Jonas Krumbein
Ein Mann in Uniform öffnet die Tür eines Luftschutzbunkers.
Erzwungenes Wohlverhalten? Die Nationalsozialisten kontrollierten auch den Zugang zu den Luftschutzbunkern.Foto: picture alliance / ZB

„Nichts wurde ausgelassen – außer den Menschen, die damals gelebt haben“, urteilte Fritz Stern, US-Historiker deutsch- jüdischer Herkunft, 1983 über die Forschung zum Nationalsozialismus. Tatsächlich tauchten Täter, Mitläufer und Opfer in den Darstellungen der Historiker bis in die frühen 80er Jahre kaum auf – auch nicht in seinen eigenen Arbeiten, bestätigt der Freiburger Historiker Ulrich Herbert. Lieber habe man „nach identifikationsfähigen Objekten im Nationalsozialismus gesucht“, sagte Herbert jetzt bei einer Tagung des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung über „Die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus“.

Für linke Historiker waren das die Arbeiter. „Ruhrarbeiter gegen den Faschismus“, eine Studie seines Essener Kollegen Detlef Peukert nennt Herbert als Beispiel. Großen Widerstand hätten die Arbeiter allerdings nicht geleistet. Nicolaus Wachsmann wundert dies nicht. Das geringe Ausmaß an Widerstand unter Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten erklärt der Historiker vom Birbeck College der Universität London mit dem nationalsozialistischen Terror. Die Gräueltaten in den Konzentrationslagern seien unter Arbeitern bekannt gewesen: „Jeder kannte jemanden, der im Konzentrationslager war“, sagt Wachsmann. „Die Leute wurden nach Dachau verschleppt, gefoltert und oft nach sechs Wochen wieder freigelassen.“ Sogar die Parteizeitung der Nationalsozialisten habe über das Lager berichtet. Die Botschaft sei angekommen: „Widerstand wird grausam bestraft.“

Was deutsche Arbeiter wussten, war auch den Bewohnern der besetzten Gebiete bekannt, berichtet Tatjana Tönsmeyer, die zur Zeit am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen forscht. Sie schildert, wie die Grausamkeiten gegen Juden die Erfahrungswelt polnischer Kinder erreichten: „Sie spielten ermordete Juden. Ein Kind legte sich auf eine Trage und stellte sich tot. Zwei Kinder kippten den Körper in eine Grube.“ Was Spiel war, konnte schnell Ernst werden: Im Kampf gegen Partisanen erschossen Wehrmachtssoldaten und SS selbst Kinder. Ab zwölf Jahren drohte die Deportation ins Reich, zur Zwangsarbeit.

"Wer jemanden denunzierte, wurde belohnt"

„Hitlers Regime zerstörte die Moral“, meint der Göttinger Historiker Bernd Weisbrod, sein Konstanzer Kollege Sven Reichardt ergänzt: „Wer jemanden denunzierte, machte eine politische Aussage – und wurde belohnt.“ Zu gewinnen gab es einiges: Arbeitsplätze, Geld und Gegenstände aus „arisiertem“ Besitz deutscher Juden, aus Beutezügen im Ausland. Als angloamerikanische Bombenangriffe tausende Tote forderten, wurde Wohlverhalten überlebenswichtig. Denn die Nationalsozialisten kontrollierten den Zugang zu Luftschutzbunkern und Lebensmittelkarten, erklärt der Oldenburger Professor Malte Thießen. Indem jeder seine Interessen verfolgte, stabilisierten die Deutschen das Dritte Reich.

Der Nationalismus stabilisierte die NS-Herrschaft

Wie war das möglich? Warum kontrollierten die Nationalsozialisten noch den Zugang zu Lebensmittelkarten und Luftschutzbunkern, als alliierte Bomber Kommunikations- und Verkehrswege vielerorts zerstört hatten, als die deutsche Gesellschaft in lokale Kriegsgesellschaften zerfallen war, wie Thießen es nennt?

Die Stabilität des Nationalsozialismus erklären der britische Historiker Richard Bessel von der Universität York und sein deutscher Kollege Dieter Pohl von der Universität Klagenfurt mit dem deutschen Nationalismus. „Es lebe das ewige Deutschland!“, habe selbst Stauffenberg noch gerufen, als er nach seinem gescheiterten Attentat auf Hitler hingerichtet wurde.

Immerhin: Der Wehrmachtsoffizier Stauffenberg hatte sich aus der Komplizenschaft mit den Nationalsozialisten gelöst, in der viele andere Deutsche gefangen blieben, wie die Erfurter Historikerin Christiane Kuller betont. Teilhabe am Hochgefühl früher militärischer Siege, an Beutezügen im In- und Ausland erzeugten demnach Identifikation mit dem Regime und Angst vor Vergeltung der Opfer.

"Zeitgeschichte tut niemandem mehr weh"

An die Stelle der von Fritz Stern kritisierten Blindheit der Forschung für die Erfahrungen der Zeitgenossen ist mittlerweile eine große Aufmerksamkeit für Alltags-, Erfahrungs- und Gewaltgeschichte getreten. Doch in der vom Jenaer Historiker Norbert Frei gelobten „Geschäftsmäßigkeit“ der neueren Forschung zum Nationalsozialismus vermisste mancher Konferenzteilnehmer gleichwohl die geschichtspolitische Kontroverse: „Zeitgeschichte tut niemandem mehr weh, und das ist ein beunruhigender Zustand“, findet Freis Augsburger Kollege Dietmar Süß.

Schwer sei es, „in der NS-Forschung noch originelle Gedanken zu formulieren“, konzediert Frei. „Wenn wir über den Nationalsozialismus sprechen, sprechen wir nicht mehr über uns selbst.“ Die Ära der Zeitgenossen geht zu Ende und damit stehen die Zeithistoriker vor einer neuen Herausforderung, vor allem für die Vermittlung von Geschichte. „Schülern muss man heute erklären, was früher bekannt war“, sagt Frei.

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