Entzogener Doktortitel : Schavans Jubelprofessoren

Briefe, Artikel, Pressemitteilungen: Wie die Spitzen der Wissenschaft auf das Plagiatsverfahren von Bildungsministerin Annette Schavan einwirken wollten.

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Im April 2014 überreicht  Peter Dominiak, Rektor der Uni Lübeck, Annette Schavan die Ernennungsurkunde zur Ehrendoktorin
Arglistig getäuscht. Annette Schavans Dissertation hatte die Aufmerksamkeit eines anonymen Plagiatsjägers erregt, nachdem die...Foto: picture alliance / dpa

Was für ein skurriler Vorgang: Ein Rektor ehrt zwei Professoren seiner Uni mit Ehrenmedaillen, weil sie sich an einem Plagiatsverfahren beteiligt haben. Ganz so, als gehörten Plagiatsverfahren nicht zum Alltag deutscher Universitäten, als seien nicht ständig irgendwo Wissenschaftler damit befasst, verdächtige Arbeiten zu untersuchen und faule Eier aus dem Diskurs zu verbannen. In Düsseldorf aber avancieren zwei Professoren dabei zu Uni-Helden: Rektor Michael Piper dekorierte seine Kollegen Bruno Bleckmann und Stefan Rohrbacher zum Semesterende für ihre „beispielhafte akademische Zivilcourage“ im Plagiatsverfahren von Annette Schavan. Sie hätten „die Freiheit zur Kritik fehlerhafter wissenschaftlicher Arbeiten in einem Fall großer öffentlicher Einflussnahme mutig verteidigt“, erklärte Piper.

Die Uni Düsseldorf hat nicht einmal gemurmelte Entschuldigungen gehört

Der Rektor, der selbst in die Sache involviert war, und die beiden Professoren klopfen sich also tüchtig auf die eigenen Schultern. Das Selbstlob zeugt allerdings von dem Wunsch der Wissenschaftler, auch in der scientific community und der medialen Öffentlichkeit rehabilitiert zu werden, nachdem das Düsseldorfer Gericht ihr Vorgehen bereits im März nicht nur für völlig rechtens, sondern auch für überaus wissenschaftsadäquat erklärt hatte.

Einen „Kniefall“ hat der Münchener Juraprofessor und Plagiatsexperte Volker Rieble nach dem Urteil von jenen verlangt, die monatelang in großen Zeitungsartikeln, in Pressemitteilungen und in Briefen an die Universität versuchten, die Untersuchungen zu beeinflussen. Ausgerechnet exponierte Repräsentanten der Wissenschaft haben sich dabei eifrig hervorgetan. Der Eindruck ist entstanden, den Wissenschaftsmanagern sei der Machterhalt Schavans wichtiger gewesen als die Werte der Wissenschaft, als hätten sie sich weit von der Wirklichkeit der Studierenden und Wissenschaftler entfernt, für die sie sprechen sollen.

„Akademische Zivilcourage“. Zum Semesterende ehrte Michael Piper, Rektor der Uni Düsseldorf (rechts), seine mit dem Fall Schavan besonders befassten Kollegen: den Dekan Bruno Bleckmann und den Judaisten Stefan Rohrbacher (links).
„Akademische Zivilcourage“. Zum Semesterende ehrte Michael Piper, Rektor der Uni Düsseldorf (rechts), seine mit dem Fall Schavan...Foto: promo/Uni Düsseldorf

Die Uni Düsseldorf hat von diesen Wissenschaftsmanagern bislang nicht mal eine leise gemurmelte Entschuldigung gehört, geschweige denn einen Kniefall gesehen. So versuchen die mit dem Fall Schavan befassten Professoren, ihre von interessierten Kreisen beschädigte Reputation selbst wiederherzustellen. Im Innern der Uni soll dazu eine lange Erklärung mit angehängter Materialsammlung beitragen. Bruno Bleckmann, der für Schavans Plagiatsverfahren zuständige Dekan der Philosophischen Fakultät, hat die 73-seitige Dokumentation am 7. Juli dem Akademischen Senat der Universität vorgetragen und dort verteilt.

MPG-Chef Gruss insinuiert, die Arbeit werde zu streng bewertet

Das Papier, das dem Tagesspiegel vorliegt, gibt weitere Einblicke in die Vorgänge. Bekannt wird damit ein Brief, den Peter Gruss, der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, an den Fakultätsrat geschrieben hat, nämlich am Tag vor der Entscheidung darüber, ob die Fakultät nach der Vorprüfung von Schavans Dissertation („Person und Gewissen“, 1980) das Hauptverfahren eröffnen will. Vor dem Hintergrund, dass die Max-Planck-Gesellschaft sich selbst als Elite der deutschen Wissenschaft betrachtet, ist die Stoßrichtung ihres Präsidenten besonders erstaunlich. Obwohl zu diesem Zeitpunkt schon klar ist, dass Schavans Arbeit überprüft werden sollte (die zahlreichen Fundstellen, die ein Plagiatsjäger im Internet dokumentiert, legen das nahe, ebenso wie die durch den „Spiegel“ veröffentlichte Dokumentation Rohrbachers), insinuiert Gruss, die Dissertation drohe zu streng und mit falschen Maßstäben bewertet zu werden.

„Das Verfahren wird auch außerhalb Deutschlands mit großem Interesse verfolgt“, lässt er den Fakultätsrat am 21. Januar 2013 wissen und fordert „insofern“ „eine differenzierte Betrachtung“ von Schavans Arbeit: „Das schließt meines Erachtens eine Berücksichtigung der Zitationskultur des jeweiligen Faches sowie der technischen Arbeitsmethoden im Jahr 1980 und davor mit ein. Zumal nicht die wissenschaftliche Aussage der vorgelegten Dissertation, sondern der berichtende Teil von den Plagiatsvorwürfen betroffen ist.“ Gruss schließt mit der Warnung: „Vor dem Hintergrund der Berichterstattung in den Medien kann ich Sie als Mitglieder des Fakultätsrats nur darin bestärken, alles zu tun, um die Wissenschaft und wissenschaftliche Prinzipien nicht zum Spielball politischer Interessen werden zu lassen.“

Das Gericht bescheinigte Schavan "arglistige Täuschung"

Schavan hat aber keineswegs versehentlich einige Fußnoten vergessen, wie sie Schülern noch im April erklärte („Südwestpresse“ vom 10. April). Das Gericht hatte ihr im März „arglistige Täuschung“ bescheinigt. Es dokumentierte 60 Fundstellen, keineswegs nur im „berichtenden Teil“ der Arbeit. Von „handwerklichen Fehlern“ könne keine Rede sein. Da es eine Verjährung für Plagiate in Dissertationen aus guten Gründen nicht gebe, sei Schavan der Doktorgrad zu Recht aberkannt worden. Ebenfalls nicht überzeugen ließ sich das Gericht von dem nicht nur von Gruss vorgetragenen Argument, in der Erziehungswissenschaft habe man vor 35 Jahren seine Zitate aus anderen Werken nicht durchgängig belegt (hier das gesamte Gerichtsurteil).

Wusste Gruss es wirklich nicht besser? Oder könnte es sein, dass nicht wie von ihm angedeutet der Fakultätsrat in Gefahr war, „zum Spielball politischer Interessen“ zu werden, sondern er selbst, wie sein Brief nahelegen könnte? Die von ihm verfolgte Strategie, das Verfahren durch wolkige Anspielungen ins Zwielicht zu bringen, ist für Schavans Unterstützer aus der Wissenschaft typisch. Mit dieser Methode hatte nicht zuletzt die Allianz der zehn großen Wissenschaftsorganisationen versucht, den Gang des Verfahrens zu beeinflussen – wie Gruss, unmittelbar bevor an der Uni die Entscheidung über die Eröffnung des Hauptverfahrens anstand. Vier Tage vor dem Termin verschickt die Allianz eine „Gemeinsame Erklärung“ an die Presse. Darin suggeriert sie, die Düsseldorfer würden „in der Wissenschaft übliche Verfahrenselemente“ ignorieren, „wie das Mehraugen-Prinzip, die Trennung von Begutachten, Bewerten und Entscheiden sowie eine angemessene Berücksichtigung des Entstehungskontextes“ aus fachwissenschaftlicher Perspektive.

Obwohl diese Darstellung inhaltlich falsch war und auch nie belegt wurde, wurde sie im Anschluss immer wieder in Umlauf gebracht – auch von Berlins früherem Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner in der „Zeit“ und noch unmittelbar vor dem Gerichtsurteil wiederum in der „Zeit“ vom damaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Wolfgang Marquardt.

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