Einstein zu Weihnachten : Relativitätstheorie unterm Christbaum

Auf dem Büchertisch zum Jubiläum der Relativitätstheorie kann jeder fündig werden. Egal ob Einstein-Spezialist oder Laie.

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Belesen. Einsteins Bibliothek wanderte mit ihm nach Princeton und nach seinem Tod an die Hebrew University in Jerusalem. Dort werden heute zusätzlich Bücher gesammelt, die über den großen Physiker verfasst werden – so wie zum Jubiläum der Relativitätstheorie.
Belesen. Einsteins Bibliothek wanderte mit ihm nach Princeton und nach seinem Tod an die Hebrew University in Jerusalem. Dort...Foto: AFP

Condofuri, eine süditalienische Gemeinde an der Stiefelspitze. Dem Physiker Carlo Rovelli, einem Vordenker der modernen Quantengravitation, offenbarte sich hier die Schönheit der allgemeinen Relativitätstheorie. Eingetaucht in das Licht der Mittelmeerküste, las er als Student einen Sommer lang in einem von Mäusen angenagten Physikbuch, mit dem er zuvor Löcher in seiner etwas verwahrlosten Wohnung abgedichtet hatte.

Rovelli blickte in „eine bunte, erstaunliche Welt, in der Universen explodieren, der Raum in ausweglosen Löchern versackt, die Zeit sich beim Herabsinken auf einen Planeten verlangsamt und die grenzenlosen Weiten des interstellaren Raums sich kräuseln und wogen wie die Meeresoberfläche“. Immer wieder schaute er von seinem Buch auf über das glitzernde Mittelmeer. Es kam ihm so vor, als sähe er vor sich das Sichkrümmen von Raum und Zeit. So wie Einstein es sich vorgestellt hatte.

Rovellis soeben erschienene „Sieben kurze Lektionen über Physik“ (Rowohlt 2015, 95 Seiten, 10 Euro) sind keine Sammlung von Universitätsvorlesungen. Vielmehr möchte der theoretische Physiker in diesem dünnen, kleinformatigen Buch, das mit Einstein beginnt und mit Fragen zur Stellung des Menschen im Kosmos endet, seiner eigenen Begeisterung als Forscher Ausdruck verleihen. Das gelingt ihm ausgezeichnet. Flimmernde Seiten für alle, die den Blick nur für ein paar Stunden über das Meer der Wissenschaft schweifen lassen möchten.

Eine kurzweilige Reise zu schwarzen Löchern und ein Einblick in Einsteins Physik

Sehr viel deutlicher zeichnen sich die Konturen der modernen Forschung in dem Buch „Einsteins Jahrhundertwerk“ (dtv 2015, 280 Seiten, 16,90 Euro) ab. Der Wissenschaftsjournalist Thomas Bührke beleuchtet darin die Entstehungsgeschichte der neuen Gravitationstheorie und zeichnet an einer Fülle von Beispielen nach, welche Experimente Physiker und Astronomen seit dem Jahr 1915 ausgetüftelt haben, um Einsteins Lehren zu überprüfen.

Bührke hat schon mehrere Bücher über Einstein geschrieben. Seine Stärken liegen in der bündigen, präzisen Erklärung komplexer physikalischer Zusammenhänge. Immer dicht an den Quellen, vermittelt er dem Leser einen Eindruck davon, wie die allgemeine Relativitätstheorie, ein zunächst als unverständlich und abstrakt geltender Zweig der Wissenschaft, nach einem längeren Winterschlaf, der bis in die 1960er Jahre andauerte, experimentellen Techniken zugänglich wurde und warum sie in der modernen Kosmologie reife Früchte trägt. Eine kurzweilige Reise zu schwarzen Löchern und ein konzentrierter Einblick in die einsteinsche Physik.

Opulenter ist das Buch „Jenseits von Einsteins Universum“ (Franckh Kosmos 2015, 464 Seiten, 24,99 Euro). Auch hier erfährt der Leser, wie Einstein eine Bühne für ein Jahrhundert astronomischer und physikalischer Forschung gezimmert hat. Der Autor, der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas, folgt allerdings nur vordergründig der Chronologie der Ereignisse. Als exzellenter Kenner der Materie verweist Vaas stets auf heutige Diskussionen.

Das unergründliche Lächeln einsteinscher Katzen

Was ist Zeit? Inwiefern entspricht die Gravitation einer Geometrie der Raumzeit? Vor welchen Herausforderungen stehen Wissenschaftler bei einer einheitlichen Beschreibung von Quanten- und allgemeiner Relativitätstheorie? Solche Fragen sind es, denen Vaas mit Verve nachgeht – ohne Einstein aus dem Blick zu verlieren, der philosophische Diskurse gelegentlich mit einem Augenzwinkern kommentierte: „Man hat den Eindruck, dass die moderne Physik auf Annahmen beruht, die irgendwie dem Lächeln einer Katze gleichen, die gar nicht da ist.“ Ein dicker Schmöker für Physikinteressierte über das bis zuletzt Rätselhafte der Jahrhunderttheorie, der auch das unergründliche Lächeln einsteinscher Katzen einfängt.

Kein Buch, das zum hundertsten Jahrestag der allgemeinen Relativitätstheorie erschienen ist, nimmt selbige so genau unter die Lupe wie „The Road to Relativity“ (Princeton University Press, 235 Seiten, 35 Euro) von Hanoch Gutfreund und Jürgen Renn. Der theoretische Physiker und der Wissenschaftshistoriker schauen Seite für Seite auf Einsteins erste zusammenfassende Darstellung seiner neuen Theorie, veröffentlicht im Mai 1916. Dem Leser wird ein Faksimile dieses Originalmanuskripts „Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie“ dargeboten, die beiden ausgewiesenen Einstein-Experten erläutern jedes der 50 handgeschriebenen Blätter und gewähren profunde Einsichten in die Gedankenwelt des Forschers.

Die Pfade waren nur scheinbar Irrwege und Sackgassen

In dem aufwendig gestalteten, englischsprachigen Band möchten Gutfreund und Renn den Erkenntnisprozess als solchen transparent machen. Daher schrecken sie nicht davor zurück, den Physiker auch auf solchen Pfaden zu begleiten, die zwar Irrwege oder Sackgassen zu sein scheinen, die sich aber bei näherem Hinsehen als Voraussetzungen für die Neustrukturierung und den reflexiven Umbau des tradierten Wissens erweisen. Ein tiefschürfendes Buch über eine außergewöhnliche Odyssee. Und ein besonderes Geschenk für Einstein-Liebhaber.

Wer noch mehr über Einsteins Physik erfahren möchte, der kann bei dem berühmten Wissenschaftler selbst nachschlagen. Einstein, für seine köstlichen Bonmots bekannt, ist auch ein guter Interpret seiner eigener Theorien. Auf dem Büchertisch findet man zum Beispiel sein Buch „Die Evolution der Physik“ (Anaconda 2014, 320 Seiten, 7,95 Euro), das er zusammen mit dem Relativitätstheoretiker Leopold Infeld geschrieben hat. Allerdings mahnen die Autoren im Vorwort an, der Leser müsse ein Interesse für physikalische und philosophische Zusammenhänge mitbringen. Man könne „ein wissenschaftliches Buch, mag es auch populär gehalten sein, nicht wie einen Roman lesen“.

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