Digitale Revolution : Big Data - eine große Chance für die Medizin

Bessere Therapien für besser informierte Patienten: Warum das elektronische Zeitalter ein Grund zum Optimismus in der Heilkunde ist.

Axel Ekkernkamp
Neues Bild vom Menschen. Blick in das Notfallzentrum des Universitätsklinikums Jena, in dem auch Computertomografien möglich sind.
Neues Bild vom Menschen. Blick in das Notfallzentrum des Universitätsklinikums Jena, in dem auch Computertomografien möglich sind.Foto: picture alliance / dpa

Im 20. Jahrhundert standen im Mittelpunkt des Gesundheitswesens der Verkauf von Arzneimitteln und die Entwicklung von Technologien. Das 21. Jahrhundert sollte das Jahrhundert der Ärzte und Patienten werden. Wir werden die Gesundheitskompetenz von Ärzten und Patienten mithilfe der Digitalisierung fördern und eine bessere medizinische Versorgung bei einer höheren Kosteneffizienz erreichen. Wo der Fokus bislang auf Forschung, Technik und ökonomischen Ressourcen lag und primär nutzenorientiert war, wird es in Zukunft stärker um die Bedürfnisse der Nutzer gehen. Der erste (traditionell öffentliche) und zweite (privat finanzierte) Gesundheitsmarkt wird ergänzt und erweitert durch einen dritten, gemeinnützigen und kooperativen Gesundheitsmarkt. Unsere Gesundheit wird durch die Digitalisierung neu vermessen. Der digitale Wandel ist ebenso tiefgreifend wie die Erfindung der Röntgenstrahlen oder die Entdeckung der Antibiotika. Um die Chancen zu nutzen, brauchen wir eine Kultur des Wandels und der Chancen.

Wir leben in einer Gesundheitsgesellschaft. Gesundheit bekommt eine neue Bedeutung. Sie wird von einem Zustand zu einem aktiven Lebensgefühl. Ziel ist nicht mehr allein die Abwesenheit von Krankheit. Es geht um aktive Selbstbefähigung und um körperliche und mentale Fitness. Zu den beiden Megatrends, denen sich die Gesundheitsversorgung in den kommenden Jahren stellen muss, gehören der demografische Wandel und die Digitalisierung.

Ein immer längeres Leben kann Wirklichkeit werden

Die Alterung bedeutet im Kern eine Gesellschaft des langen Lebens. Was heute Utopie ist, ist morgen Vision und übermorgen Wirklichkeit. So arbeitet der technische Leiter der Entwicklungsabteilung von Google, Ray Kurzweil, an Modellen der Lebensverlängerung. Seine Vision ist die Unsterblichkeit, die aus der Verschmelzung von biologischer und technischer Intelligenz besteht. Das mag ferne Zukunftsmusik sein. Sicher ist: Wir werden unsere Gesundheit in Zukunft über eine immer länger werdende Lebensspanne erhalten. Dabei geht es nicht mehr um einen Kampf gegen das Altern (Anti-Aging), sondern um die aktive Gestaltung des Lebens (Pro-Aging).

Mut zum digitalen Wandel. Der Autor Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp leitet das Unfallkrankenhaus in Berlin-Marzahn.
Mut zum digitalen Wandel. Der Autor Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp leitet das Unfallkrankenhaus in Berlin-Marzahn.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Neue Technologien in der Medizin bieten Chancen für eine bessere und effizientere Versorgung. Ziel ist vor allem der Erhalt der Selbstständigkeit älterer Menschen. Medizin und IT wachsen dabei immer stärker zusammen. Erkennbare Entwicklungen sind eHealth, Telemedizin und Telemonitoring. Mikroroboter werden in die Blutbahn gespritzt und messen den Blutdruck, erkennen einen drohenden Herzinfarkt oder Krebs im Frühstadium. In der neuen Titanhüfte befindet sich ein Chip, der als Schrittzähler fungiert, den Insulinspiegel misst und automatisch einen Notruf tätigt, wenn der Besitzer stürzt und Hilfe benötigt. Gewebeingenieure züchten aus synthetischen Materialien oder dem Gewebe des Patienten Organe und ersetzen damit alte oder kranke Gewebe. Solche Verfahren werden bald so normal sein wie der Herzschrittmacher.

Die digitale Revolution wird sowohl die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen als auch das Angebot von Gesundheitsversorgern verändern. In Deutschland nutzen heute mehr als zwei Drittel der über 16-Jährigen das Internet und Online-Plattformen zur Beschaffung gesundheitsrelevanter Informationen. Je jünger, desto aktiver wird das Internet als Informationsquelle genutzt. Das hat Folgen für traditionelle Gesundheitsexperten wie Ärzte und Therapeuten. Der Bürger wird zum zentralen Gesundheitsakteur.

Der Patient ist Partner, nicht Gegner

Der Gesundheitsbürger ist aufgeklärt und sieht sich mit dem Arzt seines Vertrauens auf Augenhöhe. Ärzte und andere Gesundheitsexperten verlieren ihre exklusive Deutungshoheit. Ihre Aufgabe wird es sein, nicht um ein Mehr an Informationen zu konkurrieren, sondern gesundheitliches Orientierungswissen herzustellen und den Patienten als Partner einzubinden. Ärzte und Gesundheitsexperten sollten im mündigen Patienten, der sich aktiv beteiligt und sich um sein individuelles Gesundheitsmanagement bemüht, einen Partner und keinen Gegner sehen.

Die Digitalisierung wirkt dabei wie ein Katalysator. Sie macht Gesundheitswissen zugänglich, verschafft dem Einzelnen die Hoheit über seine Gesundheitsdaten und gibt die gesundheitliche Verantwortung in Patientenhand. Der digitale Mehrwert für den Patienten liegt beispielsweise darin, Messungen von Blutdruck, Blutzucker und des Herzrhythmus selbst vorzunehmen. Für den amerikanischen Kardiologen und Genetiker Eric Topol wird Medizin in Zukunft eine „Wissenschaft der Individualität“. Nach unseren Maßstäben ist dies aber ein Widerspruch in sich. Wissenschaft basiert nicht auf Individuen, sondern auf Gruppen, Gesetzen und Durchschnittswerten.

Lebensqualität aus Algorithmen

Big Data und Algorithmen können Gesundheit und Lebensqualität fördern. Es geht um die Verknüpfung riesiger Datenmengen. Die Digitalisierung verändert alle bisher bekannten zeitlichen und räumlichen Dimensionen. Speicherkapazitäten, Zugriffsmöglichkeiten, Transparenz unter Beachtung des Datenschutzes fordern das deutsche Gesundheitssystem heraus.

Big-Data-Analysen können zum Aufdecken von Risiken eingesetzt werden. Anhand von Patientendaten lässt sich berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient nach einer Hüftoperation Komplikationen entwickelt. „Zu Hause gesund werden“, „Alt werden an einem Ort“ oder „Glücklich und gesund zu Hause älter werden“ sind die Versprechen. Verboten bleiben muss die Diskriminierung von Versicherten und Patienten. In der gesetzlichen Krankenversicherung gilt auch im digitalen Zeitalter das Solidarprinzip. Eine Individualisierung der Risiken würden die Bürger nicht akzeptieren.

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