Entdeckung : Flötentöne der Steinzeit

Neuer Sensationsfund: Forscher entdecken eine altsteinzeitliche Flöte in einer Wohnhöhle auf der Schwäbischen Alb

Michael Zick

Noch vor fünf Jahren war Nicolas Conard fest überzeugt: „So etwas gibt es nicht!“ Das „Etwas“ war eine Flöte, gefertigt aus Elfenbein und rund 37 000 Jahre alt. Gestern stellte der Professor für Urgeschichte an der Uni Tübingen abermals eine Flöte vor, gleich alt und aus einem Geierknochen gefertigt. Aus den Ergebnissen der letzten fünf Jahre zog Conard jetzt den Schluss: „Es gab vor 35 000 Jahren schon eine ausgeprägte Musiktradition“ – also nicht einen einzelnen fiddler on the roof, sondern Musik als kulturelles Gut einer ganzen Menschengruppe.

Die setzte etwa um 40 000 vor heute zum großen Sprung an, ihre Mitglieder gehörten der Art Homo sapiens an. Dieser erste anatomisch moderne Mensch war aus Afrika aufgebrochen und in die Welt gezogen. Nach Europa kam er hauptsächlich über das Donautal. Im deutschen Südwesten, an der oberen Donau angelangt, explodierten seine kognitiven und künstlerischen Fähigkeiten in einem kulturellen Urknall. Seit Jahren fördern Conard und Kollegen dafür die Belege aus dem Schutt der prähistorischen Wohnhöhlen auf der Schwäbischen Alb.

In einem Beitrag für das Fachblatt „Nature“ geht Conard nun mit seinem neuen Fund speziell dem Thema Musik nach. Im Herbst letzten Jahres klaubten die Forscher elf Bruchstücke aus dem Boden der Höhle „Hohle Fels“, ein Teil fand sich später beim Schlämmen im Sieb. Zusammengesetzt ergaben die Fragmente ein Instrument von stattlichen 22 Zentimetern Länge mit fünf Grifflöchern, damit hatte es den Tonumfang heutiger Blockflöten. Die „Flöte 1“ vom Hohle Fels ist damit die größte bislang gefundene. Im Umkreis tauchten noch einzelne Stückchen zweier Blockflöten aus Elfenbein auf. Insgesamt können die Tübinger Forscher jetzt acht Flöten in den drei schwäbischen Vorzeitgrotten nachweisen. Einige nur als Einzelfragment, aber mindestens zwei noch heute bespielbar.

Die überaus penible archäologische Arbeit der Wissenschaftler – die Erd- und Schuttschichten in den Höhlen werden zentimeterweise abgetragen – zahlt sich aus. Conard kann seine Funde der letzten Jahre in ein abgesichertes Netz von Kohlenstoff-Datierungen nach der C 14-Methode einpassen, die alle in der Zeit 30 000 vor heute und älter liegen.

Die „Flöte 1“ vom Hohle Fels reiht sich nun in diese beeindruckende Sammlung altsteinzeitlicher Funde ein. Damit setzt sich eine Erfolgsgeschichte fort, die ohne Ende und vor allem ohne Beispiel ist. Seit Jahren holen die Tübinger Archäologen aus den Grotten des Hochplateaus zwischen Stuttgart und Donau vorgeschichtliche Kleinplastiken ans Licht.

Die Produktpalette der fantasievollen Nach-Eiszeitler umfasst Mensch-TierMischwesen, wie den berühmten 30 Zentimeter großen Löwenmenschen, der vor einigen Jahren noch einen kleineren Bruder bekam, geschnitzte Elfenbeinmammuts, Löwen, Wisente, Bären, eine Ente im Flug und ein Pferdchen aus dem gleichen Material. Rund zwei Dutzend solcher Kleinplastiken wurden bislang geborgen. Zusätzlich zeugen Schmuckstücke und neue Werkzeugformen von einer überbordenden Kreativität bei Menschen, die als Jäger eigentlich genug damit zu tun hatten, zu überleben. Die Funde der Tübinger Forscher haben die südfranzösischen und spanischen Höhlenmalereien als älteste Zeugnisse menschlicher Kreativität längst vom Sockel gestoßen.

Die herausragendsten Stücke der letzten Jahre waren die Luxusflöte aus Elfenbein und jüngst die „Venus vom Hohle Fels“. Mit dieser ältesten dreidimensionalen Frauenfigur muss die Wissenschaft ihre eigene Skala der Menschheitsentwicklung revidieren: Mit einem Alter von rund 36 000 bis 40 000 Jahren ist die schwäbische Urmutter um mindestens 10 000 Jahre älter als die bekannte Venus von Willendorf. Deren Zeit zwischen 27 000 und 22 000 vor heute wurde bislang als Beginn plastischer Menschendarstellung angesehen. Conard: „Wir werden einiges umschreiben müssen.“

Die vor fünf Jahren rekonstruierte Elfenbeinflöte aus der Höhle Geißenklösterle kommt ebenfalls auf ein Alter von etwa 37 000 Jahren. Sie stellt nicht nur ein Luxusobjekt dar, sondern ist ein High-Tech-Produkt bislang unbekannter Machart und Qualität. Denn anders als bei den von Natur aus hohlen Vogelknochen, musste der Flötenbauer zunächst ein Stück spröden Mammutstoßzahn zurechtschnitzen, den Rundling dann längs halbieren und aushöhlen. Vermutlich hat er die beiden Hälften mit Birkenpech, dem Pattex der Altsteinzeit, zusammengeklebt. Zahlreiche Kerbungen rundherum lassen vermuten, dass das Gerät zusätzlich mit Tiersehnen oder Pflanzenfasern luftdicht zusammengeschnürt wurde. Das war kein Lehrlingsstück.

Auch die neue Flöte 1 aus der Hohle- Fels-Höhle stand in einer ausgereiften Traditionslinie. Zusammen mit den anderen Musikalienfunden auf der Schwäbischen Alb kann Conard guten wissenschaftlichen Gewissens resümieren: „Die Musik spielte bei den frühen Bewohnern Südwestdeutschlands eine wichtige Rolle.“ Der Tübinger Forscher ist sich sicher, dass Musik beim modernen Menschen innovatives Verhalten und stärkere soziale Bindungen zumindest befördert hat, was ihm einen Vorsprung gegenüber dem benachbarten Neandertaler einbrachte. Kurz: Die Musik gab den Takt der Entwicklung an.

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