Erforschung des Judenhasses : Wie sich der Antisemitismus gewandelt hat

Dem Judenhass auf den Grund gehen: Antisemitismusforscher Werner Bergmann verlässt die TU Berlin – seine Forschungen bleiben weiterhin relevant.

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Eine Frau hält ein Plakat mit der Aufschrift "Blumen verzaubern, Zionisten vernichten" hoch.
Wahrgenommene Bedrohung. Parole bei einer "Al Quds"-Demonstration in Berlin.Foto: picture alliance / dpa

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 1366 antisemitische Straftaten registriert. Dahinter stehen antisemitische Einstellungen, die weit über den Kreis der Täter hinausreichen. Wie weit sie in der Gesellschaft tatsächlich verankert sind, versucht die empirische Sozialforschung in repräsentativen Bevölkerungsumfragen zu ermitteln. Langzeitbeobachtungen stellten die Abnahme des Antisemitismus nach etwa 2004, dann aber seine Konstanz bis heute im Bereich zwischen acht und zehn Prozent fest. Viele dieser Studien konzipiert und geleitet hat seit Jahrzehnten der Sozialwissenschaftler Werner Bergmann.

Zum Abschied des 66-jährigen Professors am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin in den Ruhestand vergewisserten sich Kolleginnen und Kollegen jetzt bei einem Symposium der gemeinsamen Forschungsmethoden und Theorien. Bergmann kam 1984 ans ZfA, habilitierte sich 1996 an der FU und wurde 1999 zum Professor für Soziologie ans ZfA berufen.

Israel-Kritiker stimmen antisemitischen Vorurteilen teilweise zu

Ein führender Antisemitismusforscher geht, sein Thema bleibt – und es verliert in keiner Weise an Relevanz. Gibt es Antisemitismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft? Beate Küpper, Professorin in Mönchengladbach, musste feststellen: „Das ist die Mitte!“ Aufschlussreich waren dazu Befragungen vor und nach dem Gaza-Konflikt 2014. Während der Anteil der Befragten, die einen zu großen Einfluss von Juden sehen, unverändert blieb, stieg der Anteil derjenigen, die Juden eine Mitschuld an der ihnen entgegengebrachten Ablehnung gaben, deutlich an.

Kritik an Israel wird von einer Mehrheit der Befragten geäußert, ohne dass diese antisemitisch gefärbt wäre, erklärte Küpper. Indes lässt sich zeigen, dass 65 Prozent der Kritiker mindestens einer Facette des Antisemitismus – wie er in entsprechenden Fragen operationalisiert wird – zustimmen.

Eine These: Nach der "Autoritären Persönlichkeit" stagnierte die Theorie

Den Stand der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung in Deutschland zu beschreiben, wie es sich das Symposium vorgenommen hatte, bedeutet, mit der „autoritären Persönlichkeit“ zu beginnen. Geprägt wurde der Begriff von der Frankfurter Schule und namentlich durch Theodor W. Adorno im amerikanischen Exil der vierziger Jahre.

Die Grundannahme lautet, dass eine autoritäre Erziehung Individuen hervorbringt, die zu ethnozentristischen und insbesondere antisemitischen Einstellungen neigen. Eva-Maria Ziege (Bayreuth) wollte die versammelte Zunft mit ihrem profunden Überblick über die „Authoritarian Personality“ wohl auch dazu anregen, das im Jahr 1950 unter diesem Titel erschienene Buch neu zu lesen und für unsere Zeit zu interpretieren. Denn die Theoriebildung des Fachs stagniere.

Antisemitismus im Wandel: Von der Weltanschauung zur Schuldabwehr

Die beachtliche Analysekompetenz der Antisemitismusforschung wollte dagegen Jan Weyand, ein wissenschaftlicher Spross des Zentrums und mittlerweile Professor in Erlangen, unter Beweis stellen. So sei es gelungen, den Wandel des Antisemitismus nach 1945 herauszuarbeiten. Nach dem Ende der Nazi-Zeit verlor er seinen „weltanschaulichen Charakter“ und wird überlagert von der „Schuldabwehr“, der „Abwehr der Erinnerung an den Holocaust“.

Anti-Antisemitismus wird „Teil der Staatsdoktrin“ der Bundesrepublik, es kommt zum „Antisemitismus ohne Antisemiten“, führte Weyand aus. Das Spektrum des „öffentlich Sagbaren“ verengt sich, es kommt zur Spaltung von öffentlicher und privater Kommunikation. Dass sich „eine seit Jahrhunderten tief verwurzelte Einstellung in kurzer Zeit grundsätzlich“ wandelte, nannte Weyand „einzigartig“. Allerdings ermöglichte das offizielle „Kommunikationsverbot“ den Übergang zur Nachkriegs-Demokratie „ohne Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“.

Von der Antisemitismus- zur Vorurteilsforschung

Durch die Moralisierung der öffentlichen Rede wird der Antisemitismus „latent“ gehalten und kommt nur mehr in der Form des „Skandals“ – im Sinne Emile Durkheims als Verletzung gesellschaftlicher Tabus – zum Vorschein. Es findet „Ersatzkommunikation“ insbesondere in Form von Antizionismus und massiver Israel-Kritik statt.

Der Ausrichtung des Berliner Zentrums ist Stagnation ohnehin nicht nachzusagen, hat sie doch seit einiger Zeit ihr Profil auf die umfassendere Vorurteilsforschung erweitert. Nun ist Antisemitismus nach Max Horkheimer – dem eng mit Adorno verbundenen Kopf der Frankfurter Schule– eine Form des Vorurteils. Gegenüber dem allgemeinen Rassismus ist es durch die enge Verzahnung mit der Demokratiefeindschaft und damit mit dem unmittelbar Politischen gekennzeichnet.

Die Auseinandersetzung mit dem AJC nicht offen thematisiert

Horkheimer war es auch, der die „Studies in Prejudice“ begründete. Eva-Maria Ziege wies darauf hin, dass diese in ihrer Entstehungszeit in den 1940er Jahren vom American Jewish Committee (AJC) finanziert wurden, das sich „politisch nutzbare Erkenntnisse“ erwartet habe.

Falls dies ein Hinweis auf die Auseinandersetzung zwischen ZfA und AJC unter anderem über eine Studie des Zentrums zum Antisemitismus in Berlin 2010 bis 2013 war, sollte es der einzige bleiben. Im vergangenen Jahr hatte das Committee dem ZfA „Verharmlosung des Judenhasses“ vorgeworfen; unter anderem werde die in der Jüdischen Gemeinde verstärkt wahrgenommene Bedrohung von Juden in Berlin nicht ernst genommen. Eine produktive Auseinandersetzung mit dieser und anderer Kritik wäre ein guter Ausgangspunkt für das Symposium gewesen. Doch die vorgesehene (Selbst-)Feier ließ dafür keinen Raum.

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