Wissen : Fieber allein macht noch kein Kunstwerk

Im Salon der Berliner Akademie stritten Wissenschaftler und Künstler unterhaltsam über Sinnfragen.

von
Volles Haus. Der Dialog von Kunst und Wissenschaft war Mäzenin Sophie Charlotte selbstverständlich. Im Akademie-Salon in ihrem Namen drängte sich das Publikum. Foto: BBAW/Johanna Pohl
Volles Haus. Der Dialog von Kunst und Wissenschaft war Mäzenin Sophie Charlotte selbstverständlich. Im Akademie-Salon in ihrem...

„Dem Wahren, Schönen, Guten“: Goethe nannte die drei noch problemlos in einem Atemzug. Er widmete seine Tage zugleich der Farbenlehre, dem Drama und der Landesverwaltung. Auch Königin Sophie Charlotte, Ahnfrau der Berliner Akademie und Freundin des Philosophen Leibniz, hatte eine durch Wissenschaften und Künste zugleich bereicherte hauptstädtische Atmosphäre im Sinn. Über 300 Jahre später ist die Verbindung beider keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Jahresthema für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: „ArteFakte. Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“. Ist Wissenschaft nicht etwas für den rationalen Verstand, Kunst dagegen Nahrung für die Seele, Ausfluss der Inspiration? Fragen beim diesjährigen Salon Sophie Charlotte, zu dem die Akademie am Samstagabend die Berliner in ihr schönes Haus am Gendarmenmarkt bat.

„Der Pinsel ist mein Forschungswerkzeug“, erklärte dort kurz und bündig der Maler Johannes Grützke im Gespräch mit Kirchenhistoriker Christoph Markschies. Malerei ist für Grützke, den Vertreter der „Schule der neuen Prächtigkeit“, immer mehr zu einer Methode der Erkenntnis geworden. „Mein Pinsel weiß nicht, was ich ‚gehirnlich’ denke. Er malt, und er hat recht!“ Die Chance, beim Malen etwas über die Welt zu erfahren, habe er nur, wenn er die Dinge dabei „laufen lasse“.

Aber wie kommt es, dass sie laufen? Der berühmte Kuss der Musen, der schöpferische Augenblick, die künstlerische Einbildungskraft: Klassische Themen für die (Kultur-)Wissenschaft. Die Schriftsteller Aris Fioretos und Michael Lentz sind beiden Sätteln gerecht, dem des Romanciers und dem des Literaturwissenschaftlers. Im Gespräch mit Akademiemitglied Ernst Osterkamp erteilten beide zunächst einmal dem Begriff des „Originalgenies“ eine gründliche Absage. Ja, doch, man werde zuerst angesteckt von einer Idee, und was man landläufig Inspiration nenne, das gleiche einer Infektion, sagte Fioretos. Doch Fieber allein mache noch kein Kunstwerk. „Die Frage ist doch: Wie wird der Musenkuss verwaltet? Das ist wichtig!“ Ohne Handwerk, Kalkül und Kontrolle entsteht keine gute Literatur, darin waren die drei Gesprächspartner sich einig. Worum es in ihr gehe, das sei allerdings das Abgründige, oft auch das Irrsinnige, sagte Lentz. Und nicht zuletzt der Tod.

Als Grenze ist er ein wichtiges Thema der Medizin. Fragen wie die nach dem Hirntod als Voraussetzung der Organtransplantation waren Gegenstand des Kongresses „Die Untoten“, zu dem die Kulturstiftung des Bundes und die Berliner Akademie im Mai 2011 Kultur- und Lebenswissenschaftler wie auch Künstler bei Kampnagel in Hamburg zusammengeführt hatten. Im Foyer des Wissenschaftsforums war das daraus entstandene „Archiv des Untoten“ zu besichtigen.

Seit den 90er Jahren beginnt die Kunst, sich mit biologischen Themen auseinanderzusetzen. Die Kunst braucht ihrerseits die Wissenschaft; Editionen von Büchern und Noten sind nur ein Beispiel dafür. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Martin Heller, Projektentwickler der Agora im Humboldtforum, wollen beide Welten an diesem alt-neuen Ort zusammenbringen. Etwas despektierlich verglich Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, das Humboldtforum mit einem Krankenhaushemd: Auch der geplante Bau sei schließlich „hinten offen“. Staeck war von Anfang an gegen den „Schwindel mit der Fassade“, nun äußerte er einen Wunsch für die Inneneinrichtung des Schlossneubaus: Ein „Haus der Republik“ solle dort entstehen, wo Kunst, Politik und Wissenschaft sich treffen. Orientierung sei gefragt, „die Welt ist in Aufruhr“.

Eine Welt, die dringend der Philosophie bedarf. Jedenfalls einer Philosophie, wie der langjährige FU-Professor Peter Bieri sie versteht, nämlich als „Versuch, existenzielle Fragen aufzuschließen“, indem man vertraute Begriffe auf ihre Bedeutung abklopft. In der akademischen Welt habe er bei diesem Geschäft aber oft individuelle, unverkennbare Stimmen vermisst, sagte Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier Romane schreibt. In seiner Person kamen Wissenschaft und Kunst an diesem Abend besonders glücklich zusammen. Das Interesse des Publikums jedenfalls war riesengroß – und einen Platz zu ergattern eine Kunst oder Wissenschaft für sich. Adelheid Müller-Lissner

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben