Flüchtlinge an Berliner Unis : Chancen für Bewerber ohne Zeugnisse

Uni-Assist lehnt Flüchtlinge, die sich trotz fehlender Zeugnisse um einen Studienplatz bewerben, nicht ab. Mit den Unis wurde ein "gesondertes Verfahren" vereinbart. Auch an Berliner Hochschulen gibt es neue Bewegung in der Flüchtlingsfrage.

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Studenten im MINT grün Programm basteln an einer Apparatur, in der ein Globus eingebaut ist.
Global denken. Die TU Berlin will ihr Orientierungsstudium „MINT grün“ für Flüchtlinge öffnen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wie kommen Flüchtlinge ohne Zeugnisse an die Uni? Fehlende Unterlagen seien jedenfalls für die Serviceagentur Uni-Assist mit Sitz in dieser Bewerbergruppe kein Ablehnungsgrund, teilte die Geschäftsführung dem Tagesspiegel auf Anfrage mit. Uni-Assist prüft unter anderem, ob die eingereichten Zeugnisse mit deutschen Schul- oder Studienabschlüssen gleichwertig sind und grundsätzlich zum Studium in Deutschland berechtigen.

Für Flüchtlinge, die als solche erkennbar sind beziehungsweise sich zu erkennen geben, habe Uni-Assist mit seinen Mitgliedshochschulen – bundesweit sind es derzeit 172 – ein „gesondertes Prozedere“ verabredet. Fehlten für die für eine Bewerbung erforderlichen Zeugnisse, werde sie zur Einzelfallentscheidung an die Hochschulen weitergeleitet. Die Flüchtlinge könnten dann gegebenenfalls zur Probe zugelassen werden, vorbereitende Kurse am Studienkolleg besuchen oder eine Eignungsprüfung ablegen, sagt Martin Knechtges von Uni-Assist.

Anstieg der Bewerbungen aus Krisenländern

Doch wie erkennt die Agentur mit Sitz in Berlin, wer auf der Flucht ist? Seit Anfang 2014 habe es 50 derartige Fälle mit fehlenden Unterlagen gegeben. Die Studierwilligen hätten dies mit den Umständen ihrer Flucht aus ihrem Heimatland erklärt, sagt Knechtges. Es könne aber auf deutlich höhere Zahlen geschlossen werden: Aus der hauseigenen Datenbank gehe hervor, dass im selben Zeitraum knapp 3000 der insgesamt 32 000 von Uni-Assist begutachteten Bewerber für Berliner Hochschulen aus 14 maßgeblichen Herkunftsländern von Asylbewerbern kamen – darunter Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Eritrea und Somalia. Die Bewerbungen aus den 14 Ländern seien teilweise stark gestiegen. Wie bei der kleinen Gruppe der ausgewiesenen Flüchtlinge hätten auch hier besonders oft Unterlagen gefehlt. Die Bewerbung um einen Studienplatz in Deutschland könnte also häufig als Alternative zur Flucht und zu einem Asylverfahren gewählt werden.

Eine Einzelfallprüfung durch die Hochschulen ist in diesen Fällen allerdings nicht der Routineweg. Fehlen Unterlagen, werden die Bewerber zunächst abgelehnt und müssen den Beschwerdeweg beschreiten, um am Ende direkt von der Uni befragt zu werden. Normalerweise würden 15 bis 25 Prozent der Anträge abgelehnt, bei Bewerbern aus einigen der Krisenländer sei die Quote bis zu 20 Prozent höher, sagt Knechtges.

Fragt man bei den Berliner Universitäten nach, wie konkret mit problematischen Flüchtlingsfällen umgegangen wird, entsteht der Eindruck, dass es noch kein geregeltes Verfahren gibt. Und das, obwohl die Landesrektorenkonferenz ausdrücklich einen „kulanten“ Umgang beschlossen hat.

Berliner Hochschulen wollen Gasthörern die Gebühren erlassen

Doch nachdem der Berliner Senat den Hochschulzugang für Asylbewerber wie berichtet erleichtert hat, tut sich gleichwohl einiges an den Hochschulen. Jetzt soll es womöglich doch ein für alle Flüchtlinge zugängliches und gebührenfreies Gasthörerangebot geben. An der TU wird über Maßnahmen nachgedacht, „um Flüchtlingen den Einstieg zu erleichtern“, man könnte etwa auf die Gebühren verzichten oder eine Liste von Veranstaltungen zusammenstellen, die auf Englisch stattfinden, heißt es. Michael Kämper-van den Boogaart, Vizepräsident für Studium an der Humboldt-Uni, sagt, man werde eine Lösung finden, Geflüchtete bei den Gebühren zu entlasten. Und auch die FU überlegt, Lehrveranstaltungen zu öffnen.

Die TU weist zudem auf die Möglichkeit hin, dass sich alle Studierwilligen dort noch bis zum 15. September auf die NC-freien Fächer und das naturwissenschaftlich-technische Orientierungsstudium „MINT grün“ bewerben können. Zuletzt waren an der Uni 17 Bachelorprogramme, darunter Elektrotechnik, Informatik, Mathematik und Physik frei von Zulassungsbeschränkungen. Bewerber, die nicht aus dem europäischen Hochschulraum kommen, also die allermeisten Geflüchteten, müssen ihre Unterlagen auch für diese Fächer bei Uni-Assist vorprüfen lassen. Das ist bis zum letzten Tag der Einschreibefrist möglich.

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